Bücher

Bücher – muss man eigentlich nicht erklären. In unserem Fall als Überbegriff für alle Arten phantastischer Literatur – traditionell vor allem Fantasy und Science-Fiction. Kommt einfach nach Würzburg und besucht uns in Hermkes Romanboutique.

Grenzwelten

von am 16. Februar 2022 1 Kommentar

Ursula K. Le Guin
GRENZWELTEN. Zwei Romane.
Ü: Karen Nölle
(Originalzusammenstellung)
Frankfurt/M., Fischer Tor, Februar 2022, 400 S.
ISBN 978-3-596-70578-8 / 16,99 Euro

In der von Ursula K. Le Guin erdachten »Geschichte der menschlichen Zukunft« (in Science-Fiction-Kreisen auch gerne »Future History« genannt) stammen alle bekannten menschenähnlichen Völker der Galaxis von den Hain ab, weshalb ihre Erzählungen zusammengenommen den »Hainish«-Zyklus bilden und im Einflussbereich der »Ökumene« spielen. In der von TOR jetzt vorgelegten Originalzusammenstellung »Grenzwelten« sind zwei Romane Le Guins in der Neuübersetzung von Karen Nölle enthalten, die sie recht früh (DAS WORT FÜR WELT IST WALD, 1972) bzw. ziemlich spät (DIE ÜBERLIEFERUNG, 2000) in ihrer Schriftstellerinnen-Karriere geschrieben hat. Beide Bücher waren seit längerem vergriffen, sodass schon allein deswegen eine neue Ausgabe wünschenswert erschien.

DAS WORT FÜR WELT IST WALD (THE WORD FOR WORLD IS FOREST)

Dieser Roman bricht wie ein Naturereignis über den/die Leser*in herein; die Erzählung beginnt mitten im »Herz der Finsternis«.
Wir erleben die Protagonisten – Soldaten, Holzfäller und einige Wissenschaftler – bei ihrem Tagwerk auf dem Planeten Athsche, der bei ihnen den Namen New Tahiti trägt. Ihr Leben besteht aus Holzfällen, Roden und der gelegentlichen Jagd auf heimisches Rotwild und ist dabei von jener für menschliche Kolonisatoren typischen Arroganz und Überheblichkeit gegenüber den »Krietschi« genannten Einheimischen geprägt.
Da die Erde mittlerweile eine Betonwüste ist und dringend Holz braucht, stellt Athsche eine Goldgrube dar. Der Planet besteht auf seiner Landfläche ausschließlich aus Wald. Also wird er ausgebeutet. Die heimische Lebensform wird zu halbintelligenten Sklaven herabgewürdigt, dies vor allem, da sie eine konfliktvermeidende, friedliche Zivilisation aufgebaut haben. Erst als sie sich nach jahrelanger Qual wehren, müssen die Menschen einsehen, dass sie im Unrecht sind. Nur der friedliebenden Intelligenz der Athscheaner ist es zu danken, dass nicht alle Menschen getötet werden.
Das Werk steht deutlich unter dem Einfluss des Vietnam-Krieges. Die Entlaubungsaktionen und die menschenverachtende Politik der USA haben als Spiegel gedient für die Aktionen auf Athsche. Doch darüber hinaus ist es Le Guin gelungen, in ihren Personen die Archetypen solcher Konflikte zu zeichnen und darzustellen, dass es allemal schwieriger ist, Frieden zu schließen, als sinnlose Zerstörung zu verbreiten. In diesem Sinne also ein hoch moralisches Werk, das seine Intention jedoch hinter einer spannenden Geschichte zurücknimmt und keinen Zeigefinger wedeln lässt.

DIE ÜBERLIEFERUNG (THE TELLING)

»Die Überlieferung« war Le Guin letzte große Erzählung aus der Welt der Hainish.
Auf dem Planeten Aka hat sich seit dem ersten Kontakt mit der Ökumene eine rasante Entwicklung »hin zu den Sternen« ergeben, die aber als Kehrseite einen repressiven Staat zur Folge hat, der alles »Alte« als kriminell und fortschrittsfeindlich verfolgt. Die terranische Beobachterin Sati darf als erste Außenweltlerin nach vielen Jahren der Isolation ins Landesinnere reisen. Sie erlebt dort, nach einer Phase des vorsichtigen Abtastens, die ursprüngliche, die »wahre« Kultur der Einheimischen und versucht, diese zu verstehen und aufzuzeichnen. Diese Kultur ist auf Grund geographischer Besonderheiten des Planeten Aka sehr homogen, sehr friedlich und weiß wenig von Göttern und Glaubensproblemen. Sie hat starke konservative Züge, pflegt die eigene Geschichte in Büchern und vor allem im Erzählen.
Dieses »Überlieferung« genannte Ritual, von befähigten Menschen von Generation zu Generation weitergegeben, ist eine Mischung aus homerischem Erzählen und peinlich genauer Geschichtsschreibung. Bei allem Verständnis, das sich bei Sati entwickelt, bleibt jedoch ein Rest von Geheimnis – ja sogar oftmals von Missverstehen, resultierend daraus, dass eine gelebte, eigenständige Kultur sich nicht deckungsgleich übersetzen lässt.
Wie immer verbindet Le Guin philosophische Ideen mit einer interessanten Geschichte, menschlicher Anteilnahme und wundervollen Naturbeobachtungen. Sie greift eigene und von anderen Autoren (wie Orwell oder Bradbury) entwickelte Themenkreise auf, was sich jedoch kaum vermeiden lässt, da restriktive Systeme einander in der Wahl ihrer Unterdrückungsmethoden wohl allzu sehr gleichen.
Da Ursula Le Guin eine begnadete Erzählerin ist, fühlt man sich in diesem Buch schon nach dem ersten Absatz wohl und behütet; man lauscht und träumt und möchte, dass die Überlieferung niemals endet. Etwas Schöneres ist einem Buch kaum nachzusagen.

Horst Illmer

Ursula K. Le Guin
GRENZWELTEN. Zwei Romane.
Ü: Karen Nölle
(Originalzusammenstellung)
Frankfurt/M., Fischer Tor, Februar 2022, 400 S.
ISBN 978-3-596-70578-8 / 16,99 Euro

In der von Ursula K. Le Guin erdachten »Geschichte der menschlichen Zukunft« (in Science-Fiction-Kreisen auch gerne »Future History« genannt) stammen alle bekannten menschenähnlichen Völker der Galaxis von den Hain ab, weshalb ihre Erzählungen zusammengenommen den »Hainish«-Zyklus bilden und im Einflussbereich der »Ökumene« spielen. In der von TOR jetzt vorgelegten Originalzusammenstellung »Grenzwelten« sind zwei Romane Le Guins in der Neuübersetzung von Karen Nölle enthalten,

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Der Übungseffekt

von am 14. Februar 2022 1 Kommentar

David Brin
DER ÜBUNGSEFFEKT
Rainer Schmidt (Übersetzer)
Heyne Verlag
432 Seiten
ISBN-13: ‎ 9783453318175
ebook: 9783641175313

DER ÜBUNGSEFFEKT darf einfach nicht in Vergessenheit geraten!

Brins DER ÜBUNGSEFFEKT ist ein genialer SF-Abenteuerroman aus den achtziger Jahren, der mit einer außergewöhnlichen Idee (dem titelgebenden Übungseffekt) als sehr kurzweiliger Einzelband daher kommt und der den Plot bemerkenswert spannend und farbig entfaltet, sowie mit einer unerwarteten Aufklärung der Umstände aufwartet.

Der Physiker Dennis Nuel gelangt durch ein Experiment in eine Parallelwelt. Diese ähnelt zwar der unseren Erde, allerdings scheint eines der Naturgesetze auf den Kopf gestellt zu sein. Freilich möchte ich an der Stelle zum "Übungseffekt" nichts weiter verraten, da dieser im Verlauf des Buch erst nach und nach offenbart wird, daher "Finger weg!" von anderen Rezensionen, auch der Klappentext der Neuauflage ist schon "gefährlich", er verrät schon etwas Zuviel des Guten.

HEYNE hat den Roman vor etwa 5 Jahren neu aufgelegt und schon bald danach war die Printversion vergriffen.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, hier über Gerd vor Kurzem noch eine der vergriffenen Buchversionen (gebraucht) ergattert zu haben und ich werde das Buch demnächst auch wieder über die Gebrauchtabteilung im Laden "in den Kreislauf" der SF-Fans geben.

Hierzu ein kleines Statement: Wie Ihr wisst, gibt es im Laden insbesondere "Leser", "lesende Sammler" und "sammelnde Sammler". Zwar sind die Abstufungen zwischen diesen drei Archetypen stets fließend, und manche Typen (m/w/d) sind hier auch Mischwesen, jedoch sind es vorwiegend die "Leser", die den weit überwiegenden Teil ihrer Bücher und Comics wieder "hergeben" und damit den Gebrauchtmarkt im Laden für andere Fans am Leben erhalten. Und am Beispiel von Brins DER ÜBUNGSEFFEKT sieht man recht gut, dass solchen – den Buchkreislauf fördernden – "Lesern" durchaus mal ein Dank gebührt!

Wie gesagt, HEYNE bietet den Titel derzeit lediglich als EBOOK an, d.h. solltet ihr das Buch bei Gerd nicht gebraucht beziehen können, so könnt ihr den Roman wenigstens im Laden als EBOOK erwerben und sofort (schon heute Abend?!) lesen, was allemal besser ist, als Einzuschlafen ohne je dieses herrlich schokoladige SF-Abenteuer vorher gelesen zu haben.

Brin wurde 1950 in den USA geboren. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – unter anderem erhielt er den Hugo, den Nebula und den Locus Award. Er lebt in Südkalifornien, studierte Astronomie am California Institute of Technology und erwarb einen Doktorgrad in Astrophysik an der University of California, San Diego, er war als NASA-Berater und Physik-Professor tätig, was der Kraft und Logik seiner Romanen durchaus dient.

DER ÜBUNGSEFFEKT wurde aufgrund seiner Einmaligkeit für den Locus Award als Bester Science Fiction Roman nominiert.

Fazit:

Ich liebe einfach so tolle, ideenreiche und kurzweilige Einzelbände, insbesondere, wenn sie mir das geliebte "Indiana-Jones" Feeling geben! Jedenfalls sollten all jene Abenteuer-/SF-Fans, die Brins DER ÜBUNGSEFFEKT noch nicht kennen, sich den Titel ins Gehirn brennen und sofort zuschlagen, sobald der Titel ihnen im Laden in die Hände gerät, wann und wie auch immer (oder eben gleich als EBOOK bei Gerd bestellen)!

MITCH

David Brin
DER ÜBUNGSEFFEKT
Rainer Schmidt (Übersetzer)
Heyne Verlag
432 Seiten
ISBN-13: ‎ 9783453318175
ebook: 9783641175313

DER ÜBUNGSEFFEKT darf einfach nicht in Vergessenheit geraten!

Brins DER ÜBUNGSEFFEKT ist ein genialer SF-Abenteuerroman aus den achtziger Jahren, der mit einer außergewöhnlichen Idee (dem titelgebenden Übungseffekt) als sehr kurzweiliger Einzelband daher kommt und der den Plot bemerkenswert spannend und farbig entfaltet, sowie mit einer unerwarteten Aufklärung der Umstände aufwartet.

Der Physiker Dennis Nuel gelangt durch ein Experiment in eine Parallelwelt.

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Die Flüchtigen

von am 7. Februar 2022 Kommentare deaktiviert für Die Flüchtigen

Alain Damasio
DIE FLÜCHTIGEN. Roman.
Aus dem Französischen von Milena Adam
(LES FURTIFS / 2019)
Berlin, Matthes & Seitz, 2021, 844 Seiten
ISBN 978-3-7518-0039-6

Eigentlich liebe ich solche Bücher – und das ist das Problem, denn „eigentlich“ beinhaltet ja diverse Vorbehalte, und DIE FLÜCHTIGEN von Alain Damasio, Frankreichs neuestem Stern am Literaturhimmel, erfüllt auf den ersten Blick alle „Vorbehaltskriterien“:
Ein nicht eindeutig festzumachender Plot, ein Autor, der in seiner Heimat vielfach bejubelt wird, hierzulande aber noch völlig unbekannt ist, ein mit 844 Seiten äußerst umfangreicher Roman, der – und hier wird’s echt kritisch – beim Aufschlagen an beliebiger Stelle eine Typografie zeigt, die Arno Schmidt zu Begeisterungsrufen veranlasst hätte, „normale“ Leser*innen aber erst einmal verunsichert.
Äh, hallo, gibt es auch Gründe, die für das Buch sprechen?
Klar!
Alles oben Aufgeführte bringt „fortgeschrittene“ Literaturenthusiast*innen erst so richtig in Schwung. Da gibt es einen neuen Autor zu entdecken, noch dazu einen, der in Frankreich als Erneuerer der Science Fiction gilt und für jeden neuen Roman Lob und Preis einheimst. Da hat sich eine vorzügliche Übersetzerin, Milena Adam, die Mühe gemacht, ein in avantgardistischer Manier geschriebenes Werk ins Deutsche zu übersetzen. Und wenn Damasio der Meinung ist, dass im dritten Jahrtausend und im Zeitalter des Computersatzes hin und wieder einmal neue typografische Zeichen eingesetzt werden sollten, um zu zeigen, dass sich nicht nur die Technik, sondern auch die Sprache weiterentwickelt, so ist das nur zu begrüßen (und der Setzer, Hermann Zanier, unbedingt zu würdigen).
Braucht’s da noch einen Plot?
Klar!
Dieser Science-Fiction-Roman trägt gleichermaßen dystopische wie utopische Züge in sich, wenn er die Geschichte zweier liebender Eltern erzählt, die ihre „verloren“ gegangene Tochter suchen – und dabei auf Dinge stoßen, die genauso zweideutig sind wie das „richtige Leben“.
DIE FLÜCHTIGEN ist eine bewusstseinserweiternde Droge für Literaturjunkies ohne Scheuklappen, ein Trip, von dem sich erst beim Lesen entscheidet, ob sowas Spaß macht – „schön, schlank und sexy“ (wie Denis Scheck sagen würde) macht’s auf jeden Fall.

Horst Illmer

Alain Damasio
DIE FLÜCHTIGEN. Roman.
Aus dem Französischen von Milena Adam
(LES FURTIFS / 2019)
Berlin, Matthes & Seitz, 2021, 844 Seiten
ISBN 978-3-7518-0039-6

Eigentlich liebe ich solche Bücher – und das ist das Problem, denn „eigentlich“ beinhaltet ja diverse Vorbehalte, und DIE FLÜCHTIGEN von Alain Damasio, Frankreichs neuestem Stern am Literaturhimmel, erfüllt auf den ersten Blick alle „Vorbehaltskriterien“:
Ein nicht eindeutig festzumachender Plot, ein Autor, der in seiner Heimat vielfach bejubelt wird,

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Sherlock Holmes

von am 2. Februar 2022 1 Kommentar

Arthur Conan Doyle
Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden (Die Erzählungen I, Die Erzählungen II, Die Romane) 
Marion Herbert (Übersetzer), Heike Holtsch (Übersetzer), Christel Kröning (Übersetzer)
Anaconda Verlag (25. Oktober 2021)
ISBN: 978-3730610275

ARTHUR CONAN DOYLE: SHERLOCK HOLMES

Ende Oktober 2021 erschien im Anaconda Verlag eine neue und hübsche Gesamtausgabe von Arthur Conan Doyles "Sherlock Holmes".

Keine Romanfiguren haben mir über die Jahre soviel Freude und Vergnügen bereitet, wie Sherlock Holmes und sein Freund Dr. Watson. Zuzugeben ist, dass ich – obwohl ich noch nie in Großbritannien gewesen bin – eine recht starke Faszination für das England "von damals" hege, denn nicht umsonst habe ich sämtliche Detektivgeschichten von Arthur Conan Doyle mehrmals und nicht wenige Romane von Agatha Christie (obwohl hier ja oft ein Belgier in England unterwegs ist) verschlungen.

Jedenfalls sind mir Sherlock Holmes und Dr. Watson einfach die Liebsten, ja, die beiden sind für mich "die Besten". Doyle erschuf im Jahre 1886 dieses außergewöhnliche Duo, welches mir über die Jahre sehr an mein Leserherz gewachsen ist. Hinzu kommt, dass ich (wie schon öfter erwähnt) richtig gute Ich-Erzähler liebe, und in Doyles "Sherlock Holmes" ist Erzähler der meisten Geschichten eben der praktisch veranlagte, bodenständige und sehr liebenswerte Dr. Watson, dem dabei die Rolle des Chronisten zufällt.

Es ist die Freundschaft dieser beiden ungleichen Protagonisten, es sind die so guten Geschichten mit so genialen Auflösungen, es ist der Charme von Dr. Watson, es ist der so facettenreiche und eiserne (und dabei licht- und schattenhafte) Charakter von Holmes und es ist zu guter Letzt diese einmalige "London-Atmosphäre", die Doyle in seinen Kurzgeschichten und Romanen zaubert. Wenn man mich fragt, so ist Sherlock Holmes (ein Stück weit) sogar ein Protagonist der Gattung "Phantastik", denn gleich einem "Superhelden" löst Holmes sogar die unmöglichen Fälle, seine "Superkraft" ist die der Deduktion, die Kraft der ungewöhnlichen Schlussfolgerungen.

Fazit: Die Gesamtausgabe vom Anaconda Verlag bestellen und lesen, lesen, lesen … Nicht umsonst basieren hunderte von späteren Ablegern in Belletristik, Comic, Hörspiel und Film auf den Romanfiguren von Holmes und Dr. Watson, beide dürften also (völlig zu Recht) das bekannteste Ermittlerduo auf diesem Planeten sein.

MITCH

Arthur Conan Doyle
Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden (Die Erzählungen I, Die Erzählungen II, Die Romane) 
Marion Herbert (Übersetzer), Heike Holtsch (Übersetzer), Christel Kröning (Übersetzer)
Anaconda Verlag (25. Oktober 2021)
ISBN: 978-3730610275

ARTHUR CONAN DOYLE: SHERLOCK HOLMES

Ende Oktober 2021 erschien im Anaconda Verlag eine neue und hübsche Gesamtausgabe von Arthur Conan Doyles "Sherlock Holmes".

Keine Romanfiguren haben mir über die Jahre soviel Freude und Vergnügen bereitet,

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Bitches Bite Back

von am 31. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Bitches Bite Back

Laura Steven
Bitches Bite Back
Droemer, München 2021, 335 Seiten

„Speak up“, Laura Stevens erster Roman über Izzy O’Neill, war schonungsloser bis himmlischer feministischer Punk in Prosa. Ein Buch, das ungeniert den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft legt, in der Rachepornos, Internet-Shitstorms und mediale Hetzkampagnen zum realen und virtuellen Alltag gehören. Das frisch erschienene Sequel „Bitches Bite Back“ rekapituliert für alle, die „Speak up“ nicht gelesen haben sollten, auf ein paar Seiten noch einmal knapp die Ereignisse des Auftaktbandes. Dann sind alle ready, die aktuellen rotzigen ‚Blog-Einträge’ der 18-jährigen Schülerin, Drehbuchautorin und Ich-Erzählerin Izzy O’Neill zu lesen, die fest entschlossen ist, als Aktivistin gegen Rachepornos vorzugehen. Und wenn sie und ihre besten Freundinnen dafür den Medien und der Politik einheizen müssen …

„Bitches Bite Back“ hat wieder eine Menge Feuer – und ist eine ebenso unterhaltsame wie wichtige Lektüre, der es trotzdem keineswegs an Witz und Warmherzigkeit mangelt. Mittlerweile wurde mir klar, dass schon der erste Band der Serie ein Stück weit an Cory Doctorows „Little Brother“-Bücher um den Hacker und Aktivisten Marcus Yallow erinnerte. Natürlich ist die Digitalisierung dort ein noch wesentlich zentralerer Bestandteil der Handlung. Doch auch in Izzys Geschichte geht es um die Auswirkungen zwischen virtueller und echter Welt, falsche Gesetze, die Bedeutung von Protestbewegungen und vor allem Freiheit. Nicht nur wer gerne die Science-Fiction von Cory Doctorow liest, sollte mit Laura Steven und der großartigen Izzy in den Kampf ziehen und „Bitches Bite Back“ abfeiern.

Christian Endres

@MisterEndres auf Twitter folgen

Laura Steven
Bitches Bite Back
Droemer, München 2021, 335 Seiten

„Speak up“, Laura Stevens erster Roman über Izzy O’Neill, war schonungsloser bis himmlischer feministischer Punk in Prosa. Ein Buch, das ungeniert den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft legt, in der Rachepornos, Internet-Shitstorms und mediale Hetzkampagnen zum realen und virtuellen Alltag gehören. Das frisch erschienene Sequel „Bitches Bite Back“ rekapituliert für alle, die „Speak up“ nicht gelesen haben sollten, auf ein paar Seiten noch einmal knapp die Ereignisse des Auftaktbandes.

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Das Ende der Bücher

von am 26. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Das Ende der Bücher

Octave Uzanne
DAS ENDE DER BÜCHER.
Ü: Anonym, Ill.: Steph von Reiswitz
Nachwort: Jochen Hörisch
(??? / 1894)
Berlin, Favoriten Presse, 2021, 60 S.
ISBN 978-3-968490-01-4

Hörbuch:
Argon Verlag, 1 CD, ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1891-6

Noch ist es nicht soweit, aber der französische Bibliophile und Verleger Octave Uzanne hat es bereits 1894 vorhergesehen: »Das Ende der Bücher« steht bevor. In der kurzen Erzählung, die erstmals in einer Anthologie für Bücherliebhaber erschien, nahm sich Uzanne die Freiheit und spekulierte darüber, wie die Erfindungen von Thomas Alva Edison, die er sich kurz vorher in den USA angesehen hatte, den Umgang der Menschen mit den von Autoren erzählten Geschichten verändern würden. Damals waren die ersten Tonwalzen in Umlauf gekommen, auf denen kurze Text- oder Musikstücke aufgezeichnet wurden, die dann immer wieder abgespielt werden konnten.
Daraus entwickelt sich bei Uzanne eine völlig neue Industrie, die das gedruckte Buch verdrängt und alle neuen Werke in Form preiswerter Tonträger für die ehemaligen Leser (die nun zu Hörern werden) zur Verfügung stellt. Selbst den Walkman gibt es in Uzannes Vorstellung schon, ebenso eine Frühform des öffentlichen Rundfunks!
Glücklicherweise, so erklärt es Prof. Dr. Jochen Hörisch in seinem Nachwort, hat es sich gezeigt, dass neue Erfindungen das Altbewährte nur teilweise ersetzen, und so können wir Heutigen diese hübsche (und wundervoll mit Tuschezeichnungen von Steph von Reiswitz illustrierte) Proto-Science-Fiction-Geschichte immer noch in gedruckter Form genießen. Selbstverständlich gibt es »Das Ende der Bücher« auch als Hörbuch.

Horst Illmer

Octave Uzanne
DAS ENDE DER BÜCHER.
Ü: Anonym, Ill.: Steph von Reiswitz
Nachwort: Jochen Hörisch
(??? / 1894)
Berlin, Favoriten Presse, 2021, 60 S.
ISBN 978-3-968490-01-4

Hörbuch:
Argon Verlag, 1 CD, ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1891-6

Noch ist es nicht soweit, aber der französische Bibliophile und Verleger Octave Uzanne hat es bereits 1894 vorhergesehen: »Das Ende der Bücher« steht bevor. In der kurzen Erzählung, die erstmals in einer Anthologie für Bücherliebhaber erschien,

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Die Maschine steht still

von am 24. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Die Maschine steht still

E. M. Forster
DIE MASCHINE STEHT STILL.
Ü: Gregor Runge
Gebundene Ausgabe von Hamburg, Hoffman & Campe: 80 Seiten
ISBN 978-3-455-40571-2

Das Jahr 1909.
Forster sieht Menschen, die Bildschirme anbeten.
Forster sieht Menschen, die isoliert in Wohnabteilen leben.
Forster sieht Menschen, die ihr Wohl und Wehe der Maschine überlassen.
Forster sieht Menschen, die kein gutes Ende nehmen!

Das Jahr 2021.
Ich sehe Menschen, die Smartphones anbeten.
Ich sehe Menschen, die isoliert in Quarantäne leben.
Ich sehe Menschen, die ihr Wohl und Wehe dem Internet überlassen.
Ich sehe Menschen, die noch ein gutes Ende nehmen können?

DIE MASCHINE STEHT STILL ist eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von E. M. Forster, die bereits zu Weihnachten vor fünf Jahren vortrefflich von Horst rezensiert wurde.

Forster bedient sich hier einer herausragend klaren und einfachen Sprache, die beim Lesen direkt "rein geht" und den Leser nicht mehr loslässt. Und wie so oft, sind es die einfachen und klaren Worte die treffen; und dabei wachrütteln.

Man muss sich vor Augen führen, dass Forster hier bereits vor über hundert Jahren weissagend über krasse Lebensumstände des Menschen schreibt, die es heute bereits in dieser Form gibt. Forster  schreibt über Isolation und Abhängigkeit. Und zwar solchermaßen, dass begreiflich wird, wie der Mensch sich jenes Übel selbst erschafft, er sich dem anpasst, dies mehr und mehr akzeptiert und schlussendlich Jenes sogar anbetet.

DIE MASCHINE STEHT STILL ist prophetisch und erschreckend! Und damit wieder eine echte Chance für 2022.

Lesen!!!

Mitch

E. M. Forster
DIE MASCHINE STEHT STILL.
Ü: Gregor Runge
Gebundene Ausgabe von Hamburg, Hoffman & Campe: 80 Seiten
ISBN 978-3-455-40571-2

Das Jahr 1909.
Forster sieht Menschen, die Bildschirme anbeten.
Forster sieht Menschen, die isoliert in Wohnabteilen leben.
Forster sieht Menschen, die ihr Wohl und Wehe der Maschine überlassen.
Forster sieht Menschen, die kein gutes Ende nehmen!

Das Jahr 2021.
Ich sehe Menschen, die Smartphones anbeten.
Ich sehe Menschen,

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Cordie

von am 19. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Cordie

Felicity McLean
Cordie
Polar, Stuttgart 2021, 377 Seiten
ISBN 978-3-948392-34-5

Die Australierin Tikka Molloy lebt in Boston, doch selbst hier sieht sie Gespenster aus ihrer Vergangenheit in der Heimat. Denn als Tikka und ihre beiden Schwestern noch Kinder waren, verschwanden in einem besonders heißen Sommer die drei gleichaltrigen van Apfel-Mädchen von nebenan. Jetzt kehrt Tikka nach Australien zurück und erinnert sich an ihre Jugend, an die fromme Familie aus dem Nachbarhaus, die besonders rebellische van Apfel-Tochter Cordie und alles, was damals, nach dem Kalten Krieg, für so viel Aufsehen in dem kleinen Tal im Busch gesorgt hat. „Cordie“, im Original als „The Van Apfel Girls Are Gone“ erschienen, ist das Romandebüt der australischen Journalistin und Autorin Felicity McLean – und schaffte es immerhin auf die Longlist des John Creasey New Blood Dagger der British Crime Writers Association für den besten Erstling. McLeans Roman präsentiert sich als Coming-of-Age-Geschichte, Gesellschaftsportrait, Vermissten-Krimi und Outback-Noir in einem, und stets spürt man die stacheligen Geheimnisse und unangenehmen Wahrheiten, selbst wenn die junge Tikka sie nur bedingt zu fassen kriegt. Felicity McLeans Buch kann nicht mit jeder Szene vollkommen überzeugen oder den Spannungsbogen halten, hat in der Summe allerdings genügend Megan-Abbott-Vibes, um zu gefallen.

Christian Endres

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Felicity McLean
Cordie
Polar, Stuttgart 2021, 377 Seiten
ISBN 978-3-948392-34-5

Die Australierin Tikka Molloy lebt in Boston, doch selbst hier sieht sie Gespenster aus ihrer Vergangenheit in der Heimat. Denn als Tikka und ihre beiden Schwestern noch Kinder waren, verschwanden in einem besonders heißen Sommer die drei gleichaltrigen van Apfel-Mädchen von nebenan. Jetzt kehrt Tikka nach Australien zurück und erinnert sich an ihre Jugend, an die fromme Familie aus dem Nachbarhaus, die besonders rebellische van Apfel-Tochter Cordie und alles,

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Zum Paradies

von am 17. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Zum Paradies

Hanya Yanagihara
ZUM PARADIES. Roman.
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
(TO PARADISE / 2022)
Berlin, Claasen, 2022, 895 S.
ISBN 978-3-546-10051-9 / 30,00 Euro
Hardcover

Die 1974 in Los Angeles geborene US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara veröffentlichte 2013 ihren ersten Roman THE PEOPLE IN THE TREES (dt. 2019 als DAS VOLK DER BÄUME), dem 2015 dann der Weltbestseller A LITTLE LIFE (dt. 2017 als EIN WENIG LEBEN) folgte. Ihr drittes Buch TO PARADISE erschien jetzt Anfang 2022 weltweit zeitgleich wie es einem Star der Literaturbetriebs wohl zusteht. In Deutschland hat sich der zu den Ullstein Buchverlagen gehörende Claasen Verlag die Rechte gesichert und die von Stephan Kleiner besorgte Übersetzung unter dem Titel ZUM PARADIES herausgebracht.
Wie schon in ihren bisherigen Romanen behandelt Yanagihara hier das mehr als nur schwierige Zusammenleben von Menschen, die sich außerhalb der »Norm« verorten. Die überaus emotional beschriebenen Lebenswege führen ihre Protagonisten diesmal alle an einen ganz bestimmten Ort – ein Haus am New Yorker Washington Square –, aber zu jeweils sehr unterschiedlichen Zeitpunkten.
Der dreigeteilte Roman beginnt in einem Alternativwelt-Amerika des Jahres 1893, setzt sich im altbekannten New York des Jahres 1993 fort und nimmt schließlich in der Zukunftswelt von 2093 neuen Schwung und eine gänzlich neue Richtung.
Die Autorin lässt sich auf ihrem eigenen Weg ZUM PARADIES viel Zeit, allerdings muss das Worldbuilding ja auch stimmig sein, sonst führt die Suche nach einer Utopie nur zu einem letztlich verschlossenen (Himmels-)Tor.

Horst Illmer

Hanya Yanagihara
ZUM PARADIES. Roman.
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
(TO PARADISE / 2022)
Berlin, Claasen, 2022, 895 S.
ISBN 978-3-546-10051-9 / 30,00 Euro
Hardcover

Die 1974 in Los Angeles geborene US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara veröffentlichte 2013 ihren ersten Roman THE PEOPLE IN THE TREES (dt. 2019 als DAS VOLK DER BÄUME), dem 2015 dann der Weltbestseller A LITTLE LIFE (dt. 2017 als EIN WENIG LEBEN) folgte. Ihr drittes Buch TO PARADISE erschien jetzt Anfang 2022 weltweit zeitgleich wie es einem Star der Literaturbetriebs wohl zusteht.

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Interview mit einem Vampir

von am 10. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Interview mit einem Vampir

Anne Rice
INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR
Karl Berisch (Übersetzer), C.P. Hofmann (Übersetzer)
Blanvalet Taschenbuch Verlag (18. Oktober 2021)
Taschenbuch: ‎480 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3734110672

Die im Oktober 2021 erschienene und überarbeitete Neuausgabe von INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR liegt in meinen Händen. Dies ist mein zweiter Kontakt mit dem Vampir Louis. Ich spüre die Prägung des Einbandes in meinen Fingern und denke: "Schönes Cover. Tolle Übersetzung. Grandiose Geschichte!".

Als nächstes erinnere ich mich an den Film. Mitte der 90-er Jahre kam der gleichnamige Film in die Kinos. Mein Erstkontakt mit Louis. Der Film beeindruckte mich damals sehr, eine neue Idee, eine neue Handlung, das Leben, Erleben und Fühlen eines Vampirs. Schöne Bilder aus der Zeit Ende des 18. und im 19. Jahrhundert. Toll besetzt und gespielt mit Brad Pitt, Tom Cruise, Christian Slater, Kirsten Dunst, und Antonio Banderas.

Bereits vor einigen Tagen fragte ich in meinem Bekanntenkreis einmal nach dem Buch und nach dem Film und ich war erstaunt, dass die befragte "jüngere Generation" (Anfang 30 und jünger) weder den Film, noch das Buch kannten. Ich vermute, dass heutzutage fast alle jüngeren Leser mit der Geschichte (insbesondere mit dem Buch) bislang noch nicht in Kontakt gekommen sind. Schade.

Ich meine: Die nun vorliegende Neuausgabe vom Blanvalet Taschenbuch Verlag (10/2021) kann und darf diesen Missstand ändern!

Sowohl der Film, als auch das im Jahr 1976 erschiene Buch durchbrechen Klischees von früheren Vampirromanen (die von Bram Stokers Dracula geprägt wurden), was mich auch heute noch begeistert.

Der Vampir Louis schildert im Buch sein Leben aus der Ich-Perspektive. Louis kam mit seiner Familie aus Frankreich nach Louisiana, um in der Nähe von New Orleans am Mississippi eine Indigoplantage einzurichten. Eines Nachts im Jahr 1791 wird er von einem Vampir, Lestat, angegriffen, der ihm beinahe das gesamte Blut aussaugt und Louis in derselben Nacht ein zweites Mal aufsucht, um ihn zu einem Vampir zu machen.

Doch nach der Verwandlung geschieht etwas Seltsames. Im Gegensatz zu Lestat hadert Louis offen mit seinem Schicksal als Untoter. Dieser Konflikt in Louis ist der rote Faden im Buch.

Ohne viel an Inhalt aus dem Buch offenbaren zu wollen, muss ich einfach ein paar Aspekte aufgreifen und "verraten", dem eben jene bewegen mich doch sehr:

Der zum Vampir gewordene Louis bewahrt sich ein Stück Lebendigkeit im Herzen, er ist im Widerstand mit seiner Natur als Totbringer und Jäger. Louis fühlt sich innerlich gefangen und unfrei, eben weil er mit seinem Leben nicht gänzlich einverstanden ist. Er sucht daher nach Sinn, Klarheit und Führung.

Louis Charakter ist sensibel und manchmal sogar von Gefühlsduselei durchsetzt. Louis kommt einfach nicht in seine Kraft, eben weil er jene ablehnt, er verharrt in der Schwäche und in seiner Abhängigkeit zu Lestat (und später zur Vampirtochter Claudia), eine Abhängigkeit, welche er mit "Liebe" betitelt und verwechselt.

Erst Louis inneren Kämpfe, seine äußeren Kämpfe und sein jahrelanger Schmerz führen den Vampir sodann in die Erkenntnis und Weisheit.

INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR ist ein ganz besonderer "Reiseroman", der nicht nur eine Reise durch ein Jahrhundert sowie von Amerika, nach Osteuropa und nach Paris bietet, sondern zugleich auch eine Reise ins Innere des Lesers anbietet. Dieses Angebot kann man annehmen, muss man aber nicht. Auch wenn der Vampirismus im Buch etwas eher Tristes, Unheilschwangeres und Schwermütiges bietet und der Leser hier oft mit Lebensschmerz, Verzweiflung und Gefühlskälte (gepaart mit manchmal überschwenglicher Romantik) konfrontiert wird, so ist INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR gleichwohl ein wertvolles und bezauberndes Unikat, welches auf mehreren Ebenen in die Tiefe führt.

MITCH

PS: Am Ende möchte ich Gerd zitieren, der INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR auf seine eigene Art vortrefflich auf den Punkt bringt: "Ich fands damals saugut! Das Buch, den Film und alles. Anne Rice war die Wurzel für unendlich viel. Sie ist die Mutter aller modernen Vampirmythen, angefangen vom Rollenspiel "Vampire – Die Maskerade", bis hin zu Stefanie Meyers Kuschel-schocker ;-). Was daraus geworden ist, ist mir wurscht. Die Dame hat auf immer einen Platz in Urban-Fantasy-Listen verdient."

Anne Rice
INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR
Karl Berisch (Übersetzer), C.P. Hofmann (Übersetzer)
Blanvalet Taschenbuch Verlag (18. Oktober 2021)
Taschenbuch: ‎480 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3734110672

Die im Oktober 2021 erschienene und überarbeitete Neuausgabe von INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR liegt in meinen Händen. Dies ist mein zweiter Kontakt mit dem Vampir Louis. Ich spüre die Prägung des Einbandes in meinen Fingern und denke: "Schönes Cover. Tolle Übersetzung. Grandiose Geschichte!".

Als nächstes erinnere ich mich an den Film.

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Die Berechnung der Sterne

von am 5. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Die Berechnung der Sterne

Mary Robinette Kowal
DIE BERECHNUNG DER STERNE. Roman.
Ü: Judith C. Vogt
(The Calculating Stars / 2018)
München, Piper, 2022, 506 S.
ISBN 978-3-492-70597-4 / Klappenbroschur / 18,00 Euro

Früher einmal – in den „guten alten Zeiten“ – konnte man zielsicher ans Regal mit den Heyne-Taschenbüchern treten, wenn man nach den HUGO- oder NEBULA-Preisträgern und deren Texten suchte. Inzwischen sichern sich die Herausgeber vieler anderer Verlage in Deutschland diese Titel.
Aktuellstes Beispiel ist der Roman DIE BERECHNUNG DER STERNE von Mary Robinette Kowal, dessen deutsche Ausgabe bei Piper erschienen ist. Den Einband jedenfalls ziert der Hinweis auf sowohl HUGO-, wie NEBULA- und LOCUS-Award (und dabei wird der SIDEWISE-Award sogar noch unterschlagen).
In THE CALCULATING STARS (so der OT von 2018) erzählt Kowal eine unglaubliche und faszinierende Alternativweltgeschichte der Raumfahrt, die dieses Mal von weiblichen Heldinnen bestimmt wird. Angeregt sicherlich auch durch die realen „Hidden Figures“, die für die NASA als Computer-Ersatz arbeiteten, dreht Kowal den Spieß einfach um und zeigt den Herren der Schöpfung, dass eine kleine Änderung im Verlauf der Geschichte wirklich ALLES verändern kann …
Das von Judith C. Vogt übersetzte Buch hinterlässt jedenfalls den Eindruck, dass da durchaus noch einige (deutsche) Science-Fiction-Preise hinzukommen könnten.

Horst Illmer

Mary Robinette Kowal
DIE BERECHNUNG DER STERNE. Roman.
Ü: Judith C. Vogt
(The Calculating Stars / 2018)
München, Piper, 2022, 506 S.
ISBN 978-3-492-70597-4 / Klappenbroschur / 18,00 Euro

Früher einmal – in den „guten alten Zeiten“ – konnte man zielsicher ans Regal mit den Heyne-Taschenbüchern treten, wenn man nach den HUGO- oder NEBULA-Preisträgern und deren Texten suchte. Inzwischen sichern sich die Herausgeber vieler anderer Verlage in Deutschland diese Titel.
Aktuellstes Beispiel ist der Roman DIE BERECHNUNG DER STERNE von Mary Robinette Kowal,

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Unten am Fluss – Watership Down

von am 29. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Unten am Fluss – Watership Down

Richard Adams
UNTEN AM FLUSS (WATERSHIP DOWN)
Egon Strohm (Übersetzer)
Ullstein Taschenbuch
Taschenbuch : ‎656 Seiten
ISBN-13 : 978-3548290157

Eigentlich hätte ich das Buch UNTEN AM FLUSS – WATERSHIP DOWN schon vor Jahrzehnten lesen müssen!

Denn der gleichnamige Zeichentrickfilm aus dem Jahre 1978 hatte mich als Kind in tiefsitzenden Schrecken versetzt! Dieser Film ist aus meiner Sicht nichts für Kinder, er ist – anders als das Buch – grausam. Und so lebte ich seit über 35 Jahren immer mit einem bitteren Geschmack im Mund, wenn ich an WATERSHIP DOWN dachte, dabei die schlimmen Bilder meiner Kindheitserinnerung und üblen Leiden der Kaninchen vor Augen.

Warum auch immer, aber vor Kurzem war es dann soweit, meine Frau fand das Buch gebraucht und kaufte es mir, eben weil ich immer mal wieder so zerrissen über den alten Trickfilm gesprochen hatte. Um es vorwegzunehmen: Das Buch gab mir die Chance, den (für mich albtraumhaft empfundenen) Film restlos zu vergessen. Und so begann ich Adams´ WATERSHIP DOWN zu lesen und schon nach wenigen Seiten hatte die Geschichte sich für mich neu geschrieben und mich ergriffen:

Gemeinsam lebte ich als Kaninchen zusammen mit den Kaninchenbrüdern Hazel und Fiver im Sandleford-Gehege. Ich durfte dabei sein, als Hazel mit einer Gruppe von Kaninchen dem Gehege entfloh, einer Vision von Fiver folgend. Zusammen mit meinen Kaninchenfreunden durchstreifte ich von Frühling bis Herbst das Land auf der Suche nach einem neuen Zuhause Richtung Süden. Nicht nur allerlei Gefahren (man beachte, dass bereits die Überquerung eines Flusses für ein Kaninchen eine ganz große Sache ist, ganz zu schweigen von den vielen Feinden, wie Wiesel, Katze, Fuchs & Co.) galt es zu meistern, sondern auch andere Kaninchen-Gehege zu erforschen. Auch durfte ich an der Weltanschauung der Kaninchen rund um den Gott Frith und den Helden El-ahrairah teilhaben. Schlußendlich mussten wir gemeinsam unser neues Gehege finden, aufbauen und gründen, was ein gewaltiges Vorhaben implizierte, denn wir brauchten Weibchen aus einem fremden Gehege und damit fing dann der große Ärger erst richtig an!

WATERSHIP DOWN ist aus meiner Sicht ein richtig guter Roman, d.h. ein Buch, welches schlichtweg schön geschrieben ist, vor allem die Naturbilder und das authentische Miteinandersein der Kaninchen gehen ins Herz. So kann das Buch nicht nur für Erwachsene, sondern auch gerne für jüngere Leser als Lektüre dienen (der gleichnamige Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1978 schrumpft im Schatten des Buchs zur Bedeutungslosigkeit). Das Buch war von Adams nämlich ursprünglich als spannende Abenteuergeschichte für Kinder und Jugendliche gedacht, die Handlung lässt aber weitergehende "erwachsene" tiefe Interpretationsansätze zu:

Denn nur das Buch zeigt eindrücklich, dass es in einer Gesellschaft Vielfalt sowie Alles und Jeden in ausgewogenem Maße braucht: Es braucht einen Fiver, den Visionär, der neue Wege zeigt, es braucht einen Hazel, den Führer, der den neuen Weg voraus geht und Verantwortung übernimmt, es braucht einen Blackberry, den Andersdenker und Erfinder, der Möglichkeiten auf dem Weg erkennt, es braucht auch einen Bigwig, den Krieger, der allen Widrigkeiten zum Trotz die Hindernisse auf dem Weg freiräumt, und es braucht – und dies ist mir hier ganz besonders wichtig – auch einen Dandelion, den Geschichtenerzähler, der auf dem Weg für das seelische Wohl des Geheges (der Gesellschaft) verantwortlich ist.

Wir Menschen brauchen – wie die Kaninchen auch – unsere Geschichten und Bücher sowie unsere Buchläden, echte Kultur mit inspirierenden Helden, ansonsten verdursten wir, zwar nicht körperlich, aber seelisch.

WATERSHIP DOWN macht uns Mut, trotz der Unwirtlichkeiten im Leben immer weiter zu gehen und bewässert im Herzen des Lesers das Urvertrauen in dessen Selbst. "Weisheit wird auf dem unwirtlichen Hügel gefunden, El-ahrairah, wohin keiner zum Fressen kommt, und auf der steinigen Böschung, wo das Kaninchen vergebens ein Loch kratzt." (Adams, UNTEN AM FLUSS, List 2008, Kapitel 31, S. 392)

WATERSHIP DOWN war das erste und zugleich erfolgreichste Buch von Adam; die weltweite Gesamtauflage wird auf über 50 Millionen Stück geschätzt. Der namengebende Hügel Watership Down existiert wirklich und zwar im Norden von Hampshire gelegen.

Meine letzten Worte klaue ich der Zeitschrift "Der Spiegel":

"Dieses Buch hat es verdient, unsterblich zu werden."

MITCH

Richard Adams
UNTEN AM FLUSS (WATERSHIP DOWN)
Egon Strohm (Übersetzer)
Ullstein Taschenbuch
Taschenbuch : ‎656 Seiten
ISBN-13 : 978-3548290157

Eigentlich hätte ich das Buch UNTEN AM FLUSS – WATERSHIP DOWN schon vor Jahrzehnten lesen müssen!

Denn der gleichnamige Zeichentrickfilm aus dem Jahre 1978 hatte mich als Kind in tiefsitzenden Schrecken versetzt! Dieser Film ist aus meiner Sicht nichts für Kinder, er ist – anders als das Buch – grausam. Und so lebte ich seit über 35 Jahren immer mit einem bitteren Geschmack im Mund,

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Die Weltenschöpfer

von am 27. Dezember 2021 6 Kommentare

Charles Platt
DIE WELTENSCHÖPFER.
Kommentierte Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren. Band 1.
Übersetzt von Frank Böhmert, Andreas Fliedner, Horst Illmer, Bernhard Kempen, Matita Leng, Jasper Nicolaisen, Michael Plogmann, Erik Simon & Simon Weinert
(DREAM MAKERS Vol. 1 / 1980)
Berlin, Memoranda, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-948616-60-1
Klappenbroschur

„Ich wollte etwas über Science-Fiction-Autoren wissen.“ (S.9)

So wie Charles Platt ergeht es vielen Leserinnen und Lesern, doch die wenigsten von ihnen haben je Gelegenheit, diese Neugier in einer persönlichen Begegnung oder einem langen Gespräch zu befriedigen. Platt dagegen gelang es um das Jahr 1980 herum mit gleich sechzig seiner Kolleginnen und Kollegen sehr ausführliche Interviews zu führen (Und auch wenn früher nicht alles besser war – die damalige Interview-Kultur bleibt unerreicht.) und diese in zwei voluminösen Bänden zu veröffentlichen.

Allerdings hatte der damals 35-jährige Engländer den Ehrgeiz, nicht nur das Gespräch, sondern auch die Umstände zu dokumentieren, die vor, während und nach den Interviews herrschten. Und so sind es gerade die sehr persönlichen Eindrücke und Kommentare von Platt, die das Besondere an den WELTENSCHÖPFERN ausmachen.

Wie er in der eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen Einführung darlegt, waren es spannende Zeiten damals und die Science-Fiction-Autoren (plus einiger weniger Autorinnen), die er besuchte, waren die Altmeister des sogenannten „Goldenen Zeitalters“ (wie etwa Isaac Asimov, A. E. van Vogt oder Frederik Pohl) und einige ihrer aufstrebenden, oftmals unbotmäßigen und respektlosen „Erben“ (zum Beispiel Harlan Ellison, Norman Spinrad und Philip K. Dick).

Von ihnen will er wissen, wie sie schreiben, welche Umstände sie zur Science Fiction brachten, ob sie davon leben können, welche Vorstellungen sie von ihrer Schriftsteller-Karriere hatten und jetzt haben; aber er fragt auch nach ihren Beziehungen zur Welt außerhalb des Genre-Ghettos, nach gescheiterten Ehen, nach Haustieren, musikalischen Vorlieben und ihrem Drogenkonsum. Und obwohl es auch für ihn selbst manchmal so wirkt, als würde er gleich rausgeworfen, bekommt er dann doch Antworten auf all diese Fragen.

Der Großteil dieses ersten WELTENSCHÖPFER-Bandes ist, in der (teilweise recht freien) Übersetzung von Ronald M. Hahn, 1982 unter dem Titel GESTALTER DER ZUKUNFT auf Deutsch erschienen – trotzdem liegt hier ein völlig neues Buch vor. Es ist nicht nur so, dass die Beiträge von einer ganzen Reihe hervorragender Übersetzer neu übertragen wurden, sondern Charles Platt hat sie auch im letzten Jahr nochmals überarbeitet und zu den meisten von ihnen ein neues Nachwort (hier „Historischer Kontext“ genannt) geschrieben, in dem er sich zurückerinnert und die verstrichenen vierzig Jahre Revue passieren lässt.

Sie wollen etwas über Science-Fiction-Autoren wissen? Greifen Sie zu!

Horst Illmer

Charles Platt
DIE WELTENSCHÖPFER.
Kommentierte Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren. Band 1.
Übersetzt von Frank Böhmert, Andreas Fliedner, Horst Illmer, Bernhard Kempen, Matita Leng, Jasper Nicolaisen, Michael Plogmann, Erik Simon & Simon Weinert
(DREAM MAKERS Vol. 1 / 1980)
Berlin, Memoranda, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-948616-60-1
Klappenbroschur

„Ich wollte etwas über Science-Fiction-Autoren wissen.“ (S.9)

So wie Charles Platt ergeht es vielen Leserinnen und Lesern, doch die wenigsten von ihnen haben je Gelegenheit,

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Der Nullpunkt und Die Goldenen 150

von am 25. Dezember 2021 3 Kommentare

Vorwort von Gerd
In der Weihnachtszeit schreibe ich oft laaaange Beiträge. Manchmal ist es Gejammer, manchmal Dankbarkeit und ab und an auch irgendetwas völlig anderes. Diesmal ist es noch anders. Ich überlasse das Wort nämlich MITCH, der seit in etwa diesem Jahr unsere Seite mit seinen Rezis bereichert. Dieser Elan und seine authentische Herangehensweise sind eine große Bereicherung. Sein teils nicht ganz unstrittiger, sehr persönlicher Blickwinkel weist immer wieder neue Wege und Richtungen. Jetzt hat sich MITCH an etwas sehr umfassendes gewagt, das den "normalen" Rahmen unserer Beiträge bei weitem sprengt. Genau wie meine gewohnten Worte zur Weihnachtszeit. Deswegen könnt ihr in diesem Jahr seine Gedanken zur Phantastik lesen. Nehmt euch auch diesmal Zeit. Der Artikel und die dazugehörige Liste sind zwar wiederum sehr subjektiv, aber genau das hat auch mir so viel Spaß bereitet. Titel zu finden, an die ich niemals gedacht hätte, andere zu vermissen. Ich selbst würde es nie wagen, eine solche Liste zu erstellen, genau wegen möglicher Lücken oder Geschmäcker. MITCH hat es gewagt und ich mag das Ergebnis und bewundere sein Selbstvertrauen. Lasst euch inspirieren…

Kurd Laßwitz
Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins
Paperback. Mai 2017 – 156 Seiten; ebooknews press-Verlag
ISBN: 978-3944953533

EINLEITUNG: "150" JAHRE NACH DEM NULLPUNKT

Heute habe ich die Zahl 150 im Blick:

Denn vor 150 Jahren, im Jahr 1871, startete mit Kurd Laßwitz geschriebener Zukunftserzählung BIS ZUM NULLPUNKT DES SEINS, dem Gründungsdokument der deutschen Science Fiction, die moderne deutsche Science-Fiction. Die "150" hat also keine geringe Bedeutung.

Man möge sich vor Augen führen, dass Laßwitz‘ BIS ZUM NULLPUNKT DES SEINS aus einer Zeit stammt, in welcher Sherlock Holmes gerade einmal Teenager gewesen ist. Gleichwohl finden wir darin Internet, Schnellrestaurants, Überbevölkerung, Agrarsteppen, Psychopharmaka, Individualflugverkehr, Zukunftsluftkrieg, Energieversorgung, Bitcoin, Klimabeeinflussung, Frauenemanzipation, Raumfahrt u.v.m.. Folglich beinhaltet Laßwitz‘ Kurzgeschichte mehr an Science Fiction, als das gesamte Werk eines Jules Verne.

Auch so manch weise Worte sind in BIS ZUM NULLPUNKT DES SEINS verborgen:

"Die Nüchternen sind die allerschlimmsten Fanatiker; wenn sie sich auf die `nüchterne Überlegung´ berufen, so lügen sie. Ihre innerste Gemütslage ist eben fremd und abgeneigt den warmen Empfindungen einer ideal fühlenden Seele, die das Leben erfaßt, wie es sein soll, und nicht zergliedert, wie es ist.", vgl. Laßwitz, Traumkristalle, Moewig Verlag 1981, Bis zum Nullpunkt des Seins, S. 209.

Selbst wenn solche Gedanken schon 150 Jahre "alt" sind, können wir uns jetzt durchaus fragen, inwieweit und zu welchem Preis wir in unserer "neuen" Zeit einst uns wichtige (innen) empfundene Ideale heute einer (äußeren) nüchternen Notwendigkeit opfern?!

Und wer nach der Lektüre von BIS ZUM NULLPUNKT DES SEINS noch tiefer in den Ursprung deutscher SF gehen will, der mag sich – wie einst Jules Vernes Professor Lidenbrock – in den Mittelpunkt dessen vorwagen mit dem Titel …

Detlef Münch
150 Jahre Kurd Laßwitz´ Nullpunkt der deutschen Science Fiction am 21. Juni 1871
Taschenbuch: ‎ 224 Seiten
synergenVerlag (23. April 2021)
ISBN: ‎ 978-3946366508

An dieser Stelle ist es obligatorisch, Herrn Laßwitz ein paar gewichtige Worte nachzurufen, und zwar durch Herrn Dath:

"Laßwitz gehört zu den hellsichtigsten Wegbereitern der SF, zu den Menschen, die vor rund zweihundert Jahren eine neue Kunstform, eine neue Denkmaschine bauten, mehr: ein Kulturprinzip, das imstande war, iterativ weitere derartige Maschinen hervorzubringen oder sie in seine Dienste zu nehmen"vgl. Dietmar Dath, Niegeschichte, 2. Aufl., S. 175.

Und last but not least sage ich:

"Jedenfalls können wir heute, Ende des Jahres 2021, mit einer (doch recht tiefen) Verbeugung Richtung Herrn Laßwitz deutsche Science-Fiction feiern, heute, 150 Jahre nach dem Nullpunkt."

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Vorwort von Gerd
In der Weihnachtszeit schreibe ich oft laaaange Beiträge. Manchmal ist es Gejammer, manchmal Dankbarkeit und ab und an auch irgendetwas völlig anderes. Diesmal ist es noch anders. Ich überlasse das Wort nämlich MITCH, der seit in etwa diesem Jahr unsere Seite mit seinen Rezis bereichert. Dieser Elan und seine authentische Herangehensweise sind eine große Bereicherung. Sein teils nicht ganz unstrittiger, sehr persönlicher Blickwinkel weist immer wieder neue Wege und Richtungen. Jetzt hat sich MITCH an etwas sehr umfassendes gewagt,

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Adventskalender 2021 T-01 "Einer geht noch"

von am 23. Dezember 2021 2 Kommentare

Kurz vor knapp. Nur noch heute und morgen. Trotzdem gibt es auch heute noch einen Tipp. Oder sogar zwei, nämlich auch den, dass ihr zwar morgen, an Heilig Abend keinen Tipp mehr bekommt. Es ist ja Freitag und Freitags haben wir auch im Dezember die Audiofiles online gestellt. Trotzdem könnt ihr natürlich auch morgen noch bei uns einkaufen und eure last Second Einkäufe tätigen. Inklusive Ladentalk und Nerdberatung 😉 Wenn das kein Tipp ist…

Trotzdem kommt hier natürlich noch ein allerletzter "echter" Weihnachtstipp:

Hall, Steven
Maxwells Dämon
Übersetzt von Kleiner, Stephan
Berlin Verlag, Berlin Oktober 2021
ISBN: 9783827014221

Seit ich damals "Gedankenhaie" gefeiert habe, habe ich mich immer gefragt, wann das nächste Buch von Steven Hall erscheinen würde und ob es mich in ähnlicher Form faszinieren könnte. Es hat lange gedauert.

Das Warten auf "Maxwells Dämon" hat sich gelohnt. Auch diesmal sprengt Steven hall die Grenzen aller Genres und reißt den Leser in einen Strudel von Gefühlen und Verwirrungen. Ganz nach dem Vorbild des schottischen Physiker James Clerk Maxwell, dessen Gedankenexperiment Grundzüge der Physik in Frage stellt. Steven Hall schafft es aber auch in diesem Roman wieder nicht nur Genregrenzen, sondern auch die Grenzen der Wirklichkeit verschwimmen zu lassen. Das Buch entwickelt während des Lesens fast so einen Einfluss auf mich, wie ihn im Buch der Autor Andrew Black auf den Hauptcharakter Tom hat. Steven Hall durchbricht die dritte Wand quasi passiv, auf Gefühlsebene. Das Buch ist eine Bildgewaltige Kollage aus Physik, Philosophie und Theologie. Manchmal hat man das Gefühl, dass ähnlich wie bei Philip Kindred Dicks Werken eine Prise bewusstseinserweiternder Stoffe dem Verständnis auf die Sprünge helfen könnte. Ich denke aber, dass man das Buch einfach nur auf sich wirken lassen muss. Ein bisschen Kopfarbeit ist sicher nötig, denn das Buch ist intelligent konstruiert, aber vor allem muss man es fühlen.

Ich lege euch Maxwells Dämon genauso inbrünstig nahe, wie damals Gedankenhaie. Aber "nur", wenn ihr meint, euch auf das Experiment einlassen zu können. Wieder ein ganz besonderes Buch. Nicht "gute Unterhaltung", sondern viel mehr. Nämlich ein einziges großes Gedankenexperiment.

Kurz vor knapp. Nur noch heute und morgen. Trotzdem gibt es auch heute noch einen Tipp. Oder sogar zwei, nämlich auch den, dass ihr zwar morgen, an Heilig Abend keinen Tipp mehr bekommt. Es ist ja Freitag und Freitags haben wir auch im Dezember die Audiofiles online gestellt. Trotzdem könnt ihr natürlich auch morgen noch bei uns einkaufen und eure last Second Einkäufe tätigen. Inklusive Ladentalk und Nerdberatung 😉 Wenn das kein Tipp ist…

Trotzdem kommt hier natürlich noch ein allerletzter "echter"

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Adventskalender 2021 T-02 "Das Flüstern der Raben"

von am 22. Dezember 2021 4 Kommentare

Sølvsten, Malene
Das Flüstern der Raben Trilogie 1
Ansuz
Übersetzt von Carl, Justus
Arctis Verlag, Zürich September 2021
ISBN 9783038800477

Ein echter Ziegelstein ist dieses "Jugendbuch". Deswegen bin ich erst ein wenig zögerlich an die Sache rangegangen. Trotz Empfehlungen. Gerade bei Fantasyromanen von für mich komplett neuen Autorinnen aus dem Bereich Jugendbuch bin ich da in letzter Zeit einfach zu oft auf dem Bauch gelandet.

Großer Fehler!

Der erste Roman der Trilogie "Das Flüstern der Raben" ist spannend, mit plastischen und vor allem Glaubwürdigen Charakteren. Ich bin nicht einmal sicher, womit ich die Kategorie "Jugendbuch" begründen sollte. Na gut, man kann das Buch sicher als Jugendlicher Lesen, das gilt aber für sehr viele Fantasyromane und dieser enthält keines der sonst gerne verwendeten Klischees.

Die Protagonistin Anne ist eine kluge, eloquente und vor allem glaubwürdige Jugendliche. Kein Drama.

Die Welt ist stimmig und plakativ beschrieben. Selten hatte ich so viele opulente Bilder im Kopf. Vielleicht bei Brandon Sanderson.

Die Story beginnt eher wie ein Thriller  im Fantasygewand und überrascht immer wieder mit unerwarteten Wendungen. Die 800 Seiten waren nie träge oder weitschweifig und trotz des echt sperrigen Ziegelsteinformates hat das Buch dann gerade mal drei Tage gehalten. Dabei musste ich mich immer wieder zwingen, meine Augen nicht zu schnell über die Seiten fliegen zu lassen, denn Justus Carl hat seine Arbeit als Übersetzer auf jeden Fall brillant gemeistert. Und auch ohne Sprachkenntnis kann man Malene Sølvsten zu den gelungenen Formulierungen gratulieren.

Für mich ein echtes Pflichtbuch. Ich freue mich auch schon auf Teil 2 "Fehu", der bereits im Februar erscheinen wird. Danke nochmal für diese Empfehlung. Ich habe gerade in diesem Jahr immer wieder wirklich seltsame Bücher empfohlen bekommen. Meine Vorsicht war in diesem Fall absolut unbegründet und ich bin sehr froh, dass ich euch diesen Band noch kurz vor Weihnachten nahelegen kann…

Sølvsten, Malene
Das Flüstern der Raben Trilogie 1
Ansuz
Übersetzt von Carl, Justus
Arctis Verlag, Zürich September 2021
ISBN 9783038800477

Ein echter Ziegelstein ist dieses "Jugendbuch". Deswegen bin ich erst ein wenig zögerlich an die Sache rangegangen. Trotz Empfehlungen. Gerade bei Fantasyromanen von für mich komplett neuen Autorinnen aus dem Bereich Jugendbuch bin ich da in letzter Zeit einfach zu oft auf dem Bauch gelandet.

Großer Fehler!

Der erste Roman der Trilogie "Das Flüstern der Raben"

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Adventskalender 2021 T-03 "Eines Menschen Flügel"

von am 21. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-03 "Eines Menschen Flügel"

Jetzt gibt es keine Ausrede mehr! Gerade frisch erschienen, die Softcover-Ausgabe des Meisterwerkes zum erschwinglichen Preis. Deswegen hat diese wunderbar persönliche und ausführliche Rezi ihren Platz im Adventskalender mehr als verdient.
Andreas Eschbach
EINES MENSCHEN FLÜGEL
Köln, Lübbe, 2020, 1257 Seiten
Hardcover ISBN 978-3-7857-2702-7
Paperback ISBN 978-3-4042-0976-7

EINES MENSCHEN FLÜGEL ist einer jener Romane, die nicht nur eine, nicht nur zwei, sondern weit mehr Rezensionen verdient haben; einer jener Romane, der so viele Aspekte menschlichen Daseins beinhaltet, dass selbst ein Dutzend Rezensionen das gewaltige Buch in seiner Gänze vermutlich nicht durchdringen und aufbereiten vermögen.

Einleitend möchte ich gestehen, dass ich schon seit meiner Kindheit des Nachts vom Fliegen träume. Denn zu meinen ganz großen Helden gehörte (damals wie heute) KAL-EL alias SUPERMAN. Meine Kindheit in den achtziger Jahren war durchdrungen von den vier SUPERMAN-Filmen mit Christopher Reeve, der integer und unverwundbar – mächtig wie ein Halbgott – durch die Wolken, den Himmel und das All flog. Jene Flüge KAL-ELs beeindruckten und prägten mich damals sehr.

Als Kind oft (und heute als Mann bisweilen) träumte ich des Nachts davon, wie ich fliege, nur kraft meines Willens der Schwerkraft trotze und abhebe. Mein Körper erhebt sich in den Himmel und – wie SUPERMAN – durchbreche ich die Wolken und den mitternachtsblauen Himmel, ich blicke – ohne zu frieren – mutig hinab und sehe mit Kraft in den Augen die Welt von oben, frei und allmächtig.

Diese (ach zu raren) Träume liebe ich am meisten und immer wenn ich bei mir Zuhause die Raubvögel ins Tal fliegen sehe, dann denke ich an diese Traumbilder, und ich wünsche mir, wie schön wäre es doch …

… und es geschah, als Gerd mir eines Tages EINES MENSCHEN FLÜGEL schickte und mir damit fürwahr ein großes Geschenk machte:

Ich öffnete das Buch und – ja wirklich – ich konnte fliegen. Unglaublich. Es war kein Heldenflug wie bei KAL-EL, eher wie der Flug eines Falken. Kräftige Schwingen waren mir gewachsen und ich lernte schnell das Abheben, das Aufsteigen und das Gleiten, auch das Schwirren und der Sturzflug waren mir bald nicht mehr fremd.

Uns so kam es, dass ich kraft EINES MENSCHEN FLÜGEL für einige Wochen fliegen durfte, mit den Menschen der Nester "Ris", "Heit", "Mur" und "Leik", auch mit den sogenannten Nestlosen, sowie mit vielen anderen Bewohnern aus Eschbachs namenloser Welt: Denn die Menschen auf Eschbachs Planeten werden mit Flügeln geboren, mit denen eines Pfeilfalken, und wirklich, sie können fliegen, anmutig und kraftvoll.

Als Leser fühlte ich mich dabei wie John Dunbar (alias Kevin Costner), der im sehenswerten Film "Der mit dem Wolf tanzt" tiefe Freundschaft mit Sioux-Indianern knüpft, deren Leben und Kultur kennenlernt und sogar in ihr Volk aufgenommen wird. Auch Eschbachs Menschen leben in EINES MENSCHEN FLÜGEL auf ihrem Planeten ähnlich ursprünglich und unberührt, vergleichbar wie unsere damaligen Indianer auf der Erde noch vor dem 16. Jahrhundert, d.h. bevor die barbarische Invasion der Zivilisation ihr Volk penetrierte. Gleichzeitig steckt in Eschbachs fliegenden Menschen so viel Zukunft verborgen, eine Zukunft die ich hier nicht verraten darf, denn eben jene muss der Leser selbst erfahren, mit jedem Flug ihr ein Stück näher kommen.

Eschbach nahm mich – wie ein Ent einen Hobbit – in seine Hand und steckte mich von Kapitel zu Kapitel in den Blickwinkel eines neuen Mitglieds der Nester: Ich sah, spürte und erlebte in zahlreichen Körpern über viele hundert Buchseiten das Jagen, Kochen, Fliegen, Jungsein, Verlieben, Altwerden, Streiten, Kämpfen, Gebären, Meditieren, Beten, Fürchten, Trauern, Beerdigen, Feiern, Lieben, Lachen, Erkranken, Heilen, Schlafen, Essen, Heiraten, Streben, Hoffen, Sich-Erheben, … eben das ganze Leben der Menschen mit den Flügeln. Aber auch das Sterben lernte ich kennen, den Flug an diesen mystischen Ort, wohin eines Menschen Flügel mich nicht zu tragen vermögen.

Die Handlung in EINES MENSCHEN FLÜGEL erstreckt sich dabei in etwa über drei menschliche Generationen, und die Geschichte entfaltet sich chronologisch und – wie gesagt – abwechselnd immer aus der Sicht eines anderen Protagonisten. So durfte ich mehr als ein Dutzend Charaktere so herrlich nah erleben und mit ihnen in ihrem Lebensflug vorangleiten.

Und analog solcher Filme wie "Der mit dem Wolf tanzt" oder "Avatar" nimmt es Eschbach hier ganz genau, er will Authentizität transportieren, er will damit berühren. Bei einem solchen Plot bedeutet dies: Schönheit vor Spannung, Bilder vor Aktion, und Tiefe vor Bewegung.

Will sagen: Wer sich auf EINES MENSCHEN FLÜGEL einlässt, der fliegt lange Strecken sanft im Gleitflug, und betrachtet dabei die Schönheit und Besonderheiten der darin verborgenen Welt. Geduld, Genuss und Neugier sind hier des Lesers Tugenden.

Aber ab und zu, vor allem am Anfang, dann erst wieder ab Mitte und freilich am Ende des Buches geschieht es: Eschbach lässt mich rasant fliegen, in einem heftigen Spannungsbogen, der mein Herz rasen lässt und mich schreien lässt, ein Schrei, wie wenn die Achterbahn in ihre erste gefürchtete Talfahrt kippt. Dann will ich mehr, noch ein Looping! Bitte! … doch Eschbach nimmt gnadenlos immer wieder die Geschwindigkeit raus, und statt aufregender Höhe, lässt er mich wieder tiefer schweben, ruhig Richtung Welterleben und erneut nach unten Richtung Herz der Handlung. Im ersten Moment kleine Enttäuschung, im nächsten Moment die grosse Gewissheit, dass jener tiefe Flug den nächsten Hochflug umso gewaltiger werden lässt.

Das letzte Viertel des Buches erhöht dann in der Tat nochmal merklich die Geschwindigkeit und Höhe des Lesers Flug und mit grossen Augen und offenen Mund erlebe ich ein phänomenales Ende, ein zweigeteiltes Ende, welches nicht nur eine salzige Träne auf meiner linken, sondern auch eine süsse Träne auf meiner rechten Wange herabrinnen lässt. Eine dieser Tränen trägt Hoffnung in sich.

Eschbach beschenkt mit EINES MENSCHEN FLÜGEL wahrlich unsere Erdenwelt und zeigt dabei auf bittere und zugleich schöne Weise, dass der Mensch wohl immer von seiner "dunklen Seite der Macht" durchdrungen oder bedroht sein wird, egal wie sehr er nach der hellen Seite strebt und in ihr lebt. Egal zu welcher Zeit, egal auf welchem Planeten.

MITCH

Jetzt gibt es keine Ausrede mehr! Gerade frisch erschienen, die Softcover-Ausgabe des Meisterwerkes zum erschwinglichen Preis. Deswegen hat diese wunderbar persönliche und ausführliche Rezi ihren Platz im Adventskalender mehr als verdient.
Andreas Eschbach
EINES MENSCHEN FLÜGEL
Köln, Lübbe, 2020, 1257 Seiten
Hardcover ISBN 978-3-7857-2702-7
Paperback ISBN 978-3-4042-0976-7

EINES MENSCHEN FLÜGEL ist einer jener Romane, die nicht nur eine, nicht nur zwei, sondern weit mehr Rezensionen verdient haben; einer jener Romane, der so viele Aspekte menschlichen Daseins beinhaltet,

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Adventskalender 2021 T-05 "Natur und Wesen von Mittelerde"

von am 19. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-05 "Natur und Wesen von Mittelerde"

J. R. R. Tolkien
»Natur und Wesen von Mittelerde. Späte Schriften zu den Ländern, Völkern und Geschöpfen und zur Metaphysik von Mittelerde.«
Herausgegeben und mit Vorwort, Einleitungen, Fußnoten und Kommentaren von Carl F. Hostetter.
Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch und Susanne Held
(Originalausgabe: »The Nature of Middle-earth. Late Writings on the Lands, Inhabitants and Metaphysics of Middle-earth« / 2021)
Stuttgart, Klett-Cotta (Hobbit Presse), 2021, 720 Seiten
ISBN: 978-3-608-96478-3, 28,00 Euro

Carl F. Hostetter ist im Hauptberuf Computer-Wissenschaftler bei der NASA und erst in zweiter Linie Spezialist für Elbensprachen. In dieser Funktion wurde er vor einigen Jahren von Christopher Tolkien (dem das Buch auch gewidmet ist) beauftragt, aus verschiedenen Kisten seines Vaters mit Material der späten Jahre, einen veröffentlichbaren Band zu erstellen. Es ist Hostetter auf angenehme Weise gelungen, die verschiedenen Bruchstücke, Textvarianten und Textvariationen zu beschreiben und in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Der daraus resultierende Band »Natur und Wesen von Mittelerde« ist eine große Quelle der Freude für jene Hardcore-Tolkien-Leser*innen, die schon möglichst viel von der zum Teil nur auf Englisch erschienen »History of Middle-earth« gelesen und verinnerlicht haben. Er ist aber auch eine große Freude für Hardcore-Tolkien-Leser*innen, die sich für die zergliederten und verschlungen Entstehungs- und Entwicklungsprozesse des ganzen Mittelerde-Komplexes begeistern können.
Die Tolkien-Leser*innen, die fertige Texte und fertiggestellte Gedankengebäude brauchen oder erwarten, werden jedoch eher ratlos zurückbleiben. Doch auch ihnen bleibt die Eleganz der Sprache und die gedankliche Tiefe von J. R. R. Tolkiens Welt.

Matita Leng

J. R. R. Tolkien
»Natur und Wesen von Mittelerde. Späte Schriften zu den Ländern, Völkern und Geschöpfen und zur Metaphysik von Mittelerde.«
Herausgegeben und mit Vorwort, Einleitungen, Fußnoten und Kommentaren von Carl F. Hostetter.
Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch und Susanne Held
(Originalausgabe: »The Nature of Middle-earth. Late Writings on the Lands, Inhabitants and Metaphysics of Middle-earth« / 2021)
Stuttgart, Klett-Cotta (Hobbit Presse), 2021, 720 Seiten
ISBN: 978-3-608-96478-3, 28,00 Euro

Carl F.

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Adventskalender 2021 T-06 "Scrooge – eine Weihnachtsgeschichte"

von am 18. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-06 "Scrooge – eine Weihnachtsgeschichte"

Charles Dickens, Rodolphe, Estelle Meyrand
SCROOGE
EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE
Splitter-Verlag; 1. Edition
Gebundene Ausgabe: ‎ 48 Seiten
ISBN-13‏: ‎ 978-396792731

Als ich kürzlich bei den Neuheiten auf comicdealer.de den Comicband SCROOGE – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE entdeckte, da gab es kein Zaudern mehr. Die Neuheit wurde mit Vorfreude und einem Leuchten in meinen Augen gleich bestellt… und heute an einem winterlichen Sonntag genüßlich gelesen.

Mein Instinkt war richtig gewesen, denn das tolle Comic transportiert so weihnachtlich und wunderbar die fantastische Geschichte vom alten Ebenezer Scrooge. SCROOGE – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE bleibt dabei inhaltlich der Buchvorlage recht treu, die Stimmung und der Tenor der Originalerzählung werden authentisch und genial transportiert. Die liebevollen Bilder schaffen die passende Atmosphäre, die Vertextung ist zeitgemäß und gut gelungen. Ich bin begeistert.

Hut ab vor den Machern dieses Werks!

Das Buch EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE (A Christmas Carol in Prose) ist eine der bekanntesten Erzählungen von Charles Dickens. Sie wurde von ihm – passend kurz vor Beginn der sog. Rauhnächte – am 19. Dezember des Jahres 1843 veröffentlicht.

Für mich persönlich war Dickens EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE vermutlich meine allererste Fantasygeschichte gewesen, und dabei eine, die mich als Kind durchaus prägte und bewegte; egal ob als Kinderbuch, Hörspiel, Film, oder als Roman, ich empfand schon in Kindheitstagen die Heldenreise von Scrooge gänsehautmachend schön. Heute ist dies nicht anders.

Für die wenigen Leser, die den Inhalt gar nicht kennen: Die Erzählung handelt – wie der Titel vom Comic schon sagt – von Ebenezer Scrooge, einem alten, grantigen Geizhals, der in einer einzigen Nacht Besuch von seinem verstorbenen Teilhaber Jacob Marley bekommt, dessen Geist dem verbitterten Scrooge auf brachiale Weise die Augen öffnet und ihm schließlich dazu verhilft, sein Inneres und damit sein Leben zu ändern.

Dickens Erzählung zeigt uns eindrücklich, welche immense Stärke in der Phantastik (als Genre) steckt. Ich behaupte sogar, dass weder Sachbuch oder Autobiographie, noch andere Belletristikgenres eine solche transformatorische Dynamik im Leser entfalten können, wie es die Erzählkunst der Phantastik vermag. Nicht umsonst erzählen wir Menschen uns seit Jahrtausenden vergangene Geschichten, alte Mythen, bildgewaltige Sagen sowie hoffnungsvolle Zukunftsvisionen. Eben weil uns die Phantastik nicht nur Freude macht und unterhält, sondern weil sie in uns Spuren hinterlässt und uns bewegt.

Und so ist SCROOGE – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE nicht nur ein bezauberndes Comic für Jung und Alt, sondern auch eine Pforte zum eigenen Drachen, welche gerade in der Weihnachts-/ und Rauhnachtszeit (20. Dezember bis 06. Januar) besonders "magisch" offen steht. Um es mit Neil Gaiman unter Verweis auf G.K. Chesterton zu sagen: Märchen sind mehr als nur wahr – nicht deshalb, weil sie uns sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns sagen, dass man Drachen besiegen kann (vgl. Gaiman, Coraline, Arena 14. Oktober 2021, 978-3401606460).

Kurz und knackig (sowie im Sinne von Tolkien) formuliert: Zunächst wird der Drache besiegt, erst dann gibt es den Schatz!

MITCH

PS:

Für alle, die zusätzlich zum Comic SCROOGE noch das Buch EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE bestellen wollen, sei empfohlen:

Charles Dickens (Autor), John Leech (Illustrator), Laura Jacobi (Übersetzer)
Die Charles-Dickens-Weihnachtsgeschichte
homunculus verlag; 4. Edition (23. September 2015)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 160 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3946120094

Eine wirklich schöne Ausgabe, die eine passende Sonderausstattung enthält, mit Stichen der acht Original-Illustrationen von John Leech (1817–1864) und 20 weiteren zeitgenössischen Abbildungen, sowie einem historischen Stadtplan von London aus dem 19.  Jahrhundert sowie dem im Buch erwähnten englischen Weihnachtslied »God Rest You Merry Gentlemen« (Karte und Lied als Download).

Charles Dickens, Rodolphe, Estelle Meyrand
SCROOGE
EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE
Splitter-Verlag; 1. Edition
Gebundene Ausgabe: ‎ 48 Seiten
ISBN-13‏: ‎ 978-396792731

Als ich kürzlich bei den Neuheiten auf comicdealer.de den Comicband SCROOGE – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE entdeckte, da gab es kein Zaudern mehr. Die Neuheit wurde mit Vorfreude und einem Leuchten in meinen Augen gleich bestellt… und heute an einem winterlichen Sonntag genüßlich gelesen.

Mein Instinkt war richtig gewesen, denn das tolle Comic transportiert so weihnachtlich und wunderbar die fantastische Geschichte vom alten Ebenezer Scrooge.

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Adventskalender 2021 T-08 "Sechzehn Wege"

von am 16. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-08 "Sechzehn Wege"

K. J. Parker
Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen
Panini, Stuttgart 2021, 389 Seiten
ISBN 978-3-8332-4105-5

Wie viele Bücher habt ihr dieses Jahr gelesen, die euch vor herzhaftem Lachen oder erstauntem Ausrufen mehr als einmal innehalten ließen? Nicht genug? Dann kommt hier noch ein Highlight auf der literarisch-fantastischen Zielgeraden von 2021 …

Geschrieben hat es Tom Holt. Deutschsprachige Leserinnen und Leser kennen ihn für seine gewitzten fantastischen Bücher, von denen in den 1990ern viele bei Heyne herauskamen. In der Rückschau könnte man wohl sagen, dass der 1961 geborene Engländer so eine Art Bindeglied zwischen Douglas Adams, Terry Pratchett und Jasper Fforde darstellt. 2015 wurde zudem bekannt, dass Holt seit 1998 das Pseudonym K. J. Parker verwendet – und unter diesem 2011 sogar den World Fantasy Award für die beste Novelle erhielt. Bei Panini ist jetzt sein grandioser Roman „Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen“ erschienen.

Darin nutzt Holt/Parker eine fiktionalisierte Version des römischen Imperiums als pseudohistorischen Hintergrund seiner Geschichte (etwa so, wie Robert E. Howard das mit den Settings seiner Conan-Erzählungen getan hat). In Parkers Alternativwelt-Interpretation des antiken römischen Weltreichs muss der durchtriebene, opportunistische Oberst Orhan von einem Brückenbau-Regiment die Hauptstadt der Robur verteidigen, die überraschend von einer gewaltigen Armee belagert wird. Orhan erlangt das Kommando und gibt alles für die kaiserliche Metropole, obwohl die Robur den früheren Sklaven wegen seiner hellen Haut eigentlich als minderwertig erachten …

Die Geschichte der Belagerung stellt keineswegs das epische Spektakel aus extremer Action und epischem Heldenmut dar, das man vielleicht erwartet – die Figuren, Probleme und Intrigen abseits der Mauer, direkt in der von verschiedenen Fraktionen beherrschten Stadt, sind immer am wichtigsten. Orhans erfrischend schelmische und zynische Erzählstimme bietet dabei ein konstantes Lesevergnügen. Das gilt letztlich für diesen ganzen fantastischen Roman, der genau das richtige für alle Fans von Steven Brust, Martin Scott und dem bereits erwähnten Sir Terry ist.

Christian Endres

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K. J. Parker
Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen
Panini, Stuttgart 2021, 389 Seiten
ISBN 978-3-8332-4105-5

Wie viele Bücher habt ihr dieses Jahr gelesen, die euch vor herzhaftem Lachen oder erstauntem Ausrufen mehr als einmal innehalten ließen? Nicht genug? Dann kommt hier noch ein Highlight auf der literarisch-fantastischen Zielgeraden von 2021 …

Geschrieben hat es Tom Holt. Deutschsprachige Leserinnen und Leser kennen ihn für seine gewitzten fantastischen Bücher, von denen in den 1990ern viele bei Heyne herauskamen.

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Adventskalender 2021 T-12 "The Rules of Magic"

von am 12. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-12 "The Rules of Magic"

Alice Hoffman
The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie
Fischer, Frankfurt 2021, 364 Seiten
ISBN 978-3-59670060-8

„The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie“ von Alice Hoffman erzählt die Geschichte der Geschwister Franny, Jet und Vincent Owens, die in den 1950ern, 1960ern und 1970ern mit ihren hexerischen Gaben bzw. ihrem magischen Erbe ringen. Zu diesen gehört nämlich auch der Fluch, dass alle sterben, die sie jemals lieben. Ihre Eltern wollen in New York deshalb alles Übernatürliche und Magische von den Kindern fernhalten. Doch deren Hexentante auf dem Land fördert es, und dem Schicksal ist es sowieso egal, was die Menschen wollen oder gar begehren …

Wer das fantastische Genre schon etwas länger im Blick hat, wird es sich schon gedacht haben oder sich zumindest jetzt vage erinnern: „The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie“ ist das Prequel zu Alice Hoffmans berühmten Roman „Im Hexenhaus“ von 1995, der drei Jahre später als „Zauberhafte Schwestern“ mit Nicole Kidman und Sandra Bullock verfilmt wurde (und Anfang 2022 bei Fischer als „Practical Magic – Zauberhafte Schwestern“ ebenfalls neu aufgelegt werden soll). Die 1952 geborene Hoffman hat ihr im Original 2017 veröffentlichtes Prequel allerdings so angelegt und abgefasst, dass man es komplett eigenständig lesen kann, selbst wenn man bisher noch nichts von ihr oder der Familie Owens weiß.

Einfühlsam, charmant und packend geschrieben, berauschend zu lesen, durch und durch magisch – so, wie man mit Franny, Jet und Vincent lacht und leidet, schlägt man sich mit diesem verhext fantastischen Pageturner gerne die Nächte um die Ohren.

Christian Endres
@MisterEndres auf Twitter folgen

Alice Hoffman
The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie
Fischer, Frankfurt 2021, 364 Seiten
ISBN 978-3-59670060-8

„The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie“ von Alice Hoffman erzählt die Geschichte der Geschwister Franny, Jet und Vincent Owens, die in den 1950ern, 1960ern und 1970ern mit ihren hexerischen Gaben bzw. ihrem magischen Erbe ringen. Zu diesen gehört nämlich auch der Fluch, dass alle sterben, die sie jemals lieben. Ihre Eltern wollen in New York deshalb alles Übernatürliche und Magische von den Kindern fernhalten.

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Adventskalender 2021 T-13 "Der Kanon mechanischer Seelen"

von am 11. Dezember 2021 7 Kommentare

Michael Marrak
DER KANON MECHANISCHER SEELEN PAPERBACK
Illustriert vom Autor
Traunstein, Amrun, 2021, 750 Seiten
ISBN 9783958694644

Horst hat schon darüber geschrieben. Meine Wenigkeit hat das Buch als besonders wertvoll deklariert. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr. Seit Herbst ist der "Kanon mechanischer Seelen" als Paperback zum erschwinglichen Preis erhältlich.

Ein wahrhaft wundervolles Buch für alle, die sich gerne von Sprachakrobatik, fantasievollen Welten, witzigen Charakteren und traumhafter Atmosphäre einfangen lassen. Wenn ihr es satt habt, auf den nächsten Zamonien Roman zu warten oder euch die Robotermärchen von Stanislaw Lem in farbenfroher Erinnerung sind, wenn ihr einfach Science Fiction einmal in bunt und abgedreht lesen möchtet, dann führt an diesem Buch kein Weg vorbei. Und wenn ihr ganz schnell seid, das Buch genauso gefressen habt, wie ich, dann sind vielleicht noch ein paar signierte Restexemplare der Fortsetzung im Laden…

Mehr sage ich nicht. Es gibt ja schon eine Rezi dazu. Ich wollte lediglich ein weiteres Mal meine überschwängliche Begeiterung kundtun. 

Michael Marrak
DER KANON MECHANISCHER SEELEN PAPERBACK
Illustriert vom Autor
Traunstein, Amrun, 2021, 750 Seiten
ISBN 9783958694644

Horst hat schon darüber geschrieben. Meine Wenigkeit hat das Buch als besonders wertvoll deklariert. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr. Seit Herbst ist der "Kanon mechanischer Seelen" als Paperback zum erschwinglichen Preis erhältlich.

Ein wahrhaft wundervolles Buch für alle, die sich gerne von Sprachakrobatik, fantasievollen Welten, witzigen Charakteren und traumhafter Atmosphäre einfangen lassen.

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Adventskalender 2021 T-15 "Die Hüterin der Drachen"

von am 9. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-15 "Die Hüterin der Drachen"

Curatoria Draconis (Text) & Tomislav Tomić
DIE HÜTERIN DER DRACHEN.
Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen.
Übersetzt von Ute Löwenberg
(DRAGON ARK / 2020)
München London New York, Prestel, 2021, 75 Seiten
ISBN 978-3-7913-7483-3 / 26,00 Euro
Überformatiges Hardcover

So müssen Bücher über Drachen aussehen: Riesenformat und jede Menge Gold!

Der Prestel Verlag hat mit DIE HÜTERIN DER DRACHEN kurz vor Weihnachten ein absolut begeisterndes Buch für Alle vorgelegt. Der Text stammt von Emma Roberts, die unter dem Pseudonym Curatoria Draconis auch gleichzeitig die „Hüterin der Drachen“ und Chefin der „Drachen-Arche“ ist, die Bilder schuf Tomislav Tomic, das englische Original erschien 2020 unter dem Titel DRAGON ARK.

Es geht in diesem illustrierten „Sachbuch“, das den Untertitel „Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen“ trägt, darum, dass der Lebensraum für Drachen auf unserer Welt immer weiter schrumpft. Die Mission der Drachen-Arche ist also die Rettung der letzten Drachen. Dazu bereisen die Crew-Mitglieder der Arche mit ihrem Schiff die Weltmeere und suchen auf allen Kontinenten nach den letzten Exemplaren der diversen Drachen-Unterarten. Was ihnen noch fehlt ist der Himmelsdrache Tian Long, der seit Jahrhunderten nicht mehr gesichtet wurde, aber Curatoria Draconis hofft, in den unzugänglichen Urwäldern des Jangtse-Flusses doch noch fündig zu werden. Das Ergebnis zeigt die letzte Doppelseite im Format 37 mal 55 Zentimeter.

DIE HÜTERIN DER DRACHEN ist ein Bilderbuch für Drachenliebhaber, das im Stil eines populärwissenschaftlichen Biologie-Lehrbuchs eine Reihe mythischer Wesen aus den Nebeln des Vergessens in Bewusstsein zurückholt.

Es wird hiermit offiziell eine erstgemeinte „Weihnachtsgeschenk-Empfehlung“!

Horst Illmer

Curatoria Draconis (Text) & Tomislav Tomić
DIE HÜTERIN DER DRACHEN.
Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen.
Übersetzt von Ute Löwenberg
(DRAGON ARK / 2020)
München London New York, Prestel, 2021, 75 Seiten
ISBN 978-3-7913-7483-3 / 26,00 Euro
Überformatiges Hardcover

So müssen Bücher über Drachen aussehen: Riesenformat und jede Menge Gold!

Der Prestel Verlag hat mit DIE HÜTERIN DER DRACHEN kurz vor Weihnachten ein absolut begeisterndes Buch für Alle vorgelegt.

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Adventskalender 2021 T-17 "Die Flüchtigen"

von am 7. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-17 "Die Flüchtigen"

Oweh, der Gerd hat mal wieder eines jener Bücher, bei denen er selbst schon absolut sicher ist: es wird polarisieren… Ich erinnere mich gut an "Gedankenhaie" von Steven Hall oder "Das gestohlene Kind" von Keith Donohue. Diese Beiden Bücher wurden mir fast schon als provokanter Versuch der Emanzipation oder des "aus dem Schatten meines Vaters treten" angekreidet. Ist noch gar nicht so lange her.

Heute ist mein Vater eigentlich (fast) nicht mehr im Laden. Es gibt keinen Schatten, aus dem ich treten muss. In meinen Augen war ich auch damals bereits deutlich und offen mit der Aussage. Diese Bücher – und ganz ehrlich, für mich sind es bis heute einzigartige und herausragende Werke – sind außergewöhnlich und nicht für jedermann oder jederfrau. Später gab es weitere Werke, deren Wert beständig bleibt, deren Rezeption aber stets subjektiv stark differieren wird. Trotzdem traue ich mich auch in diesem Jahr wieder, ein Buch anzupreisen, das wieder eines dieser ganz besonderen Bücher ist*.

Alain Damasio
Die Flüchtigen
Berlin, Matthes & Seitz
838 Seiten, gebunden
aus dem Französischen von Milena Adam
Preis: 28,00 €

Ich bin mir sicher, es wird euch geben, die dieses Buch in gleicher Weise verehren werden, wie ich es tue, ich bin genauso sicher, es wird auf Unverständnis und Kopfschütteln stoßen. Das Buch "Die Flüchtigen" von Alain Damasio ist schwer einzuordnen. Zum Schluss ist es eine Utopie, denn es zeigt sich ein Licht am Ende des Tunnels. Der komplette Text bleibt immer ein Fühlen, Schmecken und Interpretieren. Die Vordergründige Handlung wäre schnell erzählt, aber auch unnötig. Der Einstieg, also die ersten Seiten sind in derartigem Kontrast zu Klappentext und Teaser, dass ich fast schon verunsichert war, das richtige Buch zu lesen.

Ich hasse diese Werbetexte ja eh. Insofern nicht so schlimm. Die über 800 Seiten waren dann schnell gelesen und ich war verwirrt, berührt, gefangen, verzaubert und was man eben sonst noch so sein kann, bei einem besonderen Buch. Ich traue mich nichts zum Inhalt zu sagen. Ich werde das Buch nicht empfehlen, aber es ist das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen oder erfühlt habe. Wer sich auf dieses Experiment einlassen will, sei eingeladen. Wer mehr wissen möchte soll lieber das Übersetzungsjournal von Milena Adam (tolle Arbeit!) beschnuppern. Wer dann noch nicht Feuer gefangen hat, soll es lassen. Von mir wird es nicht mehr geben. Außer, ihr habt es gelesen. Dann rede ich sehr gerne mit euch darüber.

War das eine Empfehlung?**

*Auch wenn ich ärgerlich über das verdammt schlampige Endprodukt inklusive Lektorat meckern muss. Satzdopplung auf den ersten Seiten.

**Leser, die sich von Gedankenhaie nicht abschrecken ließen, interessierten sich auch für…

Oweh, der Gerd hat mal wieder eines jener Bücher, bei denen er selbst schon absolut sicher ist: es wird polarisieren… Ich erinnere mich gut an "Gedankenhaie" von Steven Hall oder "Das gestohlene Kind" von Keith Donohue. Diese Beiden Bücher wurden mir fast schon als provokanter Versuch der Emanzipation oder des "aus dem Schatten meines Vaters treten" angekreidet. Ist noch gar nicht so lange her.

Heute ist mein Vater eigentlich (fast) nicht mehr im Laden. Es gibt keinen Schatten,

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Adventskalender 2021 T-19 "Das Spiel der Götter"

von am 5. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-19 "Das Spiel der Götter"

Erikson, Steven
Das Spiel der Götter 19
Der verkrüppelte Gott
Aus dem Amerikanischen von Weinert, Simon
(The Crippled God (The Malazan Book of the Fallen 10, Part 2))
Blanvalet, München, 2021, 767 S.
ISBN 9783734161162 / 12,00 Euro

Es ist vollbracht. Als ich 2000 den ersten band dieser epischen Fantasy-Reihe gelesen habe, war mir nicht klar, wie lange ich darauf warten würde, zu ende zu lesen. Im August ist jetzt (endlich) der letzte Teil dieser unvergleichlichen, meisterhaften und herausragenden Fantasy Saga erschienen.

Dabei kann an Steven Erikson in keinem Fall irgendetwas vorwerfen. Die englischen 10 Bände der Saga sind tatsächlich fast im Jahrestakt erschienen, die Rädchen im Getriebe lagen diesmal ausschließlich in der Lokalisierung. Die und das muss ich zugeben trotz Wechsel des Übersetzers, kurz vor der Ziellinie am Ende vorbildlich gelungen ist.

Zu der Reihe mag ich gar nichts sagen. Zu oft und zu viel ist bereits darüber geschrieben worden. Für mich war alles, vom Aufbau über die Charaktere bis hin zu kleinen Nebengeschichten perfekt. Die Reihe ist sicher nichts für reine Actionleser, wer sich aber auf etwas komplexes und völlig neues einlassen kann, der wird belohnt. Mit sensationellen Bänden, deren Zusammenhang und Gesamtkonzept sich erst ganz langsam für den Leser öffnen.

Das Einzige, was wahrscheinlich bedauerlich bleiben wird, ist, dass es  vermutlich keine weiteren Bände in deutscher Sprache geben wird. Und das, obwohl sowohl Erikson, als auch sein Freund und Mit-Welten-Schaffer Ian Cameron Esslemont noch weitere Geschichten und Ideen in der Welt Malaz zu Papier gebracht haben.

Je mehr Käufer die Reihe findet, desto größer wir die Wahrscheinlichkeit vielleicht doch noch. Probiert es aus, es lohnt sich…

Erikson, Steven
Das Spiel der Götter 19
Der verkrüppelte Gott
Aus dem Amerikanischen von Weinert, Simon
(The Crippled God (The Malazan Book of the Fallen 10, Part 2))
Blanvalet, München, 2021, 767 S.
ISBN 9783734161162 / 12,00 Euro

Es ist vollbracht. Als ich 2000 den ersten band dieser epischen Fantasy-Reihe gelesen habe, war mir nicht klar, wie lange ich darauf warten würde, zu ende zu lesen. Im August ist jetzt (endlich) der letzte Teil dieser unvergleichlichen,

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Adventskalender 2021 T-20 "Das Weihnachts-Dingsbums"

von am 4. Dezember 2021 1 Kommentar

F. Paul Wilson
DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS.
Illustrationen von Alan M. Clark
Übersetzt von Joachim Körber
(The Christmas Thingy / 2000)
o. O. (Altefähr), Wandler Verlag, 2020, 31 Seiten
ISBN 978-3-948825-01-0 / 16,00 Euro
Reihe Murmelnest 01
Großformatiger Pappband mit Fadenheftung

Einen tollen Start legte der im letzten Jahr neugegründete Wandler Verlag hin:
Als erstes Buch ist dort DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS von F. Paul Wilson erschienen, ein großformatiges Kinderbuch, das natürlich auch sehr von den stimmungsvollen Illustrationen Alan M. Clarks geprägt ist. Leider gab es dann ein kleines logistisches Problem. Deshalb gibt es die Rezi erst in diesem Jahr, da ihr das Buch jetzt auch im Laden erwerben könnt…

Geschildert werden darin die Erlebnisse von Jessica Atkins, deren Eltern aus beruflichen Gründen von Amerika nach England gezogen sind. Jessica, die wegen einer Behinderung nach der Schule überwiegend alleine zuhause ist, wünscht sich ein „freundliches“ Monster als Spielgefährten. Dass die Erfüllung eines solchen Wunsches durchaus zweischneidig ausfallen kann, wie die brave Haushälterin Mrs. Murgatroyd warnt, zeigt sich in den folgenden Wochen, nachdem es sich „das Dingsbums“ unter Jessicas Bett heimisch macht.

Die Abenteuer finden ihren Höhepunkt dann am Weihnachtsabend – denn da entscheidet es sich, ob das „Dingsbums“ wirklich zu einem echten Freund geworden ist, oder ob es seiner ursprünglichen Monster-Bestimmung folgen muss …

Eine großartige Weihnachtsgeschichte für jung und alt, die sich auch hervorragend zum Vorlesen eignet!

Horst Illmer

F. Paul Wilson
DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS.
Illustrationen von Alan M. Clark
Übersetzt von Joachim Körber
(The Christmas Thingy / 2000)
o. O. (Altefähr), Wandler Verlag, 2020, 31 Seiten
ISBN 978-3-948825-01-0 / 16,00 Euro
Reihe Murmelnest 01
Großformatiger Pappband mit Fadenheftung

Einen tollen Start legte der im letzten Jahr neugegründete Wandler Verlag hin:
Als erstes Buch ist dort DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS von F. Paul Wilson erschienen, ein großformatiges Kinderbuch, das natürlich auch sehr von den stimmungsvollen Illustrationen Alan M.

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Adventskalender 2021 T-23 "Das Ministerium für Zukunft"

von am 1. Dezember 2021 1 Kommentar

Kim Stanley Robinson
DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
(THE MINISTRY FOR THE FUTURE / 2020)
München, Heyne, 2021, 717 S.
ISBN 978-3-453-32170-0 / 17,00 Euro

Auf dieses Buch hat die Welt gewartet. Und wenn nicht die Welt, so jedenfalls meine Wenigkeit, denn ich bin es leid, immer und immer wieder zu lesen (und zu hören), was alles nicht geht. Aber auf den guten alten Kim Stanley Robinson kann man sich halt verlassen! Immer wenn man glaubt, es gäbe keine Utopien mehr, kommt dieser altgediente Kämpe daher und zeigt uns, was alles möglich ist!!

Sein neuester Roman trägt den unschlagbaren Titel DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT und er beginnt mit einer Katastrophensequenz, die so wie beschrieben tatsächlich Morgen oder nächste Woche passieren könnte. Was sie von andren Katastrophen unterscheidet (jedenfalls bei Robinson) ist, dass jemand daraus Konsequenzen zieht. „Jemand“ sind hier viele, teilweise sehr unterschiedliche, Individuen und Gruppen und auch die „Konsequenzen“ reichen von verstärkter politischer Arbeit bis hin zu brutalstem Ökoterrorismus und staatlichen Kurzschlussreaktionen.

Allerdings entwickelt sich in DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT daraus keine Apokalypse, sondern all diese Reaktionen führen zur Akkumulation von etwas Positivem, zu einem Umdenken bei so vielen Menschen, dass erstmals seit vielen Jahrzehnten ein Lichtstreif am Horizont auftaucht und eine klimaneutralere, gerechtere Welt vorstellbar wird. Robinson bietet keine fertigen Lösungen an, aber er zeigt Wege und Möglichkeiten, und genau wie seine Protagonisten Mary und Frank müssen wir uns schon selbst entscheiden, welchen Weg wir gehen, welche Möglichkeit wir ergreifen wollen.

Barack Obama hat jedenfalls Recht mit seinem auf dem Cover zitierten Ausspruch: „EINES DER WICHTIGSTEN BÜCHER DES JAHRES!“

Horst Illmer

Kim Stanley Robinson
DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
(THE MINISTRY FOR THE FUTURE / 2020)
München, Heyne, 2021, 717 S.
ISBN 978-3-453-32170-0 / 17,00 Euro

Auf dieses Buch hat die Welt gewartet. Und wenn nicht die Welt, so jedenfalls meine Wenigkeit, denn ich bin es leid, immer und immer wieder zu lesen (und zu hören), was alles nicht geht. Aber auf den guten alten Kim Stanley Robinson kann man sich halt verlassen!

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Frühling, Sommer, Herbst und Tod

von am 29. November 2021 Kommentare deaktiviert für Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Stephen King
FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD
Harro Christensen (Übersetzer)
Heyne Verlag
Taschenbuch: 720 Seiten
ISBN: ‎ 978-3453436886

Durch glückliche Fügung stiess ich vor vielen Monaten auf Kings Buch FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD, dies ging in etwa folgendermaßen von statten:

Nach Stephen Kings "ES" wollte ich (im "Kingfieber") wieder mit dem Meister des Horror weiterlesen; ich stöberte also herum und da sprang mir recht schicksalhaft Kings Kurzromanband ins Auge, ich griff – ohne Vorkenntnis – ganz spontan zu.

"Offen für Alles" begann ich also im Buch zu lesen und bereits in der ersten Geschichte PINUP kam mir der Gedanke: "Warte Mal. Die Story kenne ich doch?!".

So ging es mir dann auch mit dem Kurzroman DIE LEICHE: "Aber Hallo! Auch diese Geschichte ist mir nicht fremd?!", dachte ich.

Dazu müsst Ihr wissen, dass ich ein Kind der 80er-Jahre sowie ein Teenager der 90er-Jahre bin und eben in diesen beiden Dekaden gab es zwei Kinofilme, die mich damals schwer beeindruckt hatten: 1986 kam der Jugendfilm "Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers" in die Kinos und im Jahr 1994 sah man den Knastmovie "Die Verurteilten" auf der Leinwand.

Heutzutage sind diese beiden Spielfilme freilich nicht mehr in aller Munde, bspw. viele meiner jüngeren Bekannten, solche aus den Jahrgängen 90 und später, kennen die zwei Meisterwerke überhaupt nicht, was für Jene sehr schade ist, finde ich.

Ich jedenfalls (wie gesagt Jahrgang 77) kannte die beiden Verfilmungen sehr wohl noch. Nur wußte ich bis dato aber nicht (ich hatte damals hierauf schlichtweg nicht geachtet), dass diese beiden Movies in der Tat zwei Kurzromane von "Stephen King" verfilmten. Ich hätte wetten können, dass diese beiden Filme aus der Feder von allen möglichen Autoren stammen könnten, niemals – also never ever (!) – hätte ich gedacht, dass Stephen King die Stories zu den vorgenannten zwei Kinofilmen geschrieben und 1982 als Kurzromane veröffentlicht hatte.

Wie man sich täuschen kann und wie eine Täuschung nicht immer eine Enttäuschung sein muss, sondern das genaue Gegenteil sein kann, beweist Kings Buch FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD.

Zwar lässt nur eine der vier Geschichte, und zwar ATEMTECHNIK, Übersinnliches walten und sich der Fantastik zuordnen. Bemerkenswert ist jedoch, dass gerade die beiden für mich herausragendsten Geschichten dieser Novellensammlung eben jene sind, die keinerlei Bezug zur Fantastik haben, sondern "bloss" im realen und natürlichen Leben spielen, … ich meine jene schon vorgenannten Titel PIN-UP und DIE LEICHE.

Die Inhalte der vier Kurzromane im Buch FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD möchte ich nur ganz kurz streifen, weil hier schon "Ein wenig Verratenes" zu viel verraten wäre:

1. Geschichte – "Pin-up":

Der aus Castle Rock stammende Ich-Erzähler Red sitzt für den Mord an seiner Frau seit mittlerweile 40 Jahren im Gefängnis Shawshank ein. Seine Erzählung handelt jedoch von der Geschichte rund um seinen harmlosen Knastkumpel Andy Dufresne. Andy wurde bei einem sechswöchigen Prozess 1947/1948 vorschnell zu lebenslanger Haft verurteilt. In den Anfangsjahren im Knast wird Andy durch seine Mitgefangenen gedemütigt, doch er arbeitet sich in der harten Gefängnishierarchie Schritt für Schritt immer weiter nach oben, der Leser fragt sich bald: Verfolgt er dabei einen Plan?

2. Geschichte – "Der Musterschüler":

Der 13-jährige Todd Bowden lebt zur Neuzeit in Florida. Er ist von der Geschichte und Zeit des deutschen Nationalsozialismus stark fasziniert und findet heraus, dass in seiner Gegend ein gesuchter Nazi-Kriegsverbrecher unter dem falschen Namen Arthur Denker lebt. Er nimmt Kontakt zu dem alten Mann auf und beide verbindet bald eine zerstörerische und sadistische Freundschaft.

3. Geschichte – "Die Leiche":

Der Schriftsteller Gordon Lachance erzählt aus der Ich-Perspektive rückblickend von seinem besten Sommer, dem Sommer des Jahres 1960, als er 13 Jahre alt war: Die vier gleichaltrigen besten Freunde Gordon, Chris, Teddy und Vern aus Castle Rock hören von der Leiche eines Jungen, die in der Gegend an den Bahngleisen liegen soll. Sie wagen sich auf eine Suche tief in die Wälder Maines, wo sie Abenteuer überwinden, junge Freundschaft leben, erlebten Schmerz teilen, und wo sie mehr über Mut, Liebe und eigene Sterblichkeit erfahren, als sie je geahnt hatten.

4. Geschichte – "Atemtechnik":

Mitglieder eines Herrenclubs in Manhattan treffen sich, um ungewöhnliche und übersinnliche Geschichten und Ereignisse zum Besten zu geben: Hier wird die Geschichte der schwangeren Sandra erzählt, die unter recht phantastischen Umständen ihr Kind entbinden wird.

FAZIT:

Alle vier Kurzromane lesen sich ausgesprochen schön und zeigen vortrefflich, welch ein Meister King ist, gerade wenn es um den Transport von menschlichen und zwischenmenschlichen Achterbahnfahrten und Abgründen geht.

Zur Geschichte DER MUSTERSCHÜLER sei eine kleine Warnung erlaubt: Die Story ist stellenweise ganz schön heftig, insbesondere für all jene, die ein zartes Gemüt haben oder in denen noch tief die (später ab der Nachkriegszeit oft implementierte) Scham der Deutschen steckt. (PS: Die Verfilmung zu "Der Musterschüler" – Regie Bryan Singer – kenne ich selbst noch nicht).

Besonders beeindruckt haben mich aber die zwei Ich-Erzählungen PIN-UP und DIE LEICHE, beide Geschichten haben es mir bis heute schwer angetan, beide möchte ich als grandios bezeichnen! Wie manche von Euch vielleicht wissen, ich bin ein Fan von "guten Ich-Erzählungen", und genau um solche geht es hier.

Bei PIN-UP mag auch der Umstand, dass gute "Gefängniserzählungen" mich fast immer packen, ein Rolle spielen, aber neben der klasse Story haben mich hier vor allem der Spannungsaufbau und die Wendung begeistert.

Bei Kings DIE LEICHE möchte ich offen und ehrlich zugeben, dass die Geschichte mich mit Haut und Haar in meine eigene Zeit als junger Teenager versetzte, die Handlung hat mich echt tief berührt. King bringt hier die Freundschaft zwischen den Jungs so gut rüber, eine Freundschaft, die man in dieser Art später nie mehr haben wird und deren Qualität man im Laufe der fortschreitenden Jahre und des Erwachsendaseins leider immer mehr vergisst. Ja, ja, ja – hier schwingt ein gutes Stück Sehnsucht bei mir mit, bitte seht mir das nach (auch ich würde so gerne wieder einmal einen solchen jugendlichen Sommer erleben, mit kindlichem Leichtsinn, Witzeln, Frotzeln und Blödsinn sowie mit allem anderen Großartigen; sei es am Fahrer-Baggersee oder am Bolsenasee, oder wo auch immer). Natürlich ist diese ganz besondere Zeit heute vorbei, denn dieses Erleben war, um es mit Eschbachs Worten zu sagen, "einem nur in jungen Jahren gegeben, wenn man den Schmerz des Scheiterns noch nicht kannte" (Eschbach, Eines Menschen Flügel, Kap.: "Schlechte Gene").

FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD ist also absolut lesenswert!

Wie gesagt: Die Novelle PIN-UP wurde hervorragend unter dem Titel "Die Verurteilten" von Frank Darabont verfilmt und mehrfach für den Oscar nominiert. Die Novelle DIE LEICHE wurde beeindruckend und mit toller Besetzung unter dem Filmtitel "Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers" verfilmt. Die beiden Filme sind ausgesprochen gut und fangen vortrefflich die Seele ihrer Buchvorlagen ein. Wer die Filme also noch nicht kennt: Am besten erst die beiden Novellen lesen, dann die Filme ansehen.

Ihr werdet Buch und Film nicht bereuen!

MITCH

Stephen King
FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD
Harro Christensen (Übersetzer)
Heyne Verlag
Taschenbuch: 720 Seiten
ISBN: ‎ 978-3453436886

Durch glückliche Fügung stiess ich vor vielen Monaten auf Kings Buch FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD, dies ging in etwa folgendermaßen von statten:

Nach Stephen Kings "ES" wollte ich (im "Kingfieber") wieder mit dem Meister des Horror weiterlesen; ich stöberte also herum und da sprang mir recht schicksalhaft Kings Kurzromanband ins Auge,

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Ausgebrannt

von am 24. November 2021 Kommentare deaktiviert für Ausgebrannt

Andreas Eschbach
AUSGEBRANNT
Taschenbuch: ‎ 752 Seiten
ISBN: ‎ 978-3404159239

Eschbachs AUSGEBRANNT ist ein Roman, den ich mir, als ich ihn erstmals in Händen hielt, ganz anders vorstellte, als er sich dann später beim Lesen offenbarte.

Auf Gerds Erstrezension hin entfachte sich meine Neugier auf dieses Buch samt Thema und ich malte mir zunächst einen rasanten Endzeitthriller (bereits das Cover verspricht: "Thriller") aus, in welchem die Menschheit mit der üblen Katastrophe, dem "ausgebrannten Erdöl" leben muss. Diesen Plot preist ja bereits der Klappentext an …

Doch es kam ganz anders:

Das Buch beginnt nämlich "brav", ganz ohne Katastrophe. Will sagen, der weit größere Teil des Buches handelt von dem Weg der Helden und der gesamten Menschheit hin zum Unheil, zur "Endzeit", die dann zwar später zwischen Mitte und Ende des Buches auch eintritt, aber irgendwie gleichwohl mit leisen Sohlen und dennoch beklemmend spürbar.

Für mich persönlich ist das Thema "überraschender Untergang unserer bekannten Strukturen", sei es beispielsweise durch das Versiegen von Erdöl oder andere Verderben, gegenwärtig so aktuell und wichtig, dass aus meiner Sicht eine weitere (zweite) Rezension des Buches auf comicealer.de erlaubt und angezeigt sein dürfte … wir alle wissen ja, wie sich seit Anfang 2020 unsere Welt "von heute auf morgen" verändert (hat).

Der Hauptheld von Eschbachs AUSGEBRANNT ist Markus Westermann, ein deutscher Vertriebler, der seit seiner Kindheit von den USA träumt und dort Big Business machen will. Er kommt von Deutschland in die USA und beginnt als Freelancer in einem amerikanischen Großunternehmen, um dort eine Software für den deutschen Markt zu optimieren. Markus nennt sich fortan "Marc Westman", sein deutscher Name ist ihm zu profan und er wähnt sich schon auf der Erfolgsleiter nach oben, als die Firmenführung entschließt, auch seiner Karriere ein jähes Ende zu bereiten. Frustriert verlässt er die Firma und lernt Karl Block kennen, einen Erfinder und Ölsucher aus Österreich, der mit der geheimen "Block-Methode" die Macht über das Erdöl verspricht. Und so beginnt für Markus sein neues Leben rund um das Thema Erdöl, welches sich als Pfeiler unserer Gesellschaft entpuppt, und welches das Wohl und Wehe unserer Welt bestimmen kann.

AUSGEBRANNT landet zwar nicht deshalb auf meiner Lieblingsbücherliste, weil es als packender Thriller daher kommt (in Wirklichkeit hat es stellenweise durchaus seine Längen und so manch den Erzählstrang "bremsende" Verästelung; echte Hochspannung kommt doch eher selten auf, das Buch ist aus meiner Sicht nämlich gar kein Thriller, eher ein Roadmovie). Der Roman ist jedoch deshalb auf meiner Empfehlungsliste und recht bemerkenswert, weil er das Thema Erdöl so genial und tief aus verschiedenen Perspektiven ausbreitet, da finden sich gut erzählte Zeitsprünge in die Geschichte, gut recherchierte Ortswechsel (auch nach Saudi Arabien) und damit verbundene Schilderungen der dortigen Gepflogenheiten und politischen Hintergründe, schön erzählte Handlungsstränge scheinbar fremder Protagonisten, die sich am Ende klasse zusammenfügen; all dies macht das Buch zu einem echten Schmankerl.

Hinzu kommt natürlich das "brennende" Thema an sich: Ich war (und bin) stellenweise wirklich schockiert, wie sehr sich die Geschichte unserer Welt in Wirklichkeit um das Thema Erdöl dreht (was ich vorher nicht wusste) und was für Verstrickungen (meist von den USA aus) von den Machthabern "ölbasiert" geflochten wurden und werden.

Freilich kommt für den Leser später im Buch auch "die Tragödie" zum Vorschein, das Erdöl wird knapp! Welche Folgen hat dies für uns Menschen? Und wie gehen Markus und die übrigen Protagonisten damit um?

Alles in allem ist AUSGEBRANNT ein wirklich solider und guter Roman, der (erst) dann so richtig glänzt, wenn der Leser sich für das Thema an sich interessiert. Ich bin sehr froh darüber, Dank Gerds Rezension, über das Werk gestolpert zu sein und es mir gegönnt zu haben.

Auch das Ende der Geschichte fand ich – auch wenn es hierüber durchaus kritische Stimmen gibt – sehr gelungen. Denn ich konnte trotz des schweren Themas mit einem Schmunzeln und einem guten Gefühl das Buch nach der letzten Seite schliessen. Eschbach hat durch sein Buch Eines erreicht: Seither sehe ich unsere Welt ein wenig anders.

Was will man mehr?

MITCH

Andreas Eschbach
AUSGEBRANNT
Taschenbuch: ‎ 752 Seiten
ISBN: ‎ 978-3404159239

Eschbachs AUSGEBRANNT ist ein Roman, den ich mir, als ich ihn erstmals in Händen hielt, ganz anders vorstellte, als er sich dann später beim Lesen offenbarte.

Auf Gerds Erstrezension hin entfachte sich meine Neugier auf dieses Buch samt Thema und ich malte mir zunächst einen rasanten Endzeitthriller (bereits das Cover verspricht: "Thriller") aus, in welchem die Menschheit mit der üblen Katastrophe,

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Die Wespenfabrik

von am 22. November 2021 Kommentare deaktiviert für Die Wespenfabrik

Iain Banks
DIE WESPENFABRIK
übersetzt von Thomas Ballhausen
Gebundene Ausgabe Milena Verlag
242 Seiten
ISBN: ‎ 978-3852862057

Im Laden. Irgendwann in den 90ern: "Die Wespenfabrik, ist einer der härtesten Romane, die ich je gelesen habe", sagte Hermke auf meine jugendlich leichtsinnige Frage nach dem "heftigsten Buch", welches er je gelesen habe. Hermke sprach mir zugleich eine Warnung aus, und riet mir eigentlich von dem Roman ab. Sein gut gemeinter weiser Rat machte mich in meiner einstigen "Sturm-Und-Drang-Zeit" natürlich noch neugieriger auf das Buch.

Also las ich DIE WESPENFABRIK. Und ich war schockiert.

Insgesamt habe ich das Buch zweimal gelesen, einmal – wie gesagt –  als Jugendlicher und einmal – Jahrzehnte später – als Erwachsener; beide Male war ich gefesselt und entsetzt zugleich.

Banks wirft den Leser in den siebzehnjährigen Frank Cauldhame, der (genial aus der Ichperspektive geschrieben) seine Kindheit und sein Leben auf einer Insel beschreibt.

DIE WESPENFABRIK ist dabei so gut erzählt, dass ich mich beim Lesen voll auf Frank einlassen und quasi in ihn hinein tauchen kann, was sich für mich (als Leser) später als um so schlimmer und schmerzhafter herausstellt, denn Frank ist ein Sadist und Psychopath (wie er "im Buche steht"), der mit schaurigen Tierritualen und einer gebastelten Waffensammlung auf "seiner Insel" herrscht. Seine Untertanen sind vor allem Insekten und andere Tiere. Fassungslos erfahre ich nach und nach mehr über Franks Kindheit, über seine bisherigen Gräuel- und Schandtaten und über seine gestörten Gedankengänge, die mir den Atem rauben. Frank ist zwar Herr seiner Insel, hat aber so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt, er ist ein zutiefst zerrissener Charakter, manchmal habe ich für ihn sogar ein wenig Verständnis übrig, was mich wiederum (an mir selbst) erschreckt.

Im Laufe des Buches haut Banks mir brutale Schicksalsschläge und unvorhersehbare Wendungen um die Ohren, in einer Intensität, die mich emotional an die Wand fahren lassen.

Ich habe bislang von Banks nur ein paar (wenige) Werke gelesen (es werden sicher nicht die letzten gewesen sein), er ist und bleibt ein begnadeter Schriftsteller. Ob man das Buch nun dem magischen Realismus, dem realistischen Zeitroman, dem Psychodrama oder der Phantastik zuordnen will, ist freilich rein akademischer Natur und bleibt jedem Leser natürlich selbst überlassen.

DIE WESPENFABRIK ist grandios und gehört zu jenen Büchern, die man NIE mehr vergißt … Versprochen!

MITCH

PS: Bereits im Jahr 1980 schrieb Banks in London das Buch (zugleich sein erster Roman – Originaltitel The Wasp Factory), der 1984 veröffentlicht wurde und mit dem er auf einen Schlag weltberühmt wurde. Die deutsche Übersetzung erschien 1991 bei Heyne in der Reihe "Science Fiction & Fantasy" (Band 4783). Nach seiner Übersetzung ins Deutsche wurde das Buch 1992 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als bester internationaler Science-Fiction-Roman des Vorjahres ausgezeichnet. Am 9. Juni 2013 starb Iain Banks viel zu früh im Alter von 59 Jahren. Sehr lesenswert sind der Nachruf von Gerd und der Nachruf von Dietmar Dath.

Iain Banks
DIE WESPENFABRIK
übersetzt von Thomas Ballhausen
Gebundene Ausgabe Milena Verlag
242 Seiten
ISBN: ‎ 978-3852862057

Im Laden. Irgendwann in den 90ern: "Die Wespenfabrik, ist einer der härtesten Romane, die ich je gelesen habe", sagte Hermke auf meine jugendlich leichtsinnige Frage nach dem "heftigsten Buch", welches er je gelesen habe. Hermke sprach mir zugleich eine Warnung aus, und riet mir eigentlich von dem Roman ab. Sein gut gemeinter weiser Rat machte mich in meiner einstigen "Sturm-Und-Drang-Zeit"

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Diagnose F: Science-Fiction trifft Psyche

von am 17. November 2021 1 Kommentar

Michael Tinnefeld & Uli Bendick (Hrsg.)
DIAGNOSE F. SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE.
Winnert, p.machinery, 2021, 350 Seiten
ISBN 978-3-95765-230-0 / 27,90 Euro (kartonierte Ausgabe)
ISBN 978-3-95765-231-7 / 44,90 Euro (Hardcover)

Alle paar Jahre nur hält man so ein Buch in der Hand, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, und doch kann man darin blättern, lesen und (in dem vorliegenden Fall ganz besonders wichtig) schauen. In diesem Fall also die Anthologie DIAGNOSE F – SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE, herausgegeben von Michael Tinnefeld und Uli Bendick.
Und „das Besondere“ gibt es hier gar nicht, so viele „Besonderheiten“ sind vorzustellen:
Zuerst fällt das äußere Erscheinungsbild auf. „Quadratisch, praktisch, gut“ (sorry, der K(a)lauer musste sein) kommt einem in den Sinn, wenn man die 350 Seiten im Format 22 mal 22 Zentimeter das erste Mal „hochliftet“. Dann entdeckt man, beim ersten durch-die-Finger-laufen-lassen, die Bilderfülle, ja fast schon -flut! Gemeinsam mit Mario Franke hat Uli Bendick zu jeder Geschichte eine Illustration produziert – und weil’s so viel Spaß gemacht hat, gleich noch ein umlaufendes Cover und einige Bonus-Bilder als Anhang mitgeliefert.
Natürlich „flasht“ auch das Thema, das der Untertitel „Science-Fiction trifft Psyche“ nur andeutet. Tatsächlich behandeln alle 35 in DIAGNOSE F enthaltenen Science-Fiction-Geschichten psychische Störungen – und der Psychologe und Psychotherapeut Tinnefeld erklärt im jeweiligen „Diagnostischen Kommentar“ um welche Störung es dabei geht und welche „F-Diagnose“ nach ICD gestellt werden kann.
Es gehörte also durchaus Mumm dazu, der Ausschreibung für eine solche Themen-Anthologie zu folgen und einen Text einzureichen! Umso schöner, dass die Herausgeber sogar auswählen konnten (bzw. mussten). Die durchweg lesenswerten Beiträge stammen von 32 mehr oder weniger bekannten Autorinnen und Autoren wie Markus K. Korb, Rainer Schorm, Friedhelm Schneidewind, Aiki Mira und Hans Jürgen Kugler, sowie von der mit gleich drei Stories vertretenen Monika Niehaus.
Dass auch der Verlag hinter diesem Projekt steht zeigt sich u. a. daran, dass es von diesem Buch gleichzeitig zwei Ausgaben gibt: Eine fadengeheftete Hardcover-Edition mit Lesebändchen und eine minimal kleinere Softcover-Variante zum deutlich günstigeren Preis.
Auch wenn ich jetzt nicht genau weiß, welche F-Diagnosen-Nummer für das Sammeln außergewöhnlicher Bücher zuständig ist: Anthologien wie DIAGNOSE F dürfte es ruhig öfter geben.

Horst Illmer

Michael Tinnefeld & Uli Bendick (Hrsg.)
DIAGNOSE F. SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE.
Winnert, p.machinery, 2021, 350 Seiten
ISBN 978-3-95765-230-0 / 27,90 Euro (kartonierte Ausgabe)
ISBN 978-3-95765-231-7 / 44,90 Euro (Hardcover)

Alle paar Jahre nur hält man so ein Buch in der Hand, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, und doch kann man darin blättern, lesen und (in dem vorliegenden Fall ganz besonders wichtig) schauen. In diesem Fall also die Anthologie DIAGNOSE F – SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE,

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Der Gerechte

von am 15. November 2021 Kommentare deaktiviert für Der Gerechte

John Grisham
DER GERECHTE
Taschenbuch: 416 Seiten
ISBN: 978-3453421820

DREI SÄTZE ZU GRISHAMS "DER GERECHTE"

Erster Satz: Wenn Batman ein Anwalt wäre, dann hieße er "Sebastian Rudd".
Zweiter Satz: Ich liebe Batman und ich liebe Sebastian Rudd.
Dritter Satz: DER GERECHTE ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, eines der besten Romane von John Grisham.

ZUM INHALT VON "DER GERECHTE"

Sebastain Rudd ist wohl der härteste Anwalt, den Grisham je zu Papier brachte, ein dunkler Held, dessen Geschichte sich im Genre Justizthriller (mit einer Brise Phantastik) abspielt. Schon die ersten Zeilen aus dem Munde des Helden sprechen Bände:

"Mein Name ist Sebastian Rudd, und ich bin Strafverteidiger. (…) Mein Name steht in keinem Telefonbuch. So etwas wie eine herkömmliche Kanzlei habe ich nicht. Ich trage legal eine Waffe, weil mein Name und mein Gesicht die Sorte von Menschen anziehen, die selbst Waffen tragen und kein Problem damit haben, sie zu benutzen. Ich lebe allein und schlafe für gewöhnlich auch allein. Für Freundschaften fehlen mir Geduld und Verständnis. Die Justiz ist mein Leben, was rund um die Uhr vollen Einsatz verlangt und hin und wieder von Erfolg gekrönt ist. Jemand hat einmal den Satz geprägt, die Justiz sei wie eine eifersüchtige Geliebte. Für mich ist sie mehr wie eine herrische Ehefrau, die das Budget kontrolliert. Es gibt kein Entrinnen."

Rudds Kanzlei wurde vor fünf Jahren durch einen Sprengstoffanschlag zerstört. Inzwischen bevorzugt der "dunkle Ritter" ein mobiles Büro, das er sich in einen gepanzerten schwarzen Ford-Transporter mit abgedunkelten Scheiben einbauen ließ. Gefahren wird der Wagen von "Partner", der nicht nur sein Chauffeur, sondern auch sein Bodyguard ist (schon all dies erinnert mit etwas Phantasie an Batman, Robin und das legendäre Batmobil).

In seiner Freizeit entspannt sich Sebastian Rudd bei Mixed Martial Arts, er trifft sich Abends ab und an mit seiner Exfrau, die auch Anwältin ist, auf einen Drink, gleichzeitig streitet er sich tagsüber mit ihr regelmäßig vor Gericht.

Rudd kämpft in DER GERECHTE bis aufs Blut für seine Mandanten und für "Fairness" im Justizsystem:

Da ist zum Beispiel Gardy Baker, ein 18-jähriger Schulversager mit einem IQ von 70, dem vorgeworfen wird, zwei elfjährige Zwillingsschwestern umgebracht zu haben, oder da ist der Fall von Douglas Renfro, der in seinem Haus in Notwehr einen SWAT-Polizisten anschießt.

Wie ein "Super-"Held legt sich Rudd gnadenlos mit Richtern, Staatsanwälten und dem System an und nutzt dabei auch unorthodoxe und nicht standesgemäße Methoden, um für seine Mandanten etwas mehr Recht zu kommen.

Der Anwalt teilt viel aus und muss auch viel einstecken, Seite für Seite kämpft er (zusammen mit dem Leser) für Gerechtigkeit.

Wird Sebastian Rudd für seine Mandanten schlußendlich das "Böse" (das korrupte System) bezwingen können?

MEIN ERLEBEN MT "DER GERECHTE"

Ich bin ja ausgewiesener Fan von "Ich-Erzählungen". Grishams DER GERECHTE zauberte mir schon auf den ersten Seiten echte Freudentränen ins Gesicht, denn der Held erzählt die Geschehnisse mit einer so herrlich abgebrühten Coolness und Süffisanz, zudem sind die Wortgefechte mit den "Bösewichten" ein wahrer Sprühregen sprachlicher und argumentativer Sternschnuppen.

So galoppiert der Leser zusammen mit "Batman" (alias Sebastain Rudd: ich erlaube mir diesen Vergleich, auch wenn hier kein Comic-Held agiert) durch das Justizsystem der USA und erlebt dabei aufregende anwaltliche Scharmützel und Duelle. Grisham überzeichnet dabei zwar freilich die Härte, die Kräfte und den Idealismus seines anwaltlichen Helden (insoweit befindet sich Phantastik im Roman), gleichzeitig jedoch spiegelt das Buch zutreffend die unschöne Realität des maroden Justizsystems in den USA wieder (insoweit Justizroman und Thriller).

Zu sehen ist dabei, dass der Plot durchaus so auch in Deutschland hätte spielen können, weil – und das weiß ich aus eigener leidvoller jahrelanger Erfahrung als Patientenanwalt –  das mittlerweile stark vernachlässigte Justizsystem in Deutschland nicht mehr sehr weit entfernt ist von demjenigen der USA; nicht selten spielen auch hierzulande persönliche (oder politische?) Neigungen der Gerichte und/oder fehlende Geldmittel der deutschen Justiz schlichtweg zu gewichtige Rollen, zu oft reibt sich ein Anwalt bis auf die Knochen daran auf.

Sebastain Rudd bietet dem System die Stirn, und zwar auf eine Art und Weise, die den Leser fesselt und richtig mitfiebern lässt.

Wie oft unterwerfen wir uns selbst unserem eigenen "Obrigkeitsdenken"?, da ist es doch sehr erfrischend, wenn da Einer ist, der ein solches restlos über Bord geworfen hat!

Grisham erzählt mit DER GERECHTE extrem eindrücklich eine rasante Geschichte im unfairen Justizmilieu, die den Leser in eine fast düstere Welt (man denke an "Gotham City") eintauchen lässt, welche den Leser stellenweise schockiert, ihn dann zum Weinen, aber auch zum Lachen bringt.

Für mich persönlich einer der kurzweiligsten und besten Romane von Grisham "ever!".

MITCH

PS: Ich gehe hier voll mit MISTER ENDRES, wenn er im Interview mit Gerd (ca. Minute 17.25ff.) offenbart: "Deshalb mag ich es auch hier im BLOG so, Phantastik- und Comicfans mal mit Hardboiled-Krimis oder französischem Country Noir zu bewerfen, für diesen vielzitierten Blick über den Tellerrand, der mir als Leser auch immer wichtig ist!"

John Grisham
DER GERECHTE
Taschenbuch: 416 Seiten
ISBN: 978-3453421820

DREI SÄTZE ZU GRISHAMS "DER GERECHTE"

Erster Satz: Wenn Batman ein Anwalt wäre, dann hieße er "Sebastian Rudd".
Zweiter Satz: Ich liebe Batman und ich liebe Sebastian Rudd.
Dritter Satz: DER GERECHTE ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, eines der besten Romane von John Grisham.

ZUM INHALT VON "DER GERECHTE"

Sebastain Rudd ist wohl der härteste Anwalt, den Grisham je zu Papier brachte,

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Die Musik der Stille

von am 10. November 2021 Kommentare deaktiviert für Die Musik der Stille

Patrick Rothfuss
DIE MUSIK DER STILLE
Klett-Cotta
Gebundene Ausgabe: ‎ 173 Seiten
ISBN: ‎ 978-3608960204

"Die schlimmste Form von Egoismus war, sich der Welt aufzudrängen."
(Rothfuss in "Die Musik der Stille")

DIE MUSIK DER STILLE ist ein ganz und gar unaufdringlicher Roman, dessen Titel schon auf den Kern der Geschichte deutet. Denn in der Stille, wenn der Geist im Hier und Jetzt aufmerksam ruht, hören wir in den Dingen vielleicht eine Musik, die uns im Getöse des Alltags meist verborgen bleibt.

Der Roman ist einfach und pur, auf eine Weise, die ich bis dato nur selten in Romanerzählungen erlebt habe.

Die Erzählung in DIE MUSIK DER STILLE, die eigentlich keine klassische Handlung aufweist, schildert einige Tage aus dem Leben der jungen Frau Auri. Auri lebt ganz allein im weitläufigen Keller und Untergeschoss eines großen Universitätskomplexes: Das »Unterding« ist Auris Zuhause. Dort ist ihr Reich, welches in zahlreiche Zimmer aufgeteilt ist, ein Netz verlassener Räume und alter Gänge. Fast jeder Raum hat einen eigenen Namen ("Mantel", "Büse", "Port" …) und einen eigenen Zweck. Auri hat zwar zur menschlichen Außenwelt und zu anderen Lebewesen nahezu keinen Kontakt. Jedoch hat sie – und das ist bemerkenswert – zu jedem Ding, Gegenstand und Etwas ein unglaublich intensives Verhältnis, d.h. eine echte tiefe emotionale Beziehung, sei es zu einer Seife, einem Zahnrad oder einem Bettlaken. Jeder (für uns Lesern eigentlich tote) Gegenstand "lebt" in Auris Welt, hat einen eigenen Namen, einen eigenen Platz. Auri ist in der Lage, Befindlichkeit in jedem Etwas und in jedem Raum zu spüren, jeweils dessen lebendige Subjektivität wahrzunehmen. Auri ist feinfühlig, authentisch und auf ihre eigene Weise weise.

Etwa einmal die Woche bekommt Auri Besuch von einem "Er", darauf freut sie sich besonders, sie sucht nach Geschenken "für Ihn" (*). DIE MUSIK DER STILLE zeigt in zeitlicher Hinsicht einen solchen typischen Wochenzyklus in Auris Leben.

Dem Autor ist beizupflichten, wenn er in seinem Vor- und Nachwort seine Geschichte als „seltsam“ bezeichnet. Nicht folgen kann ich dem Autor jedoch, wenn er seine Auri als etwas verrückt und nicht ganz richtig bezeichnet; denn wer sagt uns denn, dass nicht Auri die eigentlich Normale ist?! Vielleicht haben nur "wir anderen" verlernt, solch echten Kontakt zu den Dingen des Lebens, sei es auch nur zu einem „nutzlosen“ Alltagsgegenstand, herzustellen? Vielleicht sind gar wir es, die mit dem Fortschreiten der Technik und Moderne dafür zu abgestumpft sind; vielleicht sind wir es, die verrückt sind, womöglich, weil wir glauben, dass ausschließlich wir (Menschen) beseelt sein können?

Die Geschichte in DIE MUSIK DER STILLE enthält keinerlei Dialoge. Es gibt darin auch nur eine einzige handelnde Person: Auri. In der Erzählung finden sich immer wieder (wohl gewollte) stilistische Wiederholungen ("Auri…", "Dann …", oder "Sie wußte es …"). Die Sprache ist bildhaft, märchenhaft und schlicht, zugleich schön.

Ich habe in der Tat länger überlegt, ob ich den recht ungewöhnlichen Roman überhaupt auf meine Lieblingsliste nehmen will, denn auch ich bin ab und an beim Lesen abgeschweift und konnte nicht immer ganz bei der Purheit und Einfachheit der Erzählung verweilen. Dieses Unvermögen ist aber nicht dem Buch, sondern meiner eigenen noch unzureichenden Aufmerksamkeit für solch immens ruhige Töne zuzuschreiben. Im Nachhinein ist es aber goldrichtig, dass dieses merkwürdige Büchlein einen Platz auf meiner Lieblingsliste bekommt.

Für meinen alltäglichen "Affengeist" passiert im Roman eigentlich so gut wie gar nichts, denn von außen betrachtet lebt Auri dort ein einsames und einfaches Leben, nichts Weltbewegendes passiert in DIE MUSIK DER STILLE. Mit das Aufregendste im ganzen Roman ist der Umstand, dass der Vorrat an Seife von einem Tier verschleppt und aufgefressen wird.

Für den typischen modernen Alltagsgeist ist die Geschichte daher womöglich zutiefst langweilig?! Für ihn wäre das simple Leben von Auri wohl unerträglich klein und öde, er würde in diesem Gefängnis vermutlich durchdrehen.

Nicht so aber für einen Lesergeist, der offen dafür ist, in die Tiefe zu gehen, der bereit ist, DIE MUSIK DER STILLE wie Kontemplation oder Poesie zu erleben. Für einen solchen Leser kann das Buch eine Reise nach unten, zum Mittelpunkt seiner Welt, werden; dort heißt es, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Auri lebt hinter dicken Mauern bescheiden und doch frei, weil Freiheit bedeutet für Auri nicht, zu tun was sie will, sondern zu wollen was sie tut.

Ein Leser, der zwischen den Zeilen die Lyrik von Auris Leben sehen kann, wird belohnt, denn so still der Roman auch ist, so wunderschöne Musik entfaltet er vor dem Leser; derjenige vermag dann auch die Bedeutung des Buchtitels zu durchdringen: DIE MUSIK DER STILLE. Mehr muss nicht gesagt werden.

MITCH

(*) PS: Der Leser, der "Der Name des Windes" (Rothfuss) kennt, weiß, um welchen "für Ihn" es sich hier handelt, dieses Vorwissen ist für den Roman aber völlig unwesentlich und wird daher auch von mir hier nicht weiter erwähnt.

Patrick Rothfuss
DIE MUSIK DER STILLE
Klett-Cotta
Gebundene Ausgabe: ‎ 173 Seiten
ISBN: ‎ 978-3608960204

"Die schlimmste Form von Egoismus war, sich der Welt aufzudrängen."
(Rothfuss in "Die Musik der Stille")

DIE MUSIK DER STILLE ist ein ganz und gar unaufdringlicher Roman, dessen Titel schon auf den Kern der Geschichte deutet. Denn in der Stille, wenn der Geist im Hier und Jetzt aufmerksam ruht, hören wir in den Dingen vielleicht eine Musik,

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Die Geschichte der Science Fiction

von am 8. November 2021 7 Kommentare

Xavier Dollo (Text) & Djibril Morissette-Phan (Zeichnungen & Farbe)
DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION.
Übersetzt von Harald Sachse
(HISTOIRE DE LA SCIENCE-FICTION / 2020)
Bielefeld, Splitter, 2021, 216 Seiten
ISBN 978-3-96219-103-0 / 29,80 Euro
Hardcover

Nicht „eine“, sondern DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION will uns der französische Buchliebhaber und Autor Xavier Dollo erzählen – illustriert durch die Zeichnungen des Franko-Kanadiers Djibril Morissette-Phan. Denn DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION, die im Herbst 2021 von Harald Sachse übersetzt bei Splitter auf Deutsch erschien, ist ein Sach-Comic!

Wie der französische Bestsellerautor Pierre Bordage in seinem Vorwort schreibt, erfordert es „eine gehörige Portion Mut oder Leichtsinn“, solch eine Literaturgeschichte anzugehen. Beides scheinen Dollo und Morissette-Phan im Überfluss zu besitzen.

Sobald man die ersten Seiten hinter sich gelassen hat, verschwindet jeder Zweifel daran, ob ein 200-Seiten-Comic dieser Aufgabe gewachsen sein könne. Natürlich lassen sich Autorinnen, Werke, Filme oder Comics finden, die hier fehlen (Wo wäre das nicht der Fall?), aber weder was die historische Entwicklung unseres Lieblings-Genres, noch die wichtigsten Kunstwerke und ihre Erschaffer angeht, sind allzu auffällig Lücken erkennbar.

Dafür aber gibt es hier (wie nicht anders zu erwarten, wenn die Franzosen das Heft in die Hand nehmen) viele Ansicht, Eindrücke und Hinweise zu entdecken, die in den meisten angloamerikanischen Sekundärwerken zur Science Fiction marginalisiert werden oder ganz fehlen. Sicherlich ist es für uns erst einmal erstaunlich, wieviele französische Werke angeführt werden – andererseits wünsche ich mir oftmals, dass es hierzulande ein stärkeres Bewusstsein dafür gäbe, welch herausragende Geschichten deutschsprachige Erzähler und Erzählerinnen im Bereich der phantastischen Literatur über die Jahrhunderte verfasst haben.

Was die Produktion und das Erscheinungsbild angeht, muss man auch dem Splitter Verlag ein Lob aussprechen, der trotz der ungewöhnlich großen Textmenge das Handlettering beibehalten hat. Und die stabile Fadenheftung sorgt dafür, dass der Band auch bei intensiver Nutzung (Hallo Didaktiker, Aufgemerkt! Dies ist ein Sachbuch, das man im Unterricht durchaus mal verwenden könnte!!) in Form bleibt.

Insoweit: Ein gelungener Versuch!

Horst Illmer

Xavier Dollo (Text) & Djibril Morissette-Phan (Zeichnungen & Farbe)
DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION.
Übersetzt von Harald Sachse
(HISTOIRE DE LA SCIENCE-FICTION / 2020)
Bielefeld, Splitter, 2021, 216 Seiten
ISBN 978-3-96219-103-0 / 29,80 Euro
Hardcover

Nicht „eine“, sondern DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION will uns der französische Buchliebhaber und Autor Xavier Dollo erzählen – illustriert durch die Zeichnungen des Franko-Kanadiers Djibril Morissette-Phan. Denn DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION, die im Herbst 2021 von Harald Sachse übersetzt bei Splitter auf Deutsch erschien,

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Die Mars-Chroniken

von am 3. November 2021 10 Kommentare

Ray Bradbury
DIE MARS-CHRONIKEN
Roman in Erzählungen.
Übersetzt von Margarete Bormann, Peter Naujack, Thomas Schlück
Diogenes Taschenbücher Mai 2008 – 384 Seiten
ISBN: ‎ 978-3257208634

»Das Leben auf der Erde hat zu keinem Zeitpunkt etwas wirklich Gutes bewirkt. Die Wissenschaften eilten uns zu schnell davon, und die Menschen gingen in einem technischen Dschungel verloren wie Kinder, die sich an schönen Dingen freuten (…), sie gewichteten falsch, (…)« (S. 371)

Zu Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Vor einiger Zeit hat mir Gerd einige Stapel von Buchempfehlungen nach Freiburg geliefert und der Roman von Bradbury war darin verborgen. Dann hat mich der Nachruf von Gerd über Herrn Bradbury berührt. Als nächstes hat mir dann auch noch Oliver L. das Buch empfohlen.

Von daher "musste" ich dann freilich unbedingt diesen Klassiker der "Science Fiction" lesen. Ganz bewußt habe ich jedoch den Begriff Science Fiction in Anführungszeichen gesetzt, denn der Autor selbst schreibt in seiner Einführung auf S. 18, dass die Erzählung eher als Mythos oder Sage zu verstehen ist.

Und diesen Fingerdeut sollte man beim Lesen auch nicht aus den Augen verlieren, denn ich selbst hatte (ehrlich gesagt) so meine Anlaufschwierigkeiten mit Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN; vermutlich genau deshalb, weil ich trotz dieses Hinweises des Autors irgendwie "typische" (gibt es diese überhaupt?) Science Fiction erwartet hatte.

Tatsächlich waren sogar die ersten 16 (von insgesamt 28) Geschichten des Romans für mich irgendwie suspekt, irgendwie nicht griffig; obwohl die Geschichten freilich zusammengehören, konnte ich mit den Fragmenten erstmal nicht so viel anfangen, was anfänglich womöglich an dem "komischen" und "fiesen" Verhalten der Marsmenschen – die bei Bradbury überdies recht menschlich in Aussehen und Verhalten daher kommen und agieren – liegen mochte. Doch auch die teilweise unlogischen und manchmal eindimensional gezeichneten Gedanken und Verhalten der auf dem Mars landenden und später lebenden Menschen (darunter auch Priester) machten mir den Zugang zum Buch zunächst echt nicht leicht.

Gleichwohl konnte ich mein erstes Unbehagen gut aushalten und durchhalten, weil sich Bradbury einer wirklich hervorragenden Sprache und Erzählkunst bedient, die mich dann doch irgendwie hat weiter lesen lassen.

Schlussendlich wurde ich belohnt:

Mit Geschichte 17 und 19 ist der Knoten dann bei mir geplatzt. Mit der Story "Da oben, mitten in der Luft" fesselte Bradbury mich, mit der Erzählung "Usher II" lies er dann die Bombe platzen und ich wollte und musste mir dann jede weitere Geschichte reinziehen, denn von da an (bis zum Ende) versetzte das Buch mich dann in Erstaunen.

Ich will zu den einzelnen Geschichten inhaltlich nichts verraten, nur möchte in den etwas missverständlichen Klappentext klarstellen: Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN erzählt nicht (!) von den "Reisen" zwischen Erde und Mars. Keine der Geschichten beschäftigt sich mit einer Reise im Raumschiff zwischen den Planeten. Vielmehr geht es hautsächlich um das Erleben, Streben, Täuschen, Verteidigen, Erobern, Zerstören, (Aus)Sterben und Überleben sowohl der Marsmenschen als auch der Erdmenschen und zwar (überwiegend) auf dem Mars und (teilweise) auf der Erde; die Handlung in den Stories findet daher auf den Planeten (nicht im All) statt.

Auch sollte man das Buch tatsächlich von Anfang an (d.h. beginnend mit Geschichte 1) lesen und erleben, da die Reihenfolge der Geschichten durchaus einen Zweck verfolgt, wie ein gut abgestimmtes 4-Gänge-Sternemenü, … da fängt man ja auch nicht mir der Nachspeise an.

Unter dem Strich kann ich sagen, dass Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN einzigartig ist, und der Autor seine Geschichten völlig zu Recht in den Bereich der Mythen und Sagen ansiedelt, … wenn man beim Lesen dies beherzigt, dann bekommt man, was man erwartet, … und gleichzeitig sind die DIE MARS-CHRONIKEN (um Forest Gump zu zitieren) "wie eine Schachtel Pralinen, man weiss nie, was man kriegt".

Am Ende gebührt Herrn Bradbury natürlich das Wort (und diese Worte aus dem Jahr 1950 passen doch irgendwie – fast schon erschreckend – gerade auch in unsere letzten beiden Jahre 2020 und 2021):

»Wohin schaust du so gespannt, Paps?«
»Ich habe nach irdischer Logik gesucht, nach gesundem Menschenverstand, nach einer guten Regierung, nach Frieden und Verantwortungsgefühl.«
»Und das alles soll es das oben [auf der Erde] geben?«
»Nein. Ich hab´s nicht gefunden. Das gibt es da oben nicht mehr. Vielleicht kommt es auch nie wieder. Vielleicht haben wir uns die ganze Zeit nur etwas vorgemacht, und es hat es nie gegeben.« (S. 360f.)

MITCH

Ray Bradbury
DIE MARS-CHRONIKEN
Roman in Erzählungen.
Übersetzt von Margarete Bormann, Peter Naujack, Thomas Schlück
Diogenes Taschenbücher Mai 2008 – 384 Seiten
ISBN: ‎ 978-3257208634

»Das Leben auf der Erde hat zu keinem Zeitpunkt etwas wirklich Gutes bewirkt. Die Wissenschaften eilten uns zu schnell davon, und die Menschen gingen in einem technischen Dschungel verloren wie Kinder, die sich an schönen Dingen freuten (…), sie gewichteten falsch, (…)« (S. 371)

Zu Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN kam ich wie die Jungfrau zum Kind.

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Saubermann

von am 1. November 2021 1 Kommentar

Ken Bruen
Saubermann
Polar, Stuttgart 2021, 224 Seiten
ISBN 978-3-948392-28-4

Die „Jack Taylor“-Romane des irischen Krimi-Könners Ken Bruen, seit 2001 im Umlauf, gehören eigentlich zur Grundausstattung. Noch vor seinem ins Fernsehen vorgestoßenen Detektiv schuf Bruen, dieser Meister des finsteren, zynischen und coolen Hardboiled von der Insel, die Serie um Detective Sergeant Brant, Chief Inspector Roberts und Constable Falls. Der Film „Blitz – Cop-Killer vs. Killer-Cop“ mit dem schnellen und furiosen Transporter Jason Statham basiert auf den Brant-Romanen, ohne dass das jetzt als Qualitätssiegel gewertet werden soll.

Bei Polar kamen schon ein paar der Brant-Bücher heraus, mit „Saubermann“ liegt nun sogar der allererste auf Deutsch vor. Der Roman, 1998 erstmals veröffentlicht und mit allerhand Anspielungen auf Police-Procedural-Pionier Ed McBain gespickt, ist ein brachiales, fieses Vergnügen, Bruen wie man ihn kennt und liebt (vorausgesetzt, die Wellenlänge stimmt). Brant walzt als der Schandfleck der Londoner Polizei durch Dienst und Leben, korrupt, brutal, nur einer eigenen schrägen Logik verpflichtet. Ein Antiheld auf Talfahrt in die Hölle. Er und sein Chef Roberts, beste Feinde, brauchen einen Saubermann-Fall, einen großen Fisch, der alle Verfehlungen vergessen macht. Zur Auswahl stehen ein Serienkiller, der die englische Cricket-Nationalmannschaft dezimiert, und eine Gruppe selbsternannter Rächer, die Kriminelle aufknüpfen und anzünden …

„Jack Taylor fliegt raus“ wäre ein guter Start in Ken Bruens Schaffen, ebenso die pulpige Fisher/Petrakos-Trilogie von ihm und Jason Starr. Und ja, „Saubermann“, dieser gewalttätige, düstere Gruß aus den 90ern, taugt auch fürs Kennenlernen. Allerdings erinnert einen diese willkommene Veröffentlichung auch schmerzhaft daran, dass noch so einige Bruens, sogar ein paar Jack Taylors, nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Aber immerhin geht es nun mit Brant und Roberts weiter. Oder los. Je nachdem.

Christian Endres

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Ken Bruen
Saubermann
Polar, Stuttgart 2021, 224 Seiten
ISBN 978-3-948392-28-4

Die „Jack Taylor“-Romane des irischen Krimi-Könners Ken Bruen, seit 2001 im Umlauf, gehören eigentlich zur Grundausstattung. Noch vor seinem ins Fernsehen vorgestoßenen Detektiv schuf Bruen, dieser Meister des finsteren, zynischen und coolen Hardboiled von der Insel, die Serie um Detective Sergeant Brant, Chief Inspector Roberts und Constable Falls. Der Film „Blitz – Cop-Killer vs. Killer-Cop“ mit dem schnellen und furiosen Transporter Jason Statham basiert auf den Brant-Romanen,

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Enders Spiel

von am 27. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Enders Spiel

Orson Scott Card
ENDERS SPIEL
Karl-Ulrich Burgdorf (Übersetzer)
Taschenbuch 464 Seiten
ISBN: ‎ 978-3453314207

EINLEITUNG

Diesen Sommer kam ich in den Genuss, die beiden Romane "Enders Spiel" und "Sprecher für die Toten" von Orson Scott Card zu lesen. Inspiriert wurde ich (wie so oft) durch Gerds goldene Buchempfehlungen und auch durch dessen Rezension zur "Ender-Reihe".

Vorab ist zu sagen: Das Buch "Enders Spiel" (obwohl es der Auftakt einer Reihe ist) kann sehr gut als Einzelband gelesen werden, der Roman steht und wirkt für sich, und zwar gewaltig.

EIN GESCHMACK ZUM INHALT

Ein bisschen was zum Inhalt des im Jahr 1985 erschienen Buchs kann und muss ich verraten:

In Orson Scott Cards Zukunft unserer Erde mündet der Planet in einer drastischen Überbevölkerung (hierzu eine ernüchternde Anmerkung zur Realität: Anfang des 20. Jahrhunderts hatten wir rund eineinhalb Milliarden Menschen, in den 80er Jahren – bei Veröffentlichung des Buches – hatten wir auf unserem Planeten schon rund vier Milliarden Menschen, heute im Jahr 2021 leben sogar fast acht Milliarden Menschen auf der Erde). Card hat in "Enders Spiel" diese explosionsartige Zunahme unserer Weltbevölkerungszahl bereits damals im Jahr 1985 thematisiert.

In der fiktiven Gegenwart von "Enders Spiel" erfolgte (einige Jahrzehnte vor der eigentlichen Handlung) ein schlimmer Angriff von aggressiven Außerirdischen, die "Krabbler" genannt, welcher jedoch vom menschlichen Militär zurückgeschlagen werden konnte. Diese Bedrohung eint seither die Völker und Staaten auf der Erde, zugleich wird die Bevölkerung durch staatlich gesetzte Furcht vor erneuter Gefahr und durch Propagandavideos vom heroischen Kampf der "guten" Erdensoldaten gegen die "bösen" Krabbler gelenkt und geführt. Zudem wird ein Vermehrungsverbot für Eltern staatlich verordnet, so dass menschlicher Nachwuchs nur noch bis zur Grenze von maximal zwei Kindern erlaubt ist, jedes weitere Kind (der sogenannte "Dritt") wird von der Gesellschaft geächtet und als Folge asozialen Ursprungsverhaltens verpönt und abgestraft. Ebenso wird im Weltraum eine elitäre Kampfschule errichtet, die gezielt dazu dient, Kinder sowie junge Männer und Frauen als effektive Soldaten und Strategen im drohenden Weltraumkampf gegen die Krabbler auszubilden.

Und in jene Welt wird unser Held, Andrew Wiggin, genannt Ender, hinein geboren, und zwar als staatlich legitimierter "Dritt" der Eheleute Wiggin, die mit behördlicher Ausnahmegenehmigung drei Abkömmlinge in die Welt setzen und – mit staatlichen Monitoren im Nacken versehen – unter Beobachtung großziehen dürfen.

Als Drittgeborener ist Ender in der Schule jedoch schlecht angesehen und seine herausragende Intelligenz sorgt zudem für Neider. Eines Tages wird Ender von der staatlichen Überwachung befreit, was dazu führt, dass er nach Schulschluss von einer Gruppe Kinder abgefangen wird; die Kinder wollen ihn hänseln, schikanieren und quälen. Ender wehrt sich sofort heftig und schlägt Stilson, den Anführer, zu Boden. Ender erkennt bei seiner Verteidigung, dass er sich künftig vor weiteren Attacken nachhaltig schützen kann, wenn er harte Exempel statuiert: Er macht daher seinen Widersacher (vor den Augen der anderen Kinder) brutal "fertig" und droht der ganzen Bande, er würde diese Gnadenlosigkeit Jedem zu Teil werden lassen, der ihn nochmal belästigen würde.

Fortan kommt Ender aufgrund jener (und anderer) "herausragenden" Charaktereigenschaft(en) für die Regierung als (vom Staat gezüchteter und geplanter) Elitesoldat und Kommandant in Betracht, er wird vom Ausbilder der Kampfschule (seiner Familie entrissen und) in die kalte Welt der im All befindlichen Kampfschule geworfen.

Der sechsjährige Ender gilt dort als "Überflieger" und "Streber" und wird zunächst – vor allem von den älteren Kindern – dafür (und für seine Erfolge) mißachtet.

Für Ender gilt es fortan, in der Kampfschule und den darin stattfindenden Übungsspielen (daher der Titel des Romans) zu überleben, sowie sich allerorts Respekt zu verschaffen, er muss dafür aber mit seinen inneren Kämpfen, Gefühlen und Ängsten in Frieden kommen; insbesondere begleitet ihn in der Kriegerschule stets ein schlimmer Gewissenskonflikt: Eigentlich will der Krieger in ihm keinem Wesen schaden, eigentlich will Ender nur in Frieden leben.

Jedoch muss Ender im Laufe der Jahre erkennen, dass er Tag für Tag nicht nur sich selbst verteidigen und schützen muss, sondern dass das Schicksal seiner Familie und das Überleben der ganzen Menschheit allein von seinen Entscheidungen und seinem Tun abhängt. Die schwere Last der Verantwortung und der schwere Preis der Macht zur Führung, die Isolation, setzen dem Jugendlichen immer mehr zu.

Was wird Ender tun? Eine geniale Geschichte mit überraschenden Wendungen wartet auf den Leser.

MEIN ERLEBEN MIT ENDERS SPIEL

Ich habe das Buch verschlungen. Ich habe das Buch geatmet. Ich habe das Buch verinnerlicht.

Die Erzählung in Cards Buch bleibt immer ganz nah am Erleben von Ender als Kind und (später) als Jugendlicher. Dabei dringt die Geschichte unmerklich tiefer in das Selbst des Lesers. Teilweise fühlte ich mich beim Lesen tatsächlich wie Ender, oft musste ich das Buch kurz beiseitelegen und "durchatmen". Die Wahrnehmungen und Konflikte von Ender gingen direkt auf mich über: Freilich habe auch ich in meiner Kindheit böse Hänseleien und einsame Isolation erfahren müssen, auch ich war als Kind "Täter" und "Opfer", erlebte Not, Trennung und Einsamkeit, … wer von uns nicht?

"Enders Spiel" macht deutlich, (erstens) wie unerbittlich doch Menschen (auch Kinder) sein können, (zweitens) wie einfach und wie kraftvoll (gezielt manipulativ gesetzte) angstbasierte Systeme bei Menschen und Gesellschaften funktionieren und (drittens) wie ein junger Mensch in einer solchen Welt gleichwohl sich selbst reflektieren, finden und treu bleiben kann; alles Themen, die (gerade auch für Erwachsene) heute aktueller sind denn je?!

Vor allem der Plot einer "Kampfschule" hat bei mir voll ins Schwarze getroffen, jede Seite im Buch machte mich immer noch neugieriger auf die nächste Buchseite. Das Ende des Romans ist grandios, mir stand sprichwörtlich "der Mund offen".

Nicht umsonst wurde "Enders Spiel" im Jahr 1985 mit dem Nebula Award als bester Roman sowie im Folgejahr mit dem Hugo Award als bester Roman ausgezeichnet.

MITCH

Orson Scott Card
ENDERS SPIEL
Karl-Ulrich Burgdorf (Übersetzer)
Taschenbuch 464 Seiten
ISBN: ‎ 978-3453314207

EINLEITUNG

Diesen Sommer kam ich in den Genuss, die beiden Romane "Enders Spiel" und "Sprecher für die Toten" von Orson Scott Card zu lesen. Inspiriert wurde ich (wie so oft) durch Gerds goldene Buchempfehlungen und auch durch dessen Rezension zur "Ender-Reihe".

Vorab ist zu sagen: Das Buch "Enders Spiel" (obwohl es der Auftakt einer Reihe ist) kann sehr gut als Einzelband gelesen werden,

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Das Science Fiction Jahr 2021

von am 25. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Das Science Fiction Jahr 2021

Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021.
Berlin, Hirnkost, 2021, 608 S.
ISBN 978-3-949452-12-3 / 28,00 Euro
Klappenbroschur

Es ist fast schon ein liebgewonnenes Ritual geworden – aber immer noch ist DAS SCIENCE FICTION JAHR das einzige Sekundärwerk, auf dessen Erscheinen ich mich regelmäßig schon lange im Voraus freue. Und auch die inzwischen 36. Ausgabe, DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021, herausgegeben von Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz, hat mich nicht enttäuscht.

Um jetzt nicht einfach nur das Inhaltsverzeichnis abzuschreiben, hier eine launige Kurz-Interpretation der Beiträge: Die Welt geht unter, aber wir Science-Fiction-Leser wussten das wenigstens schon vorher, wie hier gleich zu Beginn ein Dutzend Artikel im „Climate-Fiction-Feature“ beweisen. Stanislaw Lem wäre im Jahr 2021 Einhundert Jahre alt geworden, auch dieses Ereignis wird intensiv, spielerisch und philosophisch gewürdigt. Die 200 Seiten Buchbesprechungen (von unterschiedlicher Länge und Qualität) versprechen unglaublich viel Information (und entfachen jede Menge „Nachkauf-Bedarf“). Etwas kürzer dann die Abteilungen mit Comics, Filmen, TV-Serien und Games – etwas umfänglicher dafür wieder die Statistik-Sektion (Preise, Nachrufe, Bibliografie).

Meine Highlights: Christian Endres interviewt gleich elf Orwell-Neu-ÜbersetzerInnen, Bernd Flessner und Karlheinz Steinmüller schreiben über ihre Lem-Eindrücke und Simon Spiegel liest ausführlich in Dietmar Daths NIEGESCHICHTE.

Nach über 600 Seiten purem Science-Fiction-Input lautet das Fazit: Ich freue mich jetzt schon auf DAS SCIENCE FICTION JAHR 2022!

Horst Illmer

Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021.
Berlin, Hirnkost, 2021, 608 S.
ISBN 978-3-949452-12-3 / 28,00 Euro
Klappenbroschur

Es ist fast schon ein liebgewonnenes Ritual geworden – aber immer noch ist DAS SCIENCE FICTION JAHR das einzige Sekundärwerk, auf dessen Erscheinen ich mich regelmäßig schon lange im Voraus freue. Und auch die inzwischen 36. Ausgabe, DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021, herausgegeben von Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz, hat mich nicht enttäuscht.

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Eine Reise mit Tolkiens Hobbit, Herr der Ringe und Silmarillion (Teil 3 von 3)

von am 20. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Eine Reise mit Tolkiens Hobbit, Herr der Ringe und Silmarillion (Teil 3 von 3)

J.R.R. Tolkien
Das Silmarillion
Ted Nasmith (Illustrator)
Gebundene Ausgabe : 589 Seiten
ISBN: 9783608938296

—> Hier klicken für Teil 1 von 3 und hier klicken für Teil 2 von 3

Ich hatte also Tolkiens "Der Herr der Ringe“ gelesen, eine feurige Neugier nach Mythen und Legenden war entfacht und ich wollte jetzt einfach mehr erfahren, d.h. mehr von den Ringen der Macht sowie mehr vom „Letzten Bündnis“, mehr von Saurons Ursprung und von Númenor, vor allem aber mehr von den Elben und der Entstehung Mittelerdes. Und dieses Verlangen führte mich zu Tolkiens "Bibel", seinem Buch "Das Silmarillion".

DAS SILMARILLION

Dabei erinnerte ich mich noch gut an eine alte Begebenheit vor fast 30 Jahren, als der weise Hermke im Laden (und zwar in dem urigen Neubücherraum gleich rechts nach dem Eingang) eine eindringliche Warnung an den kleinen Mitch von damals aussprach: „Mitch, … ne, ne, das Silmarillion ist jetzt nichts für Dich, … selbst für mich ist es nicht so leichte Kost gewesen, so viele Namen, Namen, Namen …“, meinte Hermke und schaute mich dabei über seine Brille mit lehrreichen Augen fest an und er zog ganz klar eine gutgemeinte deutliche Grenze, die rückblickend für mich goldrichtig gewesen ist; damals konnte ich noch nicht den nötigen Durst für Tolkiens Quelle „Das Silmarillion“ haben, und dies wußte Hermke damals ganz genau.

Aber eben weil die eigenen Erfahrungen in hinwegziehenden Jahren fast immer mehr Platz für den eigenen inneren Mentor erschaffen, beschloss ich "im Alter" dann jenes Buch "Das Silmarillion" zu lesen. Und prompt schenkte mir meine Frau vor ein paar Jahren sowohl eine recht schöne Buchausgabe, und zwar die mit Ted Nasmith (als Illustrator), als auch ein "Bon-Bon" (und das war für mich ein Segen), nämlich den „Historischen Mittelerde-Atlas“ sowie „Das große Mittelerde-Lexikon“.

Irgendwann im Jahr 2017 begann ich dann das Buch zu lesen, es begann:

“Eru war da, der Eine, der auf Arda Illúvatar heißt; und er schuf erstens die Ainur, die Heiligen, Sprößlinge seiner Gedanken; und sie waren bei ihm, bevor irgend andres geschaffen war…” (S. 53).

… und vor mir entfaltete sich eine bezaubernde und sagenreiche Geschichte, die mich durch die Jahrhunderte und Zeitalter von Mittelerde führte. „Das Silmarillion“ erzählt mythisch mit grandioser Sprache über Herkunft der Elben, über deren helle und dunkle Seiten, sowie über das Entstehen und das traurige Schicksal der stolzen Dunedain, und über Mittelerdes Anfänge, Götter, Orte und Schicksale.

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J.R.R. Tolkien
Das Silmarillion
Ted Nasmith (Illustrator)
Gebundene Ausgabe : 589 Seiten
ISBN: 9783608938296

—> Hier klicken für Teil 1 von 3 und hier klicken für Teil 2 von 3

Ich hatte also Tolkiens "Der Herr der Ringe“ gelesen, eine feurige Neugier nach Mythen und Legenden war entfacht und ich wollte jetzt einfach mehr erfahren, d.h. mehr von den Ringen der Macht sowie mehr vom „Letzten Bündnis“, mehr von Saurons Ursprung und von Númenor,

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Das Land des Lachens

von am 18. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Das Land des Lachens

Jonathan Carroll
DAS LAND DES LACHENS. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
(Originaltitel: THE LAND OF LAUGHS / 1980)
München, Heyne, 2021, 366 Seiten
ISBN 978-3-453-32104-5, 12,99 Euro
Klappenbroschur

Der 1949 in New York zur Welt gekommene Autor Jonathan Carroll lebt seit vielen Jahren in Wien, wo er nicht nur als Literaturdozent jungen Menschen das Schreiben beibrachte, sondern wo auch aufgrund günstiger Zufälle (Stanislaw Lems Sohn stellte die Verbindung zum Herausgeber und Literaturagenten Franz Rottensteiner her) seine literarische Weltkarriere durchstartete. Inzwischen gehört Carroll zu den anerkanntermaßen wichtigsten Vertretern der englischsprachigen literarischen Phantastik.

Dass er bereits mit seinem Erstlingswerk THE LAND OF LAUGHS (1980) ein vollkommenes Meisterwerk vorlegte, konnten deutschsprachige Leser lange Zeit nicht mehr nachvollziehen, da der 1986 unter dem Titel DAS LAND DES LACHENS in der Übersetzung von Rudolf Hermstein erschienene Roman vergriffen war. Umso erfreulicher ist es, dass der Heyne Verlag das Buch im Herbst 2021 in einer ansprechend aufgemachten und mit einem Nachwort von Denis Scheck versehenen Neuausgabe wieder zugänglich macht.

DAS LAND DES LACHENS erweist sich als immer noch überzeugend erzählte Literatur über die Literatur, das Schreiben, das Lesen und die Bedeutung, die Lesen, Schreiben und Literatur auf unser eigenes Leben haben können – und über die Liebe in all ihren Formen und Ausprägungen.

Am Ende kann man verstehen, warum Denis Scheck so erstaunt darüber ist, dass Carrolls DAS LAND DES LACHENS nicht den gleichen Erfolg hat wie z. B. die Bücher von J. R. R. Tolkien, Ursula K. Le Guin oder (die des Carroll-Bewunderers) Stephen King.

Immerhin ist das Buch jetzt wieder greifbar, und es liegt nur noch an uns, diesen Erfolg herbeizuführen …

Horst Illmer

Jonathan Carroll
DAS LAND DES LACHENS. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
(Originaltitel: THE LAND OF LAUGHS / 1980)
München, Heyne, 2021, 366 Seiten
ISBN 978-3-453-32104-5, 12,99 Euro
Klappenbroschur

Der 1949 in New York zur Welt gekommene Autor Jonathan Carroll lebt seit vielen Jahren in Wien, wo er nicht nur als Literaturdozent jungen Menschen das Schreiben beibrachte, sondern wo auch aufgrund günstiger Zufälle (Stanislaw Lems Sohn stellte die Verbindung zum Herausgeber und Literaturagenten Franz Rottensteiner her) seine literarische Weltkarriere durchstartete.

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Eine Reise mit Tolkiens Hobbit, Herr der Ringe und Silmarillion (Teil 2 von 3)

von am 11. Oktober 2021 2 Kommentare

Der Herr der Ringe: illustriert Gebundene Ausgabe
von J.R.R. Tolkien (Autor), Alan Lee (Zeichner), Margaret Carroux (Übersetzer)
Gebundene Ausgabe : 1293 Seiten
ISBN: 9783608960358

—> Hier klicken für Teil 1 von 3.

Bevor ich meine eigene Reise mit "Der Herr der Ringe" schildere, sei ein kurzer Abriss des Buchinhalts erlaubt, denn es gibt auf dem Planeten Erde noch Menschen und Leser, die weder Film noch Geschichte von Tolkiens Jahrhundertroman kennen:

ZUM INHALT

Mittelerde. Das dritte Zeitalter ist längst angebrochen. Die Welt ist im Wandel. Das Böse in Gestalt von Sauron erwacht.

Mordors dunklem Meister dürstet es nach seinem Ring, dem magischen "Herrscherring", ein Zauberring, der Macht über alle anderen Zauberringe hat:

"Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn."

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Der Herr der Ringe: illustriert Gebundene Ausgabe
von J.R.R. Tolkien (Autor), Alan Lee (Zeichner), Margaret Carroux (Übersetzer)
Gebundene Ausgabe : 1293 Seiten
ISBN: 9783608960358

—> Hier klicken für Teil 1 von 3.

Bevor ich meine eigene Reise mit "Der Herr der Ringe" schildere, sei ein kurzer Abriss des Buchinhalts erlaubt, denn es gibt auf dem Planeten Erde noch Menschen und Leser, die weder Film noch Geschichte von Tolkiens Jahrhundertroman kennen:

ZUM INHALT

Mittelerde.

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Die Tote mit der roten Strähne

von am 6. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Die Tote mit der roten Strähne

Kathleen Kent
Die Tote mit der roten Strähne
Suhrkamp, Berlin 2021, 365 Seiten
ISBN 978-3-518-47170-8

Den literarischen Empfehlungen der eigenen Lieblingsautoren zu folgen, führt oft zu interessanten anderen Kreativen und Büchern. Nehmen wir dieses Beispiel. Über Kathleen Kents Krimi „Die Tote mit der roten Strähne“ sagt und blurbt der texanische Kulterzähler, Alleskönner und Krimimeister Joe R. Lansdale: „Ich liebe dieses Buch! Betty ist meine Heldin. Klug, entschlossen, absolut einzigartig.“

Erfunden hat sie die 1953 geborene Kathleen Kent, die sich mit historischen Romanen einen Namen als Bestseller-Autorin machte. Ihr erster lupenreiner Hardboiled-Roman dreht sich um Betty Rhyzyk, Sprössling einer Brooklyner Polizistenfamilie mit polnischen Wurzeln. Allen internen und externen Widerständen zum Trotz, wird die große, taffe rothaarige „Amazone“ (um den Roman mal zu zitieren) selbst ein Cop. Am Ende landet sie aber im texanischen Dallas, wo sie als lesbische Polizistin nicht weniger aushalten muss. Dass ein Einsatz gegen ein mexikanisches Kartell völlig aus dem Ruder läuft, plötzlich überall Leichen/Leichenteile auftauchen und ein gefährlicher Irrer Betty ins Visier nimmt, macht’s kein bisschen leichter …

„Die Tote mit der roten Strähne“ ist solider und allemal unterhaltsamer Hardboiled-Cop-Stoff. Und obwohl es im letzten Drittel dann doch ein bisschen zu trashig zugeht, würde man sicher weitere Fälle von Betty Rhyzyk lesen, sollte Herausgeber Thomas Wörtche sie in seiner stets beachtenswerten Krimi-Reihe bei Suhrkamp bringen.

Christian Endres

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Kathleen Kent
Die Tote mit der roten Strähne
Suhrkamp, Berlin 2021, 365 Seiten
ISBN 978-3-518-47170-8

Den literarischen Empfehlungen der eigenen Lieblingsautoren zu folgen, führt oft zu interessanten anderen Kreativen und Büchern. Nehmen wir dieses Beispiel. Über Kathleen Kents Krimi „Die Tote mit der roten Strähne“ sagt und blurbt der texanische Kulterzähler, Alleskönner und Krimimeister Joe R. Lansdale: „Ich liebe dieses Buch! Betty ist meine Heldin. Klug, entschlossen, absolut einzigartig.“

Erfunden hat sie die 1953 geborene Kathleen Kent,

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Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

von am 4. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

C Pam Zhang
Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
S. Fischer, Frankfurt 2021, 352 Seiten
ISBN 978-3-10-397392-1

Der Western ist ein Genre der Klischees – im Guten wie im Schlechten. Ab und an werden die Regeln und Tropen natürlich auch gebrochen und verdreht, aber das passiert nur selten in der virtuosen Manier von C Pam Zhangs Romanerstling „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“. 1990 in China geboren, wuchs die Autorin in den USA auf und studierte u. a. in Cambridge. Ihre früheren Texte erschienen in renommierten Publikationen, etwa „McSweeny’s Quarterly“, „The New Yorker“, „The New York Times“ und „Best American Short Stories“.

In ihrem Debütroman erzählt Zhang von der harten Suche nach Glück im Wilden Westen der Goldgräber und Siedler – allerdings aus der Sicht einer Familie mit chinesischen Wurzeln, und hier vor allem aus der Perspektive der beiden Kinder Lucy und Sam, zwei ungleichen Geschwistern. In mal rauer, mal zarter, aber stets wunderschöner Prosa geht es bei Zhang um Rassismus, Sexismus, Identität, Gender, Familie, Klassenkampf und mehr. Die Kulisse und der Mythos sind vertraut, die Prägung und Ausleuchtung eine ganz andere. Ein Geist wird kurzzeitig sogar zum Erzähler, und angeblich streicht ein Tiger durch die Berge und Städte im Westen …

C Pam Zhangs kühner Roman landete auf der Longlist für den Booker Prize und unter den Finalisten für den PEN/Hemingway Award, außerdem erhielt er den Asian/Pacific American Award for Literature. Barack Obama, dessen Leseempfehlungen jedes Jahr mit Spannung erwartet werden, war von „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ ebenfalls sehr angetan. Verdiente Würdigungen für den wohlklingenden Western der etwas anderen Art, der den Mythos mit historischen Wahrheiten, diversen Blickwinkeln und modernem Bewusstsein bereichert. Kurzum: Literarisches Gold.

Christian Endres

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C Pam Zhang
Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
S. Fischer, Frankfurt 2021, 352 Seiten
ISBN 978-3-10-397392-1

Der Western ist ein Genre der Klischees – im Guten wie im Schlechten. Ab und an werden die Regeln und Tropen natürlich auch gebrochen und verdreht, aber das passiert nur selten in der virtuosen Manier von C Pam Zhangs Romanerstling „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“. 1990 in China geboren, wuchs die Autorin in den USA auf und studierte u.

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Eine Reise mit Tolkiens Hobbit, Herr der Ringe und Silmarillion (Teil 1 von 3)

von am 29. September 2021 1 Kommentar

Der Hobbit: oder Hin und zurück. Mit Illustrationen von Alan Lee
von J.R.R. Tolkien (Autor), Alan Lee (Illustrator), Wolfgang Krege (Übersetzer)
Gebundene Ausgabe : 398 Seiten
ISBN: 9783608938005

EINLEITUNG

Keine Erzählungen haben mich so lange begleitet und beschäftigt, wie „die drei“ Bücher von Tolkien zu Mittelerde: Der Hobbit, Der Herr der Ringe und Das Silmarillion.

Für eingefleischte „alte“ Fantasy-Fans sind die Handlungen (jedenfalls) in „Der Hobbit“ und in „Der Herr der Ringe“ meist bestens bekannt und ein jeder hat zu den Büchern und den Verfilmungen seine eigene Meinung – je nach persönlichem Geschmack und Erleben.

Doch für den ein oder anderen – vermutlich (aber nicht zwingend) „jüngeren“ – Leser, der "nur" die zwei grandiosen Filmtrilogien von Peter Jackson kennt, kommen Tolkiens Bücher vielleicht etwas "abschreckend" daher, was viele Gründe haben mag: Den Einen scheut womöglich der Umfang, den anderen die Tiefe des Inhalts, den Nächsten die Dichte der Sprache des „älteren“ Autors und/oder die Intensität seiner Weltenschilderungen.

Gerade diese bislang „tolkienlosen“ Leser möchte ich hiermit entfachen und neugierig auf ein echtes Abenteuer machen, auf eine leichte, zugleich intensive Art, um Tolkiens Mittelerde zu besuchen, um Schritt für Schritt weiter in seine Welt der Elben, der Dúnedain und der Hobbits zu versinken.

Mittels meinem eigenen biographischen Erleben mit Tolkiens Werk werde ich dem Leser einen persönlichen Vorschlag zu einer immer tiefer führenden, schönen Lesereihenfolge und -/reise unterbreiten:

Man beginne als erstes mit „Der Hobbit“, gehe als zweites weiter mit „Der Herr der Ringe“ und zum dritten versinke man mit „Das Silmarillion“ gänzlich in den Kosmos von Mittelerde, gerne gewappnet mit dem „Historischen Atlas von Mittelerde“ sowie dem „Mittelerde-Lexikon".

Wie gesagt, am besten vermag meine eigene Reise nach Mittelerde dies zu veranschaulichen, wobei ich stilgetreu in drei Teilen (mittels drei eigenen Rezensionen) erzählen werde:

MEIN ERSTES TREFFEN MIT TOLKIEN

Ich bin Ende der 80er als etwa zehnjähriger Knabe im Italienurlaub durch Zufall zunächst mit Tolkiens „Der Herr der Ringe“ in Kontakt gekommen. Damals hatte eine Bekannte meiner Mutter, Dunja, das Buch am Bolsenasee mit dabei und Dunja las am Strand von Zeit zu Zeit in Teil 1 "Die Gefährten" (es war die alte Ausgabe mit dem stechend grünen Einband mit der alten Übersetzung von Carroux). Und als das Buch so am Strand rumlag, schnappte ich es mir und begann mit der Neugier des Kindes darin zu lesen: "Wow!" – dachte ich. Ich lernte sogleich Bilbo Beutlin und die Hobbits kennen, auch kam Gandalf in Beutelsend vorbei. Ich war hin und weg. Und fast jeden Tage im Urlaub las ich immer mal wieder ein paar Seiten, mehr schaffte ich damals nicht, denn für mich als Bub war ja bereits Band 1 vom Umfang her ein "riesiges" Buch, ein Buch mit kindlich gefühlten zehntausend Seiten. Der Urlaub war dann schneller vorbei als gedacht und Dunja verschwand mit „Der Herr der Ringe“ aus meinem Blickfeld, ich war damals zwar nur bis etwa Seite 40 gekommen (auch heute noch lese ich leider immer noch viel zu langsam), … doch ich hatte Tolkiens „Blut geleckt“.

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Der Hobbit: oder Hin und zurück. Mit Illustrationen von Alan Lee
von J.R.R. Tolkien (Autor), Alan Lee (Illustrator), Wolfgang Krege (Übersetzer)
Gebundene Ausgabe : 398 Seiten
ISBN: 9783608938005

EINLEITUNG

Keine Erzählungen haben mich so lange begleitet und beschäftigt, wie „die drei“ Bücher von Tolkien zu Mittelerde: Der Hobbit, Der Herr der Ringe und Das Silmarillion.

Für eingefleischte „alte“ Fantasy-Fans sind die Handlungen (jedenfalls) in „Der Hobbit“ und in „Der Herr der Ringe“ meist bestens bekannt und ein jeder hat zu den Büchern und den Verfilmungen seine eigene Meinung –

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Der Astronaut

von am 27. September 2021 1 Kommentar

Andy Weir
Der Astronaut
Übersetzt von Jürgen Langowski
Heyne Taschenbuch
Mai 2021 – 554 Seiten
ISBN: 3453321340

"Was ist zwei plus zwei? … Aus irgendeinem Grund ärgert mich die Frage. Ich bin müde. Beinahe schlafe ich wieder ein."

… und mit diesen Sätzen begann für mich eine so herrlich abenteuerliche und zugleich schöne Reise im All. Hab Dank Andy Weir für Deinen neuen Roman: "Der Astronaut"!

Um es vorneweg zu sagen: Ich liebe gute Ich-Erzählungen. Und mit gut meine ich "arg gut". Solche Ich-Geschichten ziehen mich in ihren Bann, ich bin dabei, im Buch, im Erzähler. Das "gekonnte Ich" trifft dann bei mir so wunderbar mein Leserherz.

Und Hey! Andy Weir ist ein begnadeter Ich-Autor. Schon sein erstes Buch "Der Marsianer" zeigte, was Herr Weir kann, nämlich eine ganze Menge (… doch "Der Marsianer" ist freilich Teil einer eigenen Rezension von Horst).

Jetzt aber nochmal von Anfang an. Also, ich beginne "Der Astronaut" zu lesen und …

… ich wache auf, vermutlich nach einem Koma, geweckt vom Bordcomputer in einem Raumschiff (und zwar mit den Worten "Was ist zwei plus zwei?"), … und ich habe erstmal keine Erinnerung – und zwar an rein gar nichts. Warum um Himmels willen liege ich in einem Raumfahrzeug und weshalb doktern irgendwelche Maschinenarme an mir rum? Meine beiden Kameraden der Crew liegen im Schlafraum. Beide tot. Unfassbar! Nur nach und nach kommen Fetzen meiner Erinnerung hoch und mir dämmert nur ganz langsam, weshalb ich hier bin, was meine Mission sein sollte, … eine apropos gänzlich unschaffbare Mission, die zudem zu dritt hätte von statten gehen müssen. Ich denke, "Holy Shit, ich bin doch nur der Wissenschaftler der Crew, die eigentlichen Astronauten, der Captain und die Ingenieurin, sind tot. Was tun im Spaceshuttle? Scheiße, ich bin allein … und (um Andy Weir zu zitieren:) "Ich bin so was von im Arsch!". Außerdem hängt das Schicksal der Erde von meinem Gelingen (oder von meinem Scheitern) ab. Heftig!"

Schon dieses Anfangsszenario von Andy Weir geht mir wirklich unter die Haut. Gleichzeitig schenkt Andy Weir mir (dem Helden) den Einfallsreichtum und das Geschick von MacGyver (ich meine freilich den Besten, den aus den 80ern!) und zudem segnet Herr Weir mich später mit einer würzigen Wendung meines Abenteuers, die ich jetzt zwar nicht verraten kann, aber die ich mit den Worten "eine herrlich außergewöhnliche Freundschaft" andeuten kann.

Die Geschichte in "Der Astronaut" ist für mich persönlich das bislang Beste, was ich von Andy Weir gelesen habe. Er lässt mich wie in einer gigantischen Wasserrutsche die Story spürbar miterleben, ständig kommen überraschende Handlungskurven, die meinen Magen flau werden lassen, sodann folgen steile Talfahrten für den Helden, die mich Tränen verdrücken und mich Schlucken lassen; … eben weil so gut erzählte Erlebnisse von (geschickt dosiertem) Heldentum, von Integrität und von Verbundenheit mich schlichtweg berühren.

So gerne würde ich Euch das ein oder andere Lesevergnügen im Buch genauer schildern, etwas mehr Handlung verraten … aber nein, bei "Der Astronaut" geht das einfach nicht. Ihr müsst schon selbst zum Astronauten werden, schon selbst allein aufwachen im All und verdammt nochmal selbst versuchen, die Erde zu retten! Und das wird ein einmaliger und wunderbarer Trip, das kann ich Euch sagen (bis auf den „Komabrei“, der wird wohl auch für Euch widerlich schmecken; zum Ende des Buchs werdet Ihr wissen, was ich damit meine).

Fazit:

"Der Astronaut" kommt auf den ersten Blick als Bruder von "Der Marsianer" daher. Jedoch, wie es bei Brüdern oft so ist, beide sehen sich vielleicht ähnlich, aber sind doch so verschieden, jeder hat seine Eigenheiten, seinen ganz eigenen Charme.

Beide Romane von Weir haben mich begeister, gleichzeitig hat gerade "Der Astronaut" mich echt ergriffen und ich feiere "Andy Weir" dafür!

PS: Ob Ihr "Der Marsianer" kennt oder nicht kennt, egal, Ihr könnt hier und heute Anlauf nehmen, losrennen und am Ende des Sprungbretts abheben, um sodann im Weltraum mit "Der Astronaut" eine verdammt gute Zeit zu haben.

MITCH

Andy Weir
Der Astronaut
Übersetzt von Jürgen Langowski
Heyne Taschenbuch
Mai 2021 – 554 Seiten
ISBN: 3453321340

"Was ist zwei plus zwei? … Aus irgendeinem Grund ärgert mich die Frage. Ich bin müde. Beinahe schlafe ich wieder ein."

… und mit diesen Sätzen begann für mich eine so herrlich abenteuerliche und zugleich schöne Reise im All. Hab Dank Andy Weir für Deinen neuen Roman: "Der Astronaut"!

Um es vorneweg zu sagen: Ich liebe gute Ich-Erzählungen.

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Ein frommer Mörder

von am 22. September 2021 Kommentare deaktiviert für Ein frommer Mörder

Liam McIlvanney
Ein frommer Mörder
Heyne, München 2021, 448 Seiten
ISBN 978-3-453-44093-7

Im Jahr 1968 muss das alte Glasgow immer mehr den modernen Hochhäusern und Sozialsiedlungen weichen. Überall stehen Wohnungen leer und wird abgerissen. Die Polizei jagt außerdem den Quäker, einen Serienkiller, der Frauen in seinem frömmlerischen Wahn vergewaltigt und ermordet. Doch auch nach einem Jahr, drei Leichen sowie 50.000 Aussagen und Hinweisen aus der Bevölkerung haben die Polizisten keinen Durchbruch zu vermelden. Nun soll der aus den Highlands stammende Sonderermittler Duncan McCormack die damals teuerste Untersuchung in der Geschichte der schottischen Polizei prüfen, was ihm den Hass seiner Kollegen sichert. Gleichzeitig kommt ein Safeknacker dem Quäker-Fall nach einem erfolgreichen Bruch näher, als ihm lieb ist …

„Ein frommer Mörder“ ist ein ganz feiner Schottenkrimi, der vom realen Fall des Serienmörders Bible John inspiriert wurde – aber das ist noch nicht alles. Denn Liam McIlvanney, der in Neuseeland als Autor und Professor für Schottland-Studien arbeitet, ist der Sohn von William McIlvanney (1936–2015): Jenem schottischen Crime-Autor, der in den 1970ern mit seinen „Laidlaw“-Romanen den Tartan Noir bzw. den schottischen Hardboiled-Krimi begründete und den Weg für Bestsellerautor Ian Rankin und Co. ebnete. Und für „Ein frommer Mörder“, dessen deutscher Titel eine hübsche Alternative für „The Quaker“ darstellt, gewann Liam McIlvanney 2018 zurecht den schottischen Krimipreis, der inzwischen nach seinem Vater benannt ist.

Ian Rankin, das der Vollständigkeit halber, hat übrigens just den vierten nie vollendeten Laidlaw-Roman über den ersten Fall des legendären Ermittlers von McIlvaney Sr. zu Ende geschrieben, der im September als „The Dark Remains“ auf Englisch erschienen ist. Am Namen McIlvanney kommt man gerade wieder mal nicht vorbei, wenn man Krimis von der Insel schätzt.

Christian Endres

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Liam McIlvanney
Ein frommer Mörder
Heyne, München 2021, 448 Seiten
ISBN 978-3-453-44093-7

Im Jahr 1968 muss das alte Glasgow immer mehr den modernen Hochhäusern und Sozialsiedlungen weichen. Überall stehen Wohnungen leer und wird abgerissen. Die Polizei jagt außerdem den Quäker, einen Serienkiller, der Frauen in seinem frömmlerischen Wahn vergewaltigt und ermordet. Doch auch nach einem Jahr, drei Leichen sowie 50.000 Aussagen und Hinweisen aus der Bevölkerung haben die Polizisten keinen Durchbruch zu vermelden. Nun soll der aus den Highlands stammende Sonderermittler Duncan McCormack die damals teuerste Untersuchung in der Geschichte der schottischen Polizei prüfen,

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Sherlock Holmes und die Tigerin von Eschnapur

von am 20. September 2021 2 Kommentare

Christian Endres
SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR.
Illustrationen: Timo Kümmel
Stolberg, Atlantis, 2021, 240 S.
ISBN 978-3-86402-777-2 / 17,90 Euro
Hardcover

Nachdem Christian Endres in bisher zwei Büchern, die den Doyle-Helden Sherlock Holmes zum Protagonisten erkoren hatten, ausgiebig gezeigt hat, dass er dieser Figur sowohl in der kurzen Prosaform (2009 in der Story-Sammlung SHERLOCK HOLMES UND DAS UHRWERK DES TODES) als auch auf Romanlänge (SHERLOCK HOLMES UND DIE TANZENDEN DRACHEN, 2015) gerecht werden kann, darf die geneigte Leserschaft sich weitere sechs Jahre später erneut unter die Fittiche dieses äußerst talentierten Geschichtenerzählers begeben.

Seit der einzigartige Edgar Allan Poe vor fast zweihundert Jahren erstmals seinen C. Auguste Dupin als Ermittler auftreten ließ, wissen wir, dass es gerade die Kurzgeschichte ist, die sich für die Darstellung spannender Kriminalfälle und deren Lösung hervorragend eignet. Diese etwas in Vergessenheit geratene Tatsache wieder ins Bewusstsein der Leserinnen und Leser gerufen zu haben, ist nicht das kleinste Verdienst von Endres.

In seiner soeben erschienenen Kurzgeschichtensammlung SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR zieht er erneut alle Register und bittet den englischen Meisterdetektiv Holmes und seinen treuen Freund und Chronisten Dr. Watson zum Tanz.

Die Herausforderungen, denen sich das dynamische Duo stellen muss, reichen von weltbewegenden (da das Empire für die Briten ja „die Welt“ darstellt) Bedrohungen durch uraltes Geheimwissen hin zu Problemen mit exotischen Tieren, geheimnisvollen Todesfällen ohne erkennbare Ursachen und den Schwierigkeiten, die durch Langeweile oder Überarbeitung entstehen. Außerdem darf Holmes hin und wieder über seinen eigenen Schatten springen und sich mit „Klienten“ abgeben, denen er normalerweise die Tür gewiesen hätte, bzw. die ihn gar nicht zur Hilfe gerufen haben. Und dann muss er in „Unten am Fluss“, der anrührendsten Geschichte des Bandes, auch noch schweren Herzens Abschied nehmen von einem alten Weggefährten.

Das Buch enthält 15 Erzählungen, 24 Short-Short-Stories, ein Vorwort sowie einen Anhang mit kurzen Notizen des Autors zur Entstehungsgeschichte (plus einen „Hidden Track“). Für die sehr stimmige Umschlaggestaltung, die Innenausstattung und die diversen Illustrationen zeichnet Timo Kümmel verantwortlich.

Wer Holmes und Watson und Endres (oder auch nur einen davon) mag, sollte sich getrost über SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR hermachen – es bietet nicht nur Reisen in exotische Länder, fantastische Unterhaltung und schwarzhumorige Kabinettstückchen, sondern auch genügend Düsternis und Nebel um selbst Holmes-Puristen zufrieden zu stellen.

Horst Illmer

Christian Endres
SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR.
Illustrationen: Timo Kümmel
Stolberg, Atlantis, 2021, 240 S.
ISBN 978-3-86402-777-2 / 17,90 Euro
Hardcover

Nachdem Christian Endres in bisher zwei Büchern, die den Doyle-Helden Sherlock Holmes zum Protagonisten erkoren hatten, ausgiebig gezeigt hat, dass er dieser Figur sowohl in der kurzen Prosaform (2009 in der Story-Sammlung SHERLOCK HOLMES UND DAS UHRWERK DES TODES) als auch auf Romanlänge (SHERLOCK HOLMES UND DIE TANZENDEN DRACHEN, 2015) gerecht werden kann,

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ES

von am 15. September 2021 2 Kommentare

Stephen King
ES. Roman.
Übersetzt von Alexandra von Reinhardt, Joachim Körber
Heyne Taschenbuch
Februar 2011 – 1533 Seiten
ISBN: 9783453435773

"Der Schrecken, der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm –, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb."

Und so beginnt das Buch "ES", … für mich einer der besten und herausragenden Romane von Stephen King.

Ich selbst bin durch reinen Zufall auf den Titel gestoßen, als ich mir das US-amerikanisches Filmdrama des Regisseurs Josh Boone "Love Stories" im TV ansah. Der (übrigens recht gute) Film handelt von einer außergewöhnlichen Schriftstellerfamilie und deren Leben mit dem Schreiben: Für den Sohn – der selbst schreibt – ist Stephen King großes Vorbild und "ES" sein absolutes Lieblingsbuch, es ist das "beste Buch der Welt!". Irgendwie hat mich dann nicht nur dieser Film berührt, sondern auch der für mich schicksalshafte Fingerzeig auf "ES".

Also kaufte ich mir vor ein paar Jahren (das bei Heyne erschiene) Taschenbuch, dies obwohl ich schon die Verfilmung aus dem Jahr 1990 von "ES" kannte (die mich aber so gar nicht in Begeisterung hatte schwelgen lassen).

Uns so begann ich Kings "ES" zu lesen … und das Buch schlug mich absolut in seinen Bann.

Zum "äußeren Inhalt" will ich gar nicht viel sagen, denn viele dürften (wie ich) eine der Filmversionen bereits kennengelernt haben:

Derry, eine Kleinstadt, wird alle 28 Jahre vom ultimativen Bösen heimgesucht, es verschwinden Kinder, sterben Menschen. Als 1957 der kleine Bruder von Bill brutal von "ES" getötet wird und für die Außenwelt "verschwindet", beginnt für Bill und andere elfjährige Kinder eine Heldenreise … gemeinsam finden sich die Kinder, werden dabei Freunde, gehen durch dick und dünn und erforschen als Bande Vergangenheit und Wesen von "ES". Schlußendlich stellt sich der "Club der Verlierer" dem Monster und gemeinsam besiegen die Verlierer "ES" (jedenfalls vorläufig). Aber im Jahr 1985 scheint "ES" wieder aufzutauchen, zuerst durch einen Mord an einem homosexuellen Mann. Dann beginnen wieder, Kinder zu verschwinden. Die Freunde kommen als Erwachsene erneut in Derry zusammen und ein erbitterter (und verbitterter) Kampf gegen Vergessenes, Vergangenheit und Schrecken beginnt.

So, und an dieser Stelle möchte ich Eines loswerden, für alle die bislang nur die Filme kennen:

Alle Verfilmungen zu "ES" (denn ja, ich habe mir dann nach der Lektüre des Buchs auch die "neuen" ES-Filme angesehen – Teil1 aus 2017 und Teil2 aus 2019) beschränken sich bedauerlicherweise darauf, diese "äußere" Handlung irgendwie "abzuspulen", die Filmhandlung dabei mit irgendwelchen Horror- und Schocker-Elementen, die zudem oft gekünstelt und peinlich wirken, zu versalzen; die Inhalte der Verfilmungen weichem im Detail dann auch noch sehr stark von der Romanvorlage ab.

Die Filme sind mithin echt enttäuschend. So nicht aber – ganz im Gegenteil – das Buch!

Natürlich ist mir klar, dass eine Verfilmung mit anderen Wegen und Mitteln arbeiten muss, eben visuell und vertont, und dabei meist filmisch immer etwas "Anderes" geschaffen wird als die Romanvorlage. Aber das ist für mich hier nicht der springende Punkt. Denn jede gute Romanverfilmung (auch wenn sie vom Roman abweicht) hat aus meiner Sicht eine vordringliche Kardinalsaufgabe: Sie muss die "Seele und Essenz des Romans" transportieren!, wenn dies dem Film nicht gelingt, … dann (wie man so schön sagt) ist das "Thema verfehlt".

Vielen Verfilmungen von Stephen Kings Erzählungen gelingt dieser Seelentransport aber sehr gut, zu nennen sind bspw. "Die Verurteilten", "Misery", "The Green Mile", und "Stand by Me". Bei "ES" wiederum ist der Versuch einer guten Verfilmung leider vollkommen gescheitert.

Denn die Geschichte "ES" ist keine blosse in Bildern präsentierte "Horrorgeschichte", es ist aus meiner Sicht pure "Phantastik" auf ganz hohem Niveau.

Vor allem der "innere Inhalt" von Kings "ES" macht es zu einem glänzenden Werk: Der Roman ist von Stephen King nämlich so genial gewoben, wie ich es bislang nur selten in Büchern erleben durfte. Die Zeitsprünge passieren an genau der richtigen Stelle, die einzelnen Charaktere werden so detailreich, liebevoll und authentisch ausgebreitet, die Handlung spielt dabei wie eine gut gestimmte Gitarrenseite mal abwechselnd rasante und packende Töne, dann wieder tiefe und dichte Erzählerklänge. Es ist für mich ergreifend gewesen, wie die Kinder mit den Geschichten, Ängsten und Themen ihrer Herkunftsfamilien umgehen und (über)leben, wie sie sich anfreunden und darüber gemeinsam erstarken. Gleichzeitig ist es schaurig fesselnd, immer mehr über die Vergangenheit und Hintergründe von "ES" zu erfahren. Die beiden Showdowns der angeblichen "Verlierer" mit "ES" erzeugen dann eine unglaubliche Stimmung und die finale Auflösung zur Herkunft von "ES" ist pure phantastische "Phantastik".

Ich möchte hier abschließend appellieren an alle, die "ES" noch gar nicht kennen, und noch viel mehr an alle, die nur die "ES"-Filme kennen: Wagt den Sprung ins Buch, nach Derry, in die Jahre 1957 und 1985 und findet dort vielleicht Teile von Eurem eigenen "ES", denn genau dieser Fund ist für mich Seele und Essenz von Kings "ES" gewesen.

Übrigens, das Buch gewann 1987 den British Fantasy Society Award und war für den World Fantasy Award nominiert. Und erst im Februar 2011 erschien bei Heyne die erste Komplettübersetzung: Das Taschenbuch ist 1534 Seiten lang (und 860g schwer), wirbt aber kaum für die Tatsache, dass nun erstmals der komplette Text im Deutschen vorliegt. Nur der leicht zu übersehende Hinweis "Ungekürzte Neuausgabe" trägt dem Rechnung.

MITCH

Stephen King
ES. Roman.
Übersetzt von Alexandra von Reinhardt, Joachim Körber
Heyne Taschenbuch
Februar 2011 – 1533 Seiten
ISBN: 9783453435773

"Der Schrecken, der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm –, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb."

Und so beginnt das Buch "ES", … für mich einer der besten und herausragenden Romane von Stephen King.

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Science-Fiction 100 Seiten

von am 13. September 2021 2 Kommentare

Sascha Mamczak
SCIENCE-FICTION. 100 SEITEN.
Illustriert.
Ditzingen, Reclam, 2021, 102 S.
ISBN 978-3-15-020574-7 / 10,00 Euro
Kartoniert

Vor diesem Buch hatte ich ein wenig Bammel.
Einerseits schätze ich den Autor Sascha Mamczak als Verfasser einiger wohldurchdachter und philosophisch gut begründeter Essays, die er in regelmäßigen Abständen auf »diezukunft.de« veröffentlicht. Andererseits schrieb er 2014 mit dem Heyne-Jubiläumsband DIE ZUKUNFT. EINE EINFÜHRUNG ein Sachbuch, das mich, ob seines Pessimismus, zutiefst verstörte. Dann wiederum ist Mamczak als Nachfolger des legendären Wolfgang Jeschke seit vielen Jahren für das SF-Programm des Heyne Verlags zuständig (und das ist, trotz einiger Schwächen, immer noch das in seiner Breite und Vielfalt beste hierzulande). Zuletzt hat er sogar mit EINE NEUE WELT ein lesenswertes Jugendsachbuch geschrieben. Und jetzt also erklärt uns Sascha Mamczak „die“ Science Fiction auf den einhundert kleinformatigen Seiten eines Reclam-Bändchens?!
Etwas wofür der Kenner und Könner Dietmar Dath in seiner NIEGESCHICHTE weit mehr als den zehnfachen Platz benötigte. (Andererseits hat Dath die SUPERHELDEN in die „100 Seiten“-Reihe von Reclam gepackt – auch ’ne Überlegung wert.)
Einhundertundzwei Seiten später (die zwei Seiten mit „Lese- und Filmtipps“ wurden aus der Zählung rausgenommen) weiß ich gar nicht mehr, wovor ich eigentlich „Bammel“ hatte. Mamczaks Text ist außergewöhnlich gut durchkonzipiert. Er enthält alles, was ein Kenner der Materie als unverzichtbar ansehen würde. Er ist sehr gut lesbar und anschaulich geschrieben (inklusiver einiger weniger Abbildungen und Schautafeln, die zur Auflockerung eingestreut sind). Er betrachtet die Science-Fiction als Medienverbund und legt das Hauptaugenmerk auf die enge Verbindung von Text und Film, die beide Kunstformen seit ihren Anfängen prägt.
In vier Schritten (Grundlagen, Entwicklung, Etablierung, Ausblick) zeigt Mamczak seinen Lesern, was es braucht, um die Science-Fiction als genuin künstlerische Darstellung unserer Gegenwart (und Zukunft) zu erkennen. Und er zeigt auch, dass für „die“ Science Fiction weder 100 noch 1000 Seiten, noch ein ganzes Leben ausreichen.
So macht Zukunft wieder Spaß!

Horst Illmer

Sascha Mamczak
SCIENCE-FICTION. 100 SEITEN.
Illustriert.
Ditzingen, Reclam, 2021, 102 S.
ISBN 978-3-15-020574-7 / 10,00 Euro
Kartoniert

Vor diesem Buch hatte ich ein wenig Bammel.
Einerseits schätze ich den Autor Sascha Mamczak als Verfasser einiger wohldurchdachter und philosophisch gut begründeter Essays, die er in regelmäßigen Abständen auf »diezukunft.de« veröffentlicht. Andererseits schrieb er 2014 mit dem Heyne-Jubiläumsband DIE ZUKUNFT. EINE EINFÜHRUNG ein Sachbuch, das mich, ob seines Pessimismus, zutiefst verstörte. Dann wiederum ist Mamczak als Nachfolger des legendären Wolfgang Jeschke seit vielen Jahren für das SF-Programm des Heyne Verlags zuständig (und das ist,

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Bookboy

von am 8. September 2021 Kommentare deaktiviert für Bookboy

Ann-Kathrin Karschnick & Stefanie Mühlsteph (Hrsg.)
BOOKBOY.
24 Stunden im Leben eines Buchauslieferers.
Illustrationen von Angelika Barth
Meitingen, Verlag Torsten Low, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-96629-013-5 14,90 Euro
Kartoniert

Völlig anders als gewohnt (und ohne die Pandemie, bzw. den Lockdown kaum vorstellbar) präsentiert sich die von Ann-Kathrin Karschnick und Stefanie Mühlsteph zusammengestellte Themenanthologie BOOKBOY – 24 STUNDEN IM LEBEN EINES BUCHAUSLIEFERERS.
Die in den letzten zwei Jahren für viele kleine Buchhandlungen überlebensnotwendig gewordene Serviceleistung der taggleichen „Direktbelieferung“ führte wohl vielerorts dazu, dass sich alltäglich unzählige Fahrradkuriere (je nach Fitnessgrad sogar die Buchhändler selbst) aufmachten und die begehrte Ware direkt zum Kunden brachten. (Und wer sein Leben nicht als Postbote fristet, weiß gar nicht, wie glücklich die Menschen dreinschauen, wenn’s „zweimal klingelt“.)
Der „Held“ dieser ungewöhnlichen Story-Sammlung jedenfalls trägt den Namen Fabius, ist „Bookboy“ der Buchhandlung Leseratte, und erlebt in den 25 Geschichten, in denen wir ihn während eines beispielhaften Tags begleiten, genauso viele Abenteuer wie er Bücher an die Frau bzw. den Mann (und was ihm sonst noch die Tür öffnet) bringt.
Neben einem Vorwort der Herausgeberinnen setzt der Verleger selbst mit gleich drei Texten den Rahmen, während die anderen Autorinnen und Autoren (mit dabei u. a. T. S. Orgel, Torsten Scheib und Katja Richter) im Stundentakt einzelne Episoden präsentieren, sodass BOOKBOY fast zu einem Episodenroman wird. Hübsches Detail am Rande: Der Umschlag und die aufwändige Buchgestaltung, inklusive zweier Porträts des Buchhändlers und von Fabius, stammen von Angelika Barth.
Ein rundum gelungenes Experiment.

Horst Illmer

Ann-Kathrin Karschnick & Stefanie Mühlsteph (Hrsg.)
BOOKBOY.
24 Stunden im Leben eines Buchauslieferers.
Illustrationen von Angelika Barth
Meitingen, Verlag Torsten Low, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-96629-013-5 14,90 Euro
Kartoniert

Völlig anders als gewohnt (und ohne die Pandemie, bzw. den Lockdown kaum vorstellbar) präsentiert sich die von Ann-Kathrin Karschnick und Stefanie Mühlsteph zusammengestellte Themenanthologie BOOKBOY – 24 STUNDEN IM LEBEN EINES BUCHAUSLIEFERERS.
Die in den letzten zwei Jahren für viele kleine Buchhandlungen überlebensnotwendig gewordene Serviceleistung der taggleichen „Direktbelieferung“ führte wohl vielerorts dazu,

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