Science Fiction

Adventskalender 2023 T-24: Immer nach Hause

von am 30. November 2023 1 Kommentar

GerdHeute beginnt unser alljährlicher Adventskalender. Zusätzlich zu unseren "normalen" Rezensionen gibt es bis Heilig Abend täglich einen Tipp für eure Wunschzettel oder eine Idee zum verschenken. Ergänzt werden diese Beiträge durcch unsere Podcasts, die in der Adventszeit auch jeweils um diese Themen kreisen. Ideen und Tipps fürs Weihnachtsfest. Der erste Beitrag in diesem Jahr bildet gleichzeitig den Abschluss für Horsts Serie über die erste Welle von Veröffentlichungen aus einem neuen Verlag mit einem neuen Konzept. Horst hat bereits vor dem Adventskalender begonnen, euch die Werke des Carcosa Verlages vorzustellen. Mit dem heutigen Artikel schließt er diese Serie ab und bespricht gleichzeitig sein ganz persönliches Highlight aus diesem Programm. Ein würdiger Einstieg in unsere Adventstipps:

Ursula K. Le Guin
IMMER NACH HAUSE. Roman.
Deutsche Erstausgabe
Übersetzt von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch
Mit Illustrationen von Margaret Chodos-Irvine und Landkarten der Autorin
(ALWAYS COMING HOME / 1985/2019)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 859 S.
ISBN 978-3-910914-00-1
Hardcover / 48,00 Euro (Subskriptionspreis bis 1.5.2024, danach 58,00 Euro)

Vor mir liegt ein schon äußerlich gewichtiges Buch. Der freundlich hellbraune Einband trägt in sehr klarer Schrift den Namen der Autorin und den Titel IMMER NACH HAUSE. Dazwischen nimmt eine Illustration aus dem Hause benSwerk prominent ihren Platz ein.

Wer das Hardcover in die Hand nimmt und die 850 Seiten durch die Finger laufen lässt, erblickt ein- und mehrspaltig bedruckte Seiten, Bilder, Karten, Tabellen; wer Stichproben liest, findet Prosa, Gedichte, Stammbäume, sogar ein Wörterbuch.

Wer aber, wie das bei einem Roman ja üblich ist, von vorne beginnt, liest die Geschichte vom Volk der Kesh und wie diese Leute in der Zukunft versucht haben werden, mit der Welt zurecht zu kommen, die wir heute Lebenden ihnen hinterlassen. Die Kesh sind nicht isoliert, um ihr Siedlungsgebiet im Na-Tal (im dann ehemaligen Nordkalifornien gelegen) herum gibt es andere Stämme, Völker, Leute – und als gleichberechtigten Protagonisten die Natur.

Das Leben unserer Nachfahren wird uns hauptsächlich von Erzählstein näher gebracht, einer Kesh-Frau, die aus eigenem Entschluss fortgeht von ihren Leuten, die viel erlebt auf ihrer Reise – und am Ende dann doch für „immer nach Hause“ kommt.

Zusätzlich hat das Buch mit Pandora, der von Fernher gekommenen Sammlerin, eine allwissende Kommentatorin, deren Einlassungen wir das erzählerische Raum-Zeit-Koordinatennetz ebenso verdanken wie die übrigen Geschichten der Kesh, ihre Theaterstücke, ihre Kunstwerke, die Beschreibungen der Riten und Tänze, der Hütten und Plätze, der Tiere und Sträucher, der Jahreszeiten und Umweltgefahren, all der Dinge, die wir wissen wollen, um unser Bild dieser letztlich utopischen Gesellschaft zu vervollständigen.

(Wobei der Begriff »utopisch« im a-historischen Sinn gebraucht wird, da ja gerade die für eine Utopie typische Insel-Situation hier nicht gegeben ist. Es handelt sich vielmehr um Le Guins Vision einer möglichen Lebensweise für Leute, die im Einklang mit ihrer Welt sind.)

Aus all diesen Details ergibt sich ein überaus stimmiges, immer klarer und bunter werdendes Bild einer Gesellschaft, die sich von der unseren in vielen Punkten unterscheidet, von Le Guin aber mit so viel Mitgefühl und Empathie geschildert wird, dass wir diese Unterschiede ganz oft vergessen und hinein tauchen in ein überaus reiches und lebenswertes Dasein. Es gibt nur wenige Hinweise auf die weit zurückliegenden Ereignisse und was seither geschah oder welche „Vergangenheits-Technik“ noch in Gebrauch ist, es empfiehlt sich also ein langsames und aufmerksames Lesen.

Ja, man muss sein Gehirn schon einschalten bei der Lektüre dieses Buches, aber wer bereits andere Werke von Le Guin gelesen hat, weiß, dass das kein Problem darstellt, denn beim Lesen ihrer Texte aktiviert sich das Denken automatisch. Wer jemals in FREIE GEISTER oder DIE LINKE HAND DER DUNKELHEIT versunken ist, weiß zudem, dass dieses „Selbstdenken“ kein Hindernis darstellt, für das herzerwärmende Gefühl, mit einer lieben Freundin im Gespräch zu sein. Am Ende schließen wir das Buch mit einem zufriedenen, dankbaren, vielleicht sogar glücklichen Lächeln im Gesicht.

Dass dies so ist, dass diese Ausgabe von IMMER NACH HAUSE in der vorliegenden Form tatsächlich so gelungen ist, verdankt sich gleich mehreren glücklichen Zufällen. Zum einen konnte Le Guin vor einigen Jahren ihr Opus Magnum nochmals durchsehen und deutlich erweitern. Zum anderen gelang es, mit Karen Nölle als literarische Übersetzerin, Helmut W. Pesch als Linguist und Matthias Fersterer als an Umweltthemen und Mythologie interessierter Verleger und Übersetzer ein Team zusammenzustellen, wie es für dieses Buch nicht optimaler hätte sein können. Mit welchen Herausforderungen die Übersetzerriege konfrontiert war und auf welch stimmig-kreative Lösungen sie dafür kamen, zeigt beispielhaft bereits der erste Satz:

  • »Die Leute in diesem Buch könnten einst lang, lang nach unserer Zeit in Nordkalifornien gelebt haben werden.« (S. 13)

Hier zeigt die Autorin auf, was sie mit „Zukunftsarchäologie“ meint: eine in die Zukunft verlegte Betrachtung bereits Geschichte gewordener Ereignisse; echte, literarisch ausgefeilte Science Fiction. Auch für die Übersetzung des Roman-Titels ALWAYS COMING HOME gab Le Guin den entscheidenden Hinweis, handelt es sich doch um ein englischsprachiges Zitat aus dem Romanfragment HEINRICH VON OFTERDINGEN von Novalis, das im deutschen Originaltext „immer nach Hause“ lautet. Gemeinsam konnten die Übersetzer*innen alle durch das Original aufgeworfenen Fragen klären und so diese nicht genug zu lobende deutsche Fassung erstellen.

Dass wir diese herrlich fließende und dabei gleichzeitig wohldurchdachte und intelligent konstruierte Prosa nun endlich auch in unserer Muttersprache lesen dürfen, macht IMMER NACH HAUSE nicht zum Buch des Jahres, sondern zum Buch des Jahrzehnts!

Horst Illmer

GerdUnd noch eine interessante Ergänzung zu diesem Artikel. Ich habe diesen Artikel von Horst zusammen mit einer weitergeleiteten e-mail bekommen. Aus dem Hause "Memoranda Verlag" (welcher das Imprint Carcosa Verlag mit betreut) von Hardy Kettlitz persönlich (am Vorabend des Sendetermins). Aktuell ist die Sendung in der Mediathek zu finden. Den Inhalt dieser e-mail wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten:

"Hallo ihr Lieben,

nur zur Info, falls ihr am Sonntag gegen 23:35 Uhr noch nichts vorhabt:
Denis Scheck stellt in DRUCKFRISCH (ARD) unser Buch „Immer nach Hause“ von Ursula K. Le Guin vor.
https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/sendung-vom-19-11-2023-104.html
Unser Lieblingssatz:
»›Immer nach Hause‹ hat das Potenzial, zu einem ›Herrn der Ringe‹ einer ökologisch alarmierten Generation zu werden.«

Herzliche Grüße
Hardy."

 

Heute beginnt unser alljährlicher Adventskalender. Zusätzlich zu unseren "normalen" Rezensionen gibt es bis Heilig Abend täglich einen Tipp für eure Wunschzettel oder eine Idee zum verschenken. Ergänzt werden diese Beiträge durcch unsere Podcasts, die in der Adventszeit auch jeweils um diese Themen kreisen. Ideen und Tipps fürs Weihnachtsfest. Der erste Beitrag in diesem Jahr bildet gleichzeitig den Abschluss für Horsts Serie über die erste Welle von Veröffentlichungen aus einem neuen Verlag mit einem neuen Konzept. Horst hat bereits vor dem Adventskalender begonnen,

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Das lange Morgen

von am 29. November 2023 Kommentare deaktiviert für Das lange Morgen

Leigh Brackett
DAS LANGE MORGEN. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Hannes Riffel
(THE LONG TOMORROW / 1955)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 284 S.
ISBN 978-3-910914-04-9
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Die 1915 geborene Leigh Brackett war eine der ersten Frauen, die erfolgreich Science-Fiction-Geschichten schrieben, und sie blieb dem Genre ein Leben lang treu. Allerdings verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zusätzlich in Hollywood mit dem Schreiben von Drehbüchern, darunter solche Klassiker wie RIO BRAVO und THE EMPIRE STRIKES BACK.

Wie damals üblich begann sie Anfang der 1940er Jahre mit Kurzgeschichten die später zu Romanen zusammengefasst und als Taschenbücher veröffentlicht wurden. 1955 allerdings gelang ihr mit THE LONG TOMORROW ein Meisterwerk, das bei Doubleday sofort als Hardcover veröffentlicht wurde.

Der Roman spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, in denen die USA sich nach einem Atomkrieg in einer Phase des Neubeginns befinden, die vor allem von Landwirtschaft und Religion geprägt wird. Großstädte, Technik und Erfindungsgeist sind verpönt und werden unterdrückt. In dieser restriktiven Gesellschaft regen sich bei dem jungen Len Colter, angestachelt von seinem Vetter Esau, Widerspruchsgeist und Abenteuerlust. Gemeinsam verlassen sie ihr Heimatdorf und ziehen los, um die sagenumwobene Technikmetropole Bartorstown zu suchen …

Brackett gelingt es in ihrem Entwicklungsroman die Balance zu halten zwischen spannendem Abenteuer, psychologisch fundierten Einblicken in die Vorstellungswelten ihrer Protagonisten und den Argumenten für und gegen einen neuen technischen Fortschritt. Als Anregung für ihre ländliche Agrargesellschaft dienten ihr eine Gemeinde der Amish, die sie kennen lernte als sie mit ihrem Mann Edmond Hamilton nach Ohio gezogen war.

Auf Deutsch erschien das Werk erstmals 1959 unter dem Titel AM MORGEN EINER ANDEREN ZEIT in der Heftromanreihe UTOPIA-Großband. Sowohl diese Ausgabe als auch die 1983 erschienene Neuausgabe als UTOPIA-Taschenbuch sind stark gekürzt und fürchterlich bearbeitet.

Umso verdienstvoller ist deshalb die Veröffentlichung bei Carcosa, die von Hannes Riffel neu übersetzt wurde und den Titel DAS LANGE MORGEN trägt. Erstmals ungekürzt und mit dem nötigen Respekt übertragen, kann sich hier Bracketts Erzählkunst voll entfalten. Wenn Len am Ende des Buches gemeinsam mit seiner Frau um die Erkenntnis ringt, welchen Weg sie gemeinsam gehen sollen, wo die Zukunft ihrer Kinder liegen soll, dann ist diese Szene so intensiv nachfühlbar wie dies nur bei wirklich guter Literatur möglich ist. Mit DAS LANGE MORGEN findet ein großes Werk der US-amerikanischen Science Fiction endlich seinen Weg zu uns.

Horst Illmer

Leigh Brackett
DAS LANGE MORGEN. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Hannes Riffel
(THE LONG TOMORROW / 1955)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 284 S.
ISBN 978-3-910914-04-9
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Die 1915 geborene Leigh Brackett war eine der ersten Frauen, die erfolgreich Science-Fiction-Geschichten schrieben, und sie blieb dem Genre ein Leben lang treu. Allerdings verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zusätzlich in Hollywood mit dem Schreiben von Drehbüchern, darunter solche Klassiker wie RIO BRAVO und THE EMPIRE STRIKES BACK.

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Babel-17

von am 27. November 2023 Kommentare deaktiviert für Babel-17

Samuel R. Delany
BABEL-17. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Jakob Schmidt
(BABEL-17 / 1966/2001)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 250 S.
ISBN 978-3-910914-02-5
Klappenbroschur / 20,00 Euro

Samuel R. Delany, Jahrgang 1942 und damit dreizehn Jahre jünger als Ursula K. Le Guin, kann mit einigem Recht in Anspruch nehmen, sowohl in seinen literarischen wie in seinen theoretischen Werken der US-amerikanische Autor zu sein, der Le Guin in jeder Weise am nächsten kommt. Aufgrund persönlicher Umstände begannen beide fast gleichzeitig mit dem veröffentlichen von Science Fiction, beide schrieben gleichermaßen Kurzgeschichten, Romane, Essays, Buchbesprechungen und Sachbücher. Beide waren enorm politisch und lieferten Texte, auf die sich Aktivist*innen aus den Bereichen Feminismus, Gender und Umweltschutz auch heute noch berufen – aber auch ebenso kluge Beiträge zur Linguistik und Philologie.

Als gelungenster Beitrag Delanys zur Sprachtheorie gilt sein überaus lesenswerter und spannender Science-Fiction-Roman BABEL-17 aus dem Jahr 1966, für den er mit dem Nebula Award ausgezeichnet wurde. Für die Aufnahme von BABEL-17 in das erste Programm von Carcosas „phantastischer Weltliteratur“ spricht also einiges: obwohl es bereits drei Taschenbuchausgaben des Textes gibt, ist das Buch seit über 25 Jahren vergriffen; zudem gelten die frühen amerikanischen Ausgaben als „korrupt“, da Delanys Manuskript sowohl Verlag wie Setzer überforderten, was der Autor erst bei späteren Ausgaben berichtigen konnte, sodass Jakob Schmidt bei seiner Neuübersetzung auf eine überarbeitete Fassung aus dem Jahr 2001 zugreifen konnte.

Die Heldin dieser als Space Opera getarnten Übung in linguistisch-semiotischer Fantasie ist Rydra Wong, eine Verbeugung Delanys vor seiner damaligen Ehefrau, der Dichterin Marilyn Hacker, deren Gedichte im Buch auch immer wieder zitiert werden. In einer weit entfernten Zukunft wird Wong vom Generalstab der Vereinigten Menschheit rekrutiert, da die galaxisweit verehrte Linguistin und Dichterin als letzte Hoffnung im intergalaktischen Krieg mit einer fast allmächtig scheinenden feindlichen Macht gilt. Tatsächlich gelingt es ihr, einen Teil der „Feindsprache Babel-17“ zu entschlüsseln und so macht sie sich auf, um im Hauptkampfgebiet ihre Theorien zu überprüfen …

Dann stellt sich jedoch heraus, dass „Babel-17“ die eigentliche Waffe ist: die Verwendung dieser Sprache ist wirklichkeitskonstituierend, d.h. was in ihr mitgeteilt wird, geschieht. Nur Wongs zusätzliche Fähigkeit der Telepathie rettet sie vor der Vernichtung und ermöglicht es ihr letztlich eine Chance für ein Ende des Krieges zu finden. Dann schreibt sie „das beste Stück Prosa“ ihrer Karriere.

Damit werden die weiteren Gründe für die Veröffentlichung von BABEL-17 ersichtlich: dass wir dieses tolle Buch endlich einmal (wieder) lesen können – und um es allen in die Hand zu drücken, die uns fragen, ob wir ihnen ein Science-Fiction-Werk zeigen können, dass es mit der besten zeitgenössischen Hochliteratur aufnehmen kann. Yes We Can!

Horst Illmer

Samuel R. Delany
BABEL-17. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Jakob Schmidt
(BABEL-17 / 1966/2001)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 250 S.
ISBN 978-3-910914-02-5
Klappenbroschur / 20,00 Euro

Samuel R. Delany, Jahrgang 1942 und damit dreizehn Jahre jünger als Ursula K. Le Guin, kann mit einigem Recht in Anspruch nehmen, sowohl in seinen literarischen wie in seinen theoretischen Werken der US-amerikanische Autor zu sein, der Le Guin in jeder Weise am nächsten kommt.

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Vor der Revolution

von am 22. November 2023 2 Kommentare

Hannes Riffel (Hrsg.)
VOR DER REVOLUTION.
Ein phantastischer Almanach – Erste Folge.
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 278 S.
ISBN 978-3-910914-08-7
Klappenbroschur / 18,00 Euro

So etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ein neuer Verlag, spezialisiert auf herausragende Science Fiction, die mehr als bloße Unterhaltung bietet, auf Bücher, die zu Freunden fürs Leben werden, auf Lektüren, die die eigene Weltbetrachtung verändern, auf Geschichten, die Herz und Verstand gleichermaßen er­greifen und nicht mehr loslassen. Ein solcher Verlag ist Carcosa, der im Oktober 2023 sein erstes Programm herausbrachte, das aus vier absolut lesenswerten Romanen von Ursula K. Le Guin, Samuel R. Delany, Leigh Brackett und Gene Wolfe besteht.

Zur Abrundung eines solchen Programms bedarf es dann natürlich auch eines Mediums für kürzere Sachtexte (Interviews, Artikel, Essays usw.) und für Kurzgeschichten. Die literarische Form, die dafür am besten geeignet scheint, ist seit Jahrhunderten der Almanach – und damit hat Hannes Riffel früher schon gute Erfahrungen gemacht, erschienen unter seiner Ägide doch zwei Bände DAS SCIENCE FICTION JAHR und fünf Ausgaben von Pandora.

Bei Carcosa trägt die erste, von Riffel zusammengestellte, Almanach-Folge den Titel VOR DER REVOLUTION und zeugt von der riesigen Erfahrung dieses Herausgebers. Wie eine „Klammer“ umschließen die dreizehn Beiträge dieses erste Verlagsprogramm und bieten dabei zugleich auch schon qualifizierte Ausblicke auf das kommende.

Natürlich erklärt Riffel in seiner „Vorrede“ erst einmal das Wie? Wo? Was? und Warum? von Verlag und Programm und leitet dann über zur ersten Story, „Ein Einwohner von Carcosa“ von Ambrose Bierce, wobei sich auch der Verlagsname erklärt.

Es folgen nun eine Reihe von Texten, die in den meisten anderen Verlagen als Vor- bzw. Nachworte in den jeweiligen Romanen erschienen – und dort untergegangen – wären: So schreibt Julie Phillips über ihre Begegnung mit Ursula K. Le Guin (von der sich dann, ganz zwanglos, drei Stories anschließen), Helmut W. Pesch stellt Leigh Brackett als „Königin der Space Opera“ vor, Christopher Ecker beschäftigt sich mit den Rätseln, die Gene Wolfe in DER FÜNFTE KOPF DES ZERBERUS aufwirft und Clemens J. Setz macht „Bemerkungen über Samuel R. Delany“. Von Delany stammt dann auch die Novelle IMPERIUMSSTERN, die für die Neuveröffentlichung noch einmal von Autor und Herausgeber durchgesehen wurde.

Die noch verbleibenden Beiträge von Alec Pollak (über Joanna Russ), Karlheinz Steinmüller (über Erik Simon) und Dietmar Dath (über Alan Moore) weisen auf Geplantes hin, darunter eine Werkausgabe der Prosatexte von Joanna Russ und der Mega-Monumental-Riesen-Roman JERUSALEM, mit dem sich Alan Moore von seinen Wurzeln als Comic-Texter freischwimmen wollte.

Als Anthologie besteht VOR DER REVOLUTION durchaus alleine, so viele lesenswerte Texte sind in jedem Fall vorhanden, aber als Verlags-Almanach ist er zugleich die perfekte Ergänzung zu jedem der vier Romane – und außerdem noch Appetitanreger für die nächsten Bücher mit „phantastischer Weltliteratur“ (so der bescheidene Verlags-Slogan).

Horst Illmer

Hannes Riffel (Hrsg.)
VOR DER REVOLUTION.
Ein phantastischer Almanach – Erste Folge.
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 278 S.
ISBN 978-3-910914-08-7
Klappenbroschur / 18,00 Euro

So etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ein neuer Verlag, spezialisiert auf herausragende Science Fiction, die mehr als bloße Unterhaltung bietet, auf Bücher, die zu Freunden fürs Leben werden, auf Lektüren, die die eigene Weltbetrachtung verändern, auf Geschichten, die Herz und Verstand gleichermaßen er­greifen und nicht mehr loslassen.

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Julia

von am 20. November 2023 Kommentare deaktiviert für Julia

Sandra Newman
JULIA. Roman.
Ü: Karoline Hippe
(JULIA / 2023)
Köln, Eichborn, 2023, 445 S.
ISBN 978-3-8479-0156-3 / 24,00 Euro
Hardcover

Über das Leben von Winston Smith, dem tragischen „Helden“ in George Orwells Jahrhundertbuch 1984, wissen wir so gut wie alles – schließlich konnten wir nicht nur sein Tagebuch lesen, sondern waren auch Zeugen seiner Vernehmung durch die Gedankenpolizei und der Gespräche mit seiner Geliebten Julia.

Aber wie sieht es denn mit Julia selbst aus? Woher kommt sie? Welche Geschichte steckt hinter der selbstbewussten Fassade der Systemverächterin und Sex liebenden Semi-Revolutionärin, die ihr Schicksal so selbstverständlich mit dem von Smith verkettet?

Diese Fragen beantwortet ausführlich der soeben erschienene Roman JULIA der amerikanischen Autorin Sandra Newman. Denn in Julias Leben, das hier konsequent aus ihrer Sicht erzählt wird, ist die gemeinsam mit Smith verbrachte Zeit nur eine (wenngleich eine wichtige) Episode. Newman gibt auch Julias früheren Entwicklung und der Zeit nach dem Folterkeller genügend Raum, in dem sich eine verblüffend andere Person zeigt, als der orwellsche Text impliziert.

Und so ist der Roman JULIA, in dem eine der bekanntesten Geschichten des 20. Jahrhunderts eine neue, andere, weibliche Deutung erfährt, eines der überraschendsten Bücher des Jahres 2023 geworden!

Horst Illmer

Sandra Newman
JULIA. Roman.
Ü: Karoline Hippe
(JULIA / 2023)
Köln, Eichborn, 2023, 445 S.
ISBN 978-3-8479-0156-3 / 24,00 Euro
Hardcover

Über das Leben von Winston Smith, dem tragischen „Helden“ in George Orwells Jahrhundertbuch 1984, wissen wir so gut wie alles – schließlich konnten wir nicht nur sein Tagebuch lesen, sondern waren auch Zeugen seiner Vernehmung durch die Gedankenpolizei und der Gespräche mit seiner Geliebten Julia.

Aber wie sieht es denn mit Julia selbst aus?

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Der fünfte Kopf des Zerberus

von am 13. November 2023 Kommentare deaktiviert für Der fünfte Kopf des Zerberus

Gene Wolfe
DER FÜNFTE KOPF DES ZERBERUS. Novellen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel
(THE FIFTH HEAD OF CERBERUS / 1972)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 296 S.
ISBN 9783910914063
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Gene Wolfe hat ein Roman-Puzzle geschrieben (man könnte auch „Novellen-Zyklus“ oder „Mosaikroman“ dazu sagen), welches jeder Leser in seinem Kopf selbst zusammenfügen muss. Da Wolfe dafür keine Vorlage liefert, und die Einzelteile manchmal gar nicht, manchmal aber auch an vielen Stellen zusammenpassen, könnte es sein, dass am Ende genau so viele Romane existieren wie das Buch Leser hat. Allerdings besteht Wolfes Genie darin, dass alle Leser mit ihrer Version dieses Puzzles zufrieden sein können.

Der Bezugspunkt aller drei Geschichten ist die Verortung in einem Doppel-Planeten-System (Sainte Anne & Sainte Croix), das vor etwas mehr als zweihundert Jahren von Menschen besiedelt wurde. Es gab wohl Ureinwohner, allerdings scheinen sie ausgestorben zu sein. Dr. John V. Marsch, ein Forscher von der Erde, der nach eventuell noch lebenden „Abos“ oder den Spuren ihrer untergegangenen Zivilisation suchen will, reist nach einem längeren Aufenthalt auf Sainte Anne weiter nach Sainte Croix.

In der ersten Novelle („Der fünfte Kopf der Zerberus“) erzählt ein junger Mann in Ich-Form von seiner Kindheit und Jugend im Haus seines Vaters, das sowohl ein Bordell wie ein Gen-Labor enthält und in dessen weitläufigen Korridoren nicht nur der Junge (den sein Vater nur „Nummer Fünf“ nennt) und sein Bruder leben, sondern auch ein Roboter, der die Kinder unterrichtet, sowie deren behinderte Tante, die eine anerkannte Anthropologien ist. Im Verlauf der Handlung entwickelt Nummer Fünf die Überzeugung, dass er seinen Vater töten müsse, bevor dieser ihn intellektuell zerstört, und führt dieses Vorhaben dann auch aus. Kurz vorher kommt ein Anthropologe namens Dr. Marsch zu Besuch, der sich bei Tante und Vater nach den Ureinwohnern des Planeten erkundigt.

Der zweite Teil („»Eine Geschichte« von John V. Marsch“) erzählt in Form einer Sage vom Leben der Ureinwohner. Diese waren wohl Gestaltwandler und zugleich unfähig Werkzeuge zu benutzen. Trotzdem besaßen sie eine reiche Kultur, in der Träume und Naturverbundenheit sehr wichtig waren. Diese Erzählung endet mit der Landung des ersten Raumschiffs von der Erde.

Die dritte und umfangreichste Novelle („V.R.T.“) besitzt die komplexeste Form: In eine Rahmenhandlung (ein Offizier soll Prozessunterlagen prüfen) eingefügt lesen wir verschiedene, zeitlich und formal ungeordnete und vermengte, Texte, die Aufschluss geben sollen über das Schicksal von Dr. Marsch. Dieser hat vor seinem Eintreffen auf Sainte Croix auf dem Schwesterplaneten Sainte Anne eine Expedition unternommen, dafür einen Führer engagiert, und ist für drei Jahre im unbesiedelten Hinterland verschwunden, um die Spuren der Ureinwohner (oder diese selbst) zu suchen. Bei seiner Rückkehr erklärt er, sein Führer sei tot, nimmt ein Raumschiff nach Sainte Croix und will an der dortigen Universität seine Forschungsergebnisse vorstellen. Allerdings wird er von der Geheimpolizei verhaftet und monatelang verhört. Alle persönlichen Aufzeichnung von Dr. Marsch sowie die Verhörprotokolle erhält nun besagter Offizier zur Kenntnis und Stellungnahme. Allerdings beschäftigt er sich nur sehr oberflächlich mit dem Material, sodass sich am Ende ein recht löchriges Gesamtbild ergibt, dessen Lücken Raum für eine Vielzahl von Interpretationen lassen.

Obwohl ich das Buch vor vielen Jahrzehnten bereits ein erstes Mal gelesen hatte, besaß ich keinerlei Erinnerungen mehr an Details, sondern nur ein Gefühl von positiver Erwartung. Bereits nach wenigen Seiten war ich erneut im Buch gefangen und mir sicher, dass es sich hierbei um ein absolutes Meisterwerk handelt. Diesmal ist mir so richtig klar geworden, wie viele Ebenen diese komplexe Konstruktion beinhaltet. Es ist am Ende nicht einmal klar, wann die ersten Raumschiffe auf einem der Planeten gelandet sind, auf welcher Welt einige der Szenen angesiedelt sind, ob die Abos auf beiden Planeten lebten (oder noch leben), welche politischen Machtverhältnisse es zum Erzählzeitpunkt gibt usw.
Dieses faszinierende Werk verlangt geradezu nach weiterer „Durchdringung“.

Horst Illmer

Gene Wolfe
DER FÜNFTE KOPF DES ZERBERUS. Novellen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel
(THE FIFTH HEAD OF CERBERUS / 1972)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 296 S.
ISBN 9783910914063
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Gene Wolfe hat ein Roman-Puzzle geschrieben (man könnte auch „Novellen-Zyklus“ oder „Mosaikroman“ dazu sagen), welches jeder Leser in seinem Kopf selbst zusammenfügen muss. Da Wolfe dafür keine Vorlage liefert, und die Einzelteile manchmal gar nicht, manchmal aber auch an vielen Stellen zusammenpassen,

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Science Fiction Art & Kalendergeschichten 2024

von am 8. November 2023 Kommentare deaktiviert für Science Fiction Art & Kalendergeschichten 2024

Marianne Labisch, Mario Franke & Uli Bendick (Hrsg.)
SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024.
Illustrationen: Mario Franke & Uli Bendick
Verlag Torsten Low, 2023, 14 Blätter
Querformat 42 x 30 cm, Spiralbindung mit Aufhänger / 19,90 Euro

Es mag auf den ersten Blick eine merkwürdige Zusammenstellung sein: die auf ihren Ewigkeitswert setzende Literatur und der auf Tagesaktualität und Vergänglichkeit hin ausgerichtete Kalender – wenn die Verbindung von Beidem dann allerdings so aussieht wie der von der Schriftstellerin Marianne Labisch und den Künstlern Mario Franke und Uli Bendick zusammengestellte Wandkalender SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024 dann wird daraus mit einem Mal eine unauflösliche und harmonische Symbiose.

Die Frontseiten des Kalendariums schmücken abwechselnd je sechs farbige Bilder von Bendick und Franke. Auf den Rückseiten derselben (inklusive des Deckblattes) finden sich dann 13 Science-Fiction-Geschichten von den derzeit wohl besten deutschsprachigen Autor*innen; nämlich, in alphabetischer Reihenfolge, Corinna Griesbach, Isabell Hemmrich, Anke Höhl-Kayser, Heidrun Jänchen, Marianne Labisch, Karin Leroch, Monika Loerchner, Tessa Maelle, Aiki Mira, Monika Niehaus, Ellen Norten, Janika Rehak und Yvonne Tunnat. Alle Stories haben zudem noch jeweils eine Schwarzweiß-Illustration.

Der großformatige (DIN A3) Kalender erschien überraschender Weise im Verlag von Torsten Low, der ja nicht nur für seine „Bissiger Verleger“-T-Shirts, sondern auch für seine überaus kleinformatigen Bücher bekannt ist. Zur Ausstattung gehören noch ein fester Karton für die Stabilität, zwei durchsichtige Schutzfolien vorne und hinten sowie ein Blatt mit biografischen Kurzporträts der Beteiligten.

Wer noch keinen Wandkalender für das nächste Jahr hat oder noch irgendwo einen unterbringen kann, wer nach einem ausgefallenen Geschenk sucht oder einfach auch nur gerne gute Kurzgeschichten liest (das Projekt könnte auch als illustrierte Anthologie durchgehen), wer die Science Fiction sowohl als Literatur wie als Kunst liebt, kann an SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024 einfach nicht vorbei.
Und für Sammler ist dieses Objekt sowieso unverzichtbar.

Horst Illmer

Marianne Labisch, Mario Franke & Uli Bendick (Hrsg.)
SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024.
Illustrationen: Mario Franke & Uli Bendick
Verlag Torsten Low, 2023, 14 Blätter
Querformat 42 x 30 cm, Spiralbindung mit Aufhänger / 19,90 Euro

Es mag auf den ersten Blick eine merkwürdige Zusammenstellung sein: die auf ihren Ewigkeitswert setzende Literatur und der auf Tagesaktualität und Vergänglichkeit hin ausgerichtete Kalender – wenn die Verbindung von Beidem dann allerdings so aussieht wie der von der Schriftstellerin Marianne Labisch und den Künstlern Mario Franke und Uli Bendick zusammengestellte Wandkalender SCIENCE FICTION ART &

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Meine wirklich schönen Bücher 2023

von am 30. Oktober 2023 Kommentare deaktiviert für Meine wirklich schönen Bücher 2023

Quendel Trilogie
von Caroline Ronnefeldt
Ueberreuter Verlag, Oktober 2018
ISBN 9783764170776
22,00 €

Ich habe das letzte Woche schon angedeutet. Die schönen Bücher, die man sich manchmal aufspart, die man manches mal zufällig findet, die Überraschungen oder eben die Werke, auf die man sehnlich gewartet hat.

Eigentlich hatte ich all diese Bücher bereits erwähnt, teilweise sogar bereits rezensiert. Trotzdem sind ssie es mir wert, nochmal einen übergreifenden Beitrag zu schreiben, der all diese Bücher einschließt. Jedes ist besonders und jedes ist eine besondere Empfehlung. Alle haben sie es gemeinsam, dass allein die Sprache sie bereits lesenswert macht. Über "Die Insel der 1000 Leuchttürme" hatte ich erst geschrieben, aber natürlich gehört auch Walter Moers zu genau diesen Autoren, die mit Worten zaubern können. Aiki Mira mit "Neurobiest"war erst vorletzte Woche dran, aber da ich sie dann nocheinmal auf dem BuCon hören durfte, muss ich auch ihre Wortvirtuosität noch einmal in den Vordergrund stellen. Tja und über die "Quendel Trilogie" von Caroline Ronnefeldt habe ich auch schon einen Artikel geschrieben. Da habe ich bereits erwähnt, wie brillant ich die bewusst etwas antiquierte Sprache, die phantastischen Beschreibungen und den ruhigen, sich oft in Andeutungen genügenden Aufbau empfinde. Und ich hatte eigentlich auch geschrieben, dass Band 2 und 3 ganz oben auf dem Lesestapel liegen. Es kam anders und auch diese beiden Bücher waren jetzt in genau dieser Reihe wunderbaren Lesevergnügens dabei. Caroline Ronnefeldt bleibt ihrem Stil und ihrer Qualität treu und jeder weitere Roman scheint den vorigen an Güte noch überflügeln zu wollen. Ein unglaubliches Vergnügen und eine echte Bereicherung für alle, die Freude an schönen Büchern haben. Mit solchen Büchern bekommt man wieder so richtig Lust, zu schwelgen und zu schmökern. Die perfekten Begleiter für eine Kanne Tee, wenn die Tage kürzer werden und draußen der Herbstwind bläst.

Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit
von Natasha Pulley
Klett Cotta, 2022
ISBN 9783608986365
25,00 €

Jetzt zeichnet all die vorgenannten Bücher aus, dass sie aus der Feder deutschsprachiger Autorinnen und Autoren stammen. Da kommt dann gar nicht erst eine Debatte auf, ob man die Werke vielleicht im Original lesen sollte. Aber es gibt ja auch immer wieder Romane, die in deutscher Übersetzung vorliegen und sprachlich derart gefühlvoll übertragen sind, dass ich gar nicht auf die Idee komme, mich am Original zu versuchen. Einer der Verlage, die immer wieder durch herausragende Übersetzungen glänzen, ist Klett Cotta mit der Hobbit Presse. Und genau da sind auch die Bücher einer gewissen Natasha Pulley erschienen. Allesamt von Jochen Schwarzer übersetzt und jedes auf seine Weise wunderschön. Über den "Uhrmacher aus der Filigree Street", den wir auch im aktuellen Roman "Die verlorene Zukunft von Pepperharrow" wiedertreffen habe ich im Laden viel geredet und das Buch immer wieder empfohlen. Jetzt hatte ich als letztes in dieser Reihe besonders schöner Bücher auch noch den zweiten Band der Autorin im Gepäck. Und tatsächlich war auch "Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit" wieder ein Volltreffer. Eine zart erzählte und langsam und kostbar aufgebaute Geschichte. Selbst im Moment, da die Leserin oder der Leser bereits erkannt hat, was geschehen ist oder sogar geschehen wird, nimmt sich die Autorin alle Zeit der Welt und entfaltet den Fortgang sanft und in aller Ruhe. Ohne dass irgend etwas in die Länge gezogen oder aufgeplustert wirkt, sondern einfach nur stimmig und mit bedacht serviert.

Wenn jetzt irgendwer nach Inhalten fragt, kann ich nur antworten, das waren keine Rezensionen, sondern nur Vorschläge zu lesen, was ein gutes Gefühl hinterlässt. Bücher zum genießen, für Herbst und Winter. Kein Anspruch auf Vollständigkeit und teilweise nicht einmal aktuell. Zufällig war das die Liste, die ich selbst eben jetzt gelesen habe.

Quendel Trilogie
von Caroline Ronnefeldt
Ueberreuter Verlag, Oktober 2018
ISBN 9783764170776
22,00 €

Ich habe das letzte Woche schon angedeutet. Die schönen Bücher, die man sich manchmal aufspart, die man manches mal zufällig findet, die Überraschungen oder eben die Werke, auf die man sehnlich gewartet hat.

Eigentlich hatte ich all diese Bücher bereits erwähnt, teilweise sogar bereits rezensiert. Trotzdem sind ssie es mir wert, nochmal einen übergreifenden Beitrag zu schreiben, der all diese Bücher einschließt.

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Nach der BuCon

von am 23. Oktober 2023 Kommentare deaktiviert für Nach der BuCon

Der BuCon* war auch in diesem Jahr wieder eine große Freude und ein Füllhorn der Inspiration. Schon meine Vorfreude war allein dadurch nochmal gesteigert, dass Bernie relativ desillusioniert von seinem Buchmesse-Tripp am Mittwoch zurückgekehrt war. Auch wenn das Konzept des BuCon die großen Verlage nicht einschließt und auch räumlich gar nicht stemmen könnte, trifft sich an besagtem Samstag während der Buchmesse, in Dreieich unweit von Frankfurt, doch (fast) alles, was Rang und Namen in der deutschsprachigen Phantastik hat.

Kleine Geschichte: Der BuCon wurde Mitte der 80er Jahre ins Leben gerufen um eine Plattform für Phantastik-Begeisterte und Phantastik-Schaffende zu bilden. Als thematische Ergänzung oder Erweiterung zur damals noch sehr konservativen Ausrichtung der Buchmesse. Seit 2000 findet die Veranstaltung in Dreieich statt und die Räume der Bürgerhäuser sind regelmäßig prall gefüllt und gut besucht. Neben den mehr als 50 Ausstellern geht die Hauptanziehungskraft von den zahlreichen Veranstaltungen aus. Lesungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge und Preisverleihungen.

Der BuCon ist weniger ein Messeveranstaltung, als einfach ein Treffen Gleichgesinnter. All die Autorinnen und Autoren, Verlegerinnen und Verleger, Künstlerinnen und Künstler live vor Ort zu treffen macht einfach gute Laune und schmeichelt der eigenen Fanseele. Für mich eine echte Energietankstelle. Die Stimmung, die Leute und das ganze Drumherum beflügeln und befriedigen den Fanboy in mir. Auch wenn ich mir vielleicht noch mehr Akzeptanz und Mitwirken seitens der großen und mittleren Verlage wünschen würde, um den Stellenwert der Veranstaltung und des Genres weiter anzuheben, ist die Veranstaltung so wie sie ist schon eines der Highlights meines buchhändlerischen Jahres. Und Platz wäre in den aktuellen Räumen eh nicht mehr.

Jetzt zurück, voller Eindrücke und toller Ideen kann ich euch nur, wie jedes Jahr anraten, beim nächsten BuCon dabei zu sein. Danke an die Orga und an all die Künstlerinnen, Teilnehmer, Verlegerinnen und Autoren. Es war wieder eine Freude…

Ein paar Bücher, die wir so entdeckt haben und jetzt für euch checken, findet ihr in der Galerie

  • *BuCon, der und nicht BuCon, die. Diesen Fehler hatte ich in früheren Jahren gemacht und muss das hier einmal klarstellen. Wenn der BuCon eine Convention wäre, wäre er weiblich. Ist er aber nicht, sondern ein Convent. Großer Unterschied! Meine sprachliche Verwirrung hat natürlich auch Hintergründe, die darzulegen recht einfach ist. Beschert uns doch bereits der erste Blick in den entsprechenden Wikipedia Eintrag, dass Convention (oder kurz Con) nach Endung und Bedeutung im deutschen Sprachgebrauch eigentlich weiblichen Geschts sein müsste. ABER es gibt da irgendwie einen Unterschied in der Größe und Bedeutung der jeweiligen Veranstaltung, die ab einem gewissen Level das Wort Con vom lateinischen Convent ableitet, welches dann wiederum maskulin ist. Warum das so ist und warum der Con dann überhaupt Con und nicht Kon heißt, da im Deutschen Konvent eben mit K geschrieben wird und außerdem in meinem Sprachgebrauch eher religiös vorbelegt ist. Da naturgemäß in diesem Zusammenhang weder Gendersternchen noch Gerundiv möglich sind, greifen manche Veranstalter auf das deutsche Wort "Treffen" zurück.

Der BuCon* war auch in diesem Jahr wieder eine große Freude und ein Füllhorn der Inspiration. Schon meine Vorfreude war allein dadurch nochmal gesteigert, dass Bernie relativ desillusioniert von seinem Buchmesse-Tripp am Mittwoch zurückgekehrt war. Auch wenn das Konzept des BuCon die großen Verlage nicht einschließt und auch räumlich gar nicht stemmen könnte, trifft sich an besagtem Samstag während der Buchmesse, in Dreieich unweit von Frankfurt, doch (fast) alles, was Rang und Namen in der deutschsprachigen Phantastik hat.

Kleine Geschichte: Der BuCon wurde Mitte der 80er Jahre ins Leben gerufen um eine Plattform für Phantastik-Begeisterte und Phantastik-Schaffende zu bilden.

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Neurobiest von Aiki Mira

von am 18. Oktober 2023 2 Kommentare

Neurobiest
von Aiki Mira
Eridanus Verlag, Oktober 2023
ISBN 9783946348399
16,00 €

In den letzten Wochen, seit meinem Urlaub, habe ich mich auf Bücher konzentriert, die mir wichtig waren. Teilweise schon länger aufgespart, teilweise brandaktuell. Um sie zu genießen. Bücher mit herausragender Sprachgewalt. Aber darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch zurückkommen. Für heute soll es ausschließlich um den aktuellen Roman von Aiki Mira gehen, um die es ja in diesem Jahr schon mächtig viel Rummel gab. Das Buch ist ohne Zweifel eines dieser Bücher.

Aiki Miras Sprache, ihre umfassende Kenntnis der Themen, die sie in Romanform behandelt, ihre unglaublich besonderen Charaktere, ja einfach alles, machen sie zu einer der herausragenden Stimmen der Science Fiction. Und ich sehe das global. ganz ohne die manchmal verstohlen hinzugefügte Einschränkung "deutschsprachig".

Trotzdem beginnt und spielt die Handlung (auch) in Deutschland, wenn auch in einem zur Unkenntlichkeit verzerrten Berlin. Der Zeitunterschied zum hier und heute sind "nur" ungefähr 80 Jahre. Diese relativ kurze Zeitspanne hat die Menschheit zu einer nahezu gottgleichen Spezies gemacht und auf eine dreckige und makabre Art beginnt der Roman irgendwie fast als Utopie. Wir haben es geschafft. Wir haben unsere Welt irgendwie gerettet und in den Griff bekommen. Wir können nicht nur unser Erbgut verändern, sondern uns selbst.

Dass in dieser Welt etwas fault und stinkt wird schon auf den ersten Seiten klar. Aruke ist genetische Ingenieurin, Biohackerin. Aruke lebt in einer Comunity als Hausbesetzerin auf den Dächern von Berlin. "Die Unerschütterlichen" sind ein zusammengewürfelter Haufen von halblegalen oder illegalen IDlosen. Trotzdem sind sie in dieser irren Welt integriert und vom System geschluckt. Tourismusziel: Berlins Dächer. Ebenfalls auf den ersten Seiten zeigt sich, dass mit Aruka körperlich irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Aruka ist Biohackerin… Selbstverursacht? Fremdeinfluss? Unfall? Fehler? Die erste Fährte wird im Prolog gelegt.

In welche Richtungen die Suche nach der Wahrheit dann geht, verpackt Aiki in eine rasante, spannende Story, die an Tiefgründigkeit und Ideenreichtum großen Namen der Phantastik ernstzunehmende Konkurrenz macht. Wie schon bei Neongrau hat die Welt, in die wir geführt werden, fundierten Bezug zu möglichen Entwicklungen. Ein stimmiges Zukunftsszenario mit plastischen Charakteren, logischen Implikationen und vorstellbaren Ängsten, Nöten und Problemen. Die unvorstellbar fremde Welt der Zukunft als Bühne fast vertraut wirkender Darsteller.

Mein Vater hat Science Fiction häufig genau so umrissen. Unsere heutige Welt, bestehende Möglichkeiten, Zustände und Sichtweisen weiterzudenken und in ein stimmiges, glaubwürdiges Zukunftsszenario zu verwandeln. Als philosophische Diskussionsgrundlage um aktuelle Probleme oder Entwicklungen aber auch ihre Folgen und Konsequenzen betrachten zu können. Schade, dass es seine Augen nicht mehr zulassen, komplexe Texte zu lesen. Bei den herausragenden Werken waren wir dann doch immer sehr dicht beieinander. Und ich denke, Hermke würde das hier ganz ähnlich sehen.

Neurobiest
von Aiki Mira
Eridanus Verlag, Oktober 2023
ISBN 9783946348399
16,00 €

In den letzten Wochen, seit meinem Urlaub, habe ich mich auf Bücher konzentriert, die mir wichtig waren. Teilweise schon länger aufgespart, teilweise brandaktuell. Um sie zu genießen. Bücher mit herausragender Sprachgewalt. Aber darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch zurückkommen. Für heute soll es ausschließlich um den aktuellen Roman von Aiki Mira gehen, um die es ja in diesem Jahr schon mächtig viel Rummel gab.

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Adam und Ada

von am 2. Oktober 2023 Kommentare deaktiviert für Adam und Ada

Christian Kellermann
ADAM UND ADA.
Berlin, Hirnkost, 2023, 405 S.
ISBN 978-3-98857-005-5 / 24,00 Euro
Hardcover

Als 1913 Bernhard Kellermanns Zukunftsroman DER TUNNEL veröffentlicht wurde, erreichte die Geschichte um den visionären Unternehmer MacAllan, der einen Eisenbahntunnel unter dem Atlantik bauen wollte, um Amerika und Europa zu verbinden, augenblicklich die Herzen der Leser*innen, was sich in Millionenauflage und stetigen Neuausgaben manifestierte. Aktuell schaffte es DER TUNNEL sogar als Auftaktband die Reihe der „wiederentdeckten Schätze der deutschsprachigen Science Fiction“ im Hirnkost Verlag zu starten.

Was uns ganz zwanglos zu ADAM UND ADA führt, dem ebenfalls bei Hirnkost veröffentlichten Debütroman von Christian Kellermann, seines Zeichens Erforscher der Künstlichen Intelligenz und Hochschullehrer in Berlin. Dessen Buch beginnt mit einem in blauen Lettern gesetzten Abschnitt über den MacAllanschen Tunnelbau, der vor mehr als einhundert Jahren in einer kritischen Phase steckte. Erst danach werden wir (jetzt in gewohntem Schwarz) mit Ada MacAllan bekannt gemacht, allein erziehende Mutter, geniale Programmiererin und Weltklasse-Biologin, die im Stockholm der Gegenwart kurz davor steht, mittels Künstlicher Intelligenz die letzten Rätsel der Mikrobiologie zu lösen. Wie sich im weiteren Verlauf zeigt, muss auch sie sich, wie bereits ihr Urgroßvater, auf Hilfe und Unterstützung von kapitalstarken Partnern einlassen – und wer zahlt, bestimmt, was mit den Ergebnissen passiert …

Während wir Ada in der Welt des frühen 21. Jahrhunderts bei ihren privaten und geschäftlichen Problemen folgen, führt uns der Autor Christian Kellermann in (farblich) geschickt gesetzten Zwischenkapiteln immer wieder zurück in die 1920er Jahre, in denen Bernhard Kellermanns MacAllan seinen Tunnel, allen Widrigkeiten zu Trotz, fertigstellt. Und genau diesen Tunnel nutzt Ada hundert Jahre später für ihre Forschungsarbeit!

»ADAM UND ADA« wird so nicht nur zu einem spannenden Wissenschafts-Thriller, sondern erzählt auch eine sich über mehrere Ebenen erstreckende faszinierende Familiengeschichte.

Horst Illmer

Christian Kellermann
ADAM UND ADA.
Berlin, Hirnkost, 2023, 405 S.
ISBN 978-3-98857-005-5 / 24,00 Euro
Hardcover

Als 1913 Bernhard Kellermanns Zukunftsroman DER TUNNEL veröffentlicht wurde, erreichte die Geschichte um den visionären Unternehmer MacAllan, der einen Eisenbahntunnel unter dem Atlantik bauen wollte, um Amerika und Europa zu verbinden, augenblicklich die Herzen der Leser*innen, was sich in Millionenauflage und stetigen Neuausgaben manifestierte. Aktuell schaffte es DER TUNNEL sogar als Auftaktband die Reihe der „wiederentdeckten Schätze der deutschsprachigen Science Fiction“ im Hirnkost Verlag zu starten.

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End of Men

von am 11. September 2023 Kommentare deaktiviert für End of Men

End of Men
von Christina Sweeney-Baird
Heyne, Juli 2023 17,00 Euro
ISBN 9783453322820

Im englischen Original ist das Buch bereits im April 2021 erschienen und in der ersten deutschen Ausgabe Oktober des gleichen Jahres bei Diana (Penguin Random House Gruppe) unter dem Titel "Die andere Hälfte der Welt" erschienen. Auf den ersten Blick ein typisches Corona-Buch.

Stimmt vielleicht auch, wenn man das Buch auf die Pandemie reduziert. Das eigentliche Thema ist aber nicht die Pandemie an sich, sondern eben den Folgen der geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Pandemie. In Christina Sweeney-Bairds Debutroman sterben über 90% der Männer an der sich rasend schnell ausbreitenden Pandemie. Auch nicht ganz neu. Der französische Romancier Robert Merle hat bereits 74 im Roman "Die geschützten Männer" ein sehr ähnliches Szenario beschrieben. Bereits 1970 (Erstveröffentlichung 1975) lebt "Janet" in "Planet der Frauen" von Joanna Russ in einer Welt, in der die Männer bereits vor fast 1000 Jahren durch eine Seuche ausgerottet wurden. Die Comicserie "Y The Last Man" von Brian K. Vaughan aus dem Jahr 2002 behandelt das Aussterben der Männer ähnlich radikal. Ich bin sicher, es gibt noch jede Menge andere phantastische Werke, die das Thema behandeln und im Prinzip dreht die großartige Margaret Atwood 1985 ganz ohne Pandemie mit ihrem "Der Report der Magd" den Spieß um.

Es geht also um Rollen, um Geschlechter, um Unterschiede um Gesellschaftsentwürfe, um Unterdrückung und eben um die Situation, wenn das Gleichgewicht zerstört wird. Wenn der Fortbestand der Spezies nicht auf natürlichem Weg gewährleistet ist. Wenn starre Strukturen zerbrechen. Auch wenn Christina Sweeney-Bairds mir persönlich an manchen Stellen etwas zu gefühlsbetont schreibt, ist dieser Roman einer von den ganz großen. Nicht nur die erschreckende Ausbreitung der Seuche und die ersten Konsequenzen, sondern eben auch die direkten Folgen des Zusammenbrechens unserer gewachsenen Männerkultur. Bei weitem nicht einseitig, sondern sachlich konsequent. Wenn Mechaniker eben fast ausschließlich Mechaniker sind. Wenn Techniker eben fast ausschließlich techniker sind. Was geschieht, wenn durch diese Strukturen strukturelle Lücken und Löcher entstehen, bei der Wartung, bei der Versorgung, aber auch an Entscheidungspositionen. Wie schnell kann ein Umdenken und vor allem eine Umstrukturierung und Umorientierung überhaupt funktionieren…

Also für mich, als alten weißen Mann war das Buch wertvoll und wichtig und ich habe jeder Zeile mit Interesse gelesen. Keine Pandemie-Trittbrettfahrt und kein aufgewärmtes Thema. Im Gegenteil. Eine Frau, die diese Sicht beschreibt (und eben nicht in einer 100 Jahre zurückliegenden Konsequenz). Eine Frau, die sich sehr genau mit reellen Strukturen auseinander gesetzt hat. Eine Frau, die nicht von der Ausbeutung der letzten Frauen schreibt, oder von der endlich möglichen Emanzipation aus dem Patriarchat, sondern einfach nur dem Leser klar macht, wie unsere Welt tickt. Eigentlich ist das Buch eine Fabel in einer erdachten Zukunft, die es uns ermöglicht den Istzustand besser zu verorten.

Wirklich lesenswert.

End of Men
von Christina Sweeney-Baird
Heyne, Juli 2023 17,00 Euro
ISBN 9783453322820

Im englischen Original ist das Buch bereits im April 2021 erschienen und in der ersten deutschen Ausgabe Oktober des gleichen Jahres bei Diana (Penguin Random House Gruppe) unter dem Titel "Die andere Hälfte der Welt" erschienen. Auf den ersten Blick ein typisches Corona-Buch.

Stimmt vielleicht auch, wenn man das Buch auf die Pandemie reduziert. Das eigentliche Thema ist aber nicht die Pandemie an sich,

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Tausend Arten von Blau

von am 30. August 2023 Kommentare deaktiviert für Tausend Arten von Blau

Cheon Seon-Ran
TAUSEND ARTEN VON BLAU.
Ü: Jan Henrik Dirks
(A Thousand Blue / 2020)
München, Golkonda, 2023, 366 Seiten
ISBN 978-3-96509-051-4 / 22,00 Euro
Klappenbroschur

Echt jetzt? Ein Pferdebuch? Das ist das Ende!

Na, ganz so schlimm werden die Reaktionen der Leser*innen wohl hoffentlich nicht sein. Also: Vertrauen Sie mir, es hat schon seine Gründe, dass TAUSEND ARTEN VON BLAU hier gewürdigt wird.

Im Korea der 2050er Jahre hat die Entwicklung von neuen, menschenähnlichen Robotern, den sogenannten Humanoiden, zu den erwartbaren Problemen geführt: Reihenweise fallen Jobs im Niedriglohnsektor weg, die durch die angeblich billigeren Maschinen übernommen werden. Dies trifft auch die Schülerin Woo Yeonjae, die sich in einem Schnellimbiss etwas Taschengeld dazuverdient. Nachdem ihr gekündigt wird, erhält sie eine recht großzügige Abfindung, da ihr Chef ein ziemlich schlechtes Gewissen hat. Als sie kurz darauf zur Rennbahn geht, um ihre behinderte Schwester Eunhye zu besuchen, die dort viel Zeit in den Stallungen verbringt, da ihr die Pferde meist lieber sind als Menschen, stolpert Yeonjae im Wortsinn über einen (nach einem Sturz) schrottreifen Roboter-Jockey.

C-27 (oder Koli, wie er dann von Yeonjae genannt wird) gehört zu den speziell für Pferderennen gebauten, ultraleichten Humanoiden, die lediglich dazu da sind, die Rennpferde zu Höchstleistungen zu peitschen. Allerdings wurde Koli durch einen (glücklichen?) Zufall einen Emotions-Chip installiert, was letztlich auch zu seinem Sturz von Today, dem schnellsten Pferd Koreas, führte, da er, statt sich auf das Rennen zu konzentrieren, lieber den Himmel betrachtete und Überlegungen zu dessen Bläue anstellte. Yeonjae überrascht sich selbst und den Stallmeister Minju damit, dass sie ihre gesamte Abfindung in den Kauf des Roboters investiert, um ihn zuhause bei sich wieder instand zu setzen.

Doch Koli ist nicht das einzige »Geschöpf«, das Hilfe braucht: auch Today soll, nachdem sie inzwischen Verschleißerscheinungen zeigt und kaum mehr laufen kann, eingeschläfert werden. Trotz einiger Differenzen zwischen den Schwestern schmieden die beiden gemeinsam mit Koli und ein paar Freundinnen und Verwandten einen Plan zur Rettung von Today. Und der aus Ersatzteilen neu zusammengesetzte Koli entwickelt sich zum planerischen »Mastermind« im Hintergrund.

Einmal abgesehen von der spannend geschriebenen Rettungsgeschichte war es ein ganz spezieller Aspekt von »Tausend Arten von Blau«, der mich fasziniert hat und dazu führte, dass ich das Buch nach dem ersten Kapitel nicht mehr weglegen konnte: die Art und Weise wie Cheon Seon-Ran ihre Protagonistinnen miteinander interagieren lässt. Mit großer Zärtlichkeit und Rücksichtnahme schildert sie, selbst bei Nebenfiguren, deren Motivationen für ihre teilweise sehr ungewöhnlichen und verblüffenden Handlungen.

Ja, TAUSEND ARTEN VON BLAU ist tatsächlich ein Pferdebuch, in dem zwei Mädchen versuchen, das Schicksal eines von Menschen missbrauchten Vierbeiners zu ändern – aber es ist eben auch ein auf hohem literarischen Niveau erzählter Roman darüber, wie schwierig es manchmal ist, selbst mit seinen liebsten Mitmenschen klar zu kommen, sich ihnen zu öffnen und ihre Absichten zu erkennen. Letztlich geht es auch darum herauszufinden, was wir meinen, wenn wir von „Mitleid“ und „Menschlichkeit“ sprechen. Und das allein ist Grund genug, dieses Buch allen empfindsamen Leser*innen ans Herz zu legen.

Horst Illmer

Cheon Seon-Ran
TAUSEND ARTEN VON BLAU.
Ü: Jan Henrik Dirks
(A Thousand Blue / 2020)
München, Golkonda, 2023, 366 Seiten
ISBN 978-3-96509-051-4 / 22,00 Euro
Klappenbroschur

Echt jetzt? Ein Pferdebuch? Das ist das Ende!

Na, ganz so schlimm werden die Reaktionen der Leser*innen wohl hoffentlich nicht sein. Also: Vertrauen Sie mir, es hat schon seine Gründe, dass TAUSEND ARTEN VON BLAU hier gewürdigt wird.

Im Korea der 2050er Jahre hat die Entwicklung von neuen,

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Ferne Horizonte – Entfernte Verwandte

von am 23. August 2023 Kommentare deaktiviert für Ferne Horizonte – Entfernte Verwandte

Hans Jürgen Kugler & René Moreau (Hrsg.)
FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE.
Die Welt in Jahrmillionen.
Illustriert von Gerd Frey, Detlef Klewer, Jan Hoffmann, Uli Bendick, Mario Franke, Michael Böhme, Oliver Engelhard, David Staege und Thomas Thiemeyer
Berlin, Hirnkost, 2023, 370 S.
ISBN 978-3-98857-012-3 / 32,00 Euro
Hardcover

Dieser Science-Fiction-Anthologie, die den Titel FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE trägt und im Hirnkost Verlag erschienen ist, kann man auf ein paar wenigen Zeilen eigentlich gar nicht gerecht werden. Andererseits sollte allein die Aufzählung der beteiligten Künstler ausreichen, um zu zeigen, dass hier die wohl hochkarätigste Text- und Bild-Sammlung der letzten Jahre vorliegt.

Herausgegeben wurde das massive Hardcover von den EXODUS-Machern Hans Jürgen Kugler & René Moreau, weshalb es kaum überrascht, dass unter den 26 Autor*innen und neun Illustratoren der 27 Kurzgeschichten viele alte Bekannte auftauchen: Die Geschichtenerzähler Christian Endres, Aiki Mira, Nicole Rensmann, Angela und Karlheinz Steinmüller, Yvonne Tunnat, Monika Niehaus, Peter Schattschneider und Uwe Hermann (um nur die wichtigsten zu nennen) sind ebenso mit dabei wie die großartigen und höchst unterschiedlichen Bildkünstler Gerd Frey, Detlef Klewer, Jan Hoffmann, Uli Bendick, Mario Franke und Thomas Thiemeyer, von dem auch das Coverbild stammt.

Auf mehr als 370 Seiten zeigen uns viele der derzeit besten deutschsprachige Künstler*innen wie sie sich, laut Untertitel, „Die Welt in Jahrmillionen“ vorstellen. FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE ist eine Originalanthologie deren Texte zum Staunen und (Weiter-)Träumen anregen – und ein ganz heißer Anwärter auf den Titel „Die beste Anthologie des Jahres 2023“.

Horst Illmer

Hans Jürgen Kugler & René Moreau (Hrsg.)
FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE.
Die Welt in Jahrmillionen.
Illustriert von Gerd Frey, Detlef Klewer, Jan Hoffmann, Uli Bendick, Mario Franke, Michael Böhme, Oliver Engelhard, David Staege und Thomas Thiemeyer
Berlin, Hirnkost, 2023, 370 S.
ISBN 978-3-98857-012-3 / 32,00 Euro
Hardcover

Dieser Science-Fiction-Anthologie, die den Titel FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE trägt und im Hirnkost Verlag erschienen ist, kann man auf ein paar wenigen Zeilen eigentlich gar nicht gerecht werden.

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Vision und Verfall

von am 16. August 2023 Kommentare deaktiviert für Vision und Verfall

Hans Frey
VISION UND VERFALL.
Deutsche Science Fiction in der DDR. Von der sowjetischen Besatzungszone bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik 1945–1990.
Berlin, Memoranda, 2023, 380 Seiten
ISBN 978-3-948616-82-3 / 26,90 Euro
Klappenbroschur

Wer glaubt, die Themen „DDR“ und „Science Fiction“ seien entweder nicht kompatibel oder bereits über Gebühr abgehandelt, befindet sich in beiden Fällen im Irrtum.

Beglaubigt wird dieser Satz durch das Erscheinen von Hans Freys viertem Band seiner fortlaufenden „Geschichte der deutschen Science Fiction“ im Frühsommer 2023, der den Titel VISION UND VERFALL – DEUTSCHE SCIENCE FICTION IN DER DDR trägt und den Zeitraum „Von der sowjetischen Besatzungszone bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik 1945–1990“ umfasst.

Damit zeigt schon das Titelblatt einen ersten Unterschied im Herangehen: während in der bisherigen Literatur überwiegend von einem vierzig Jahre währenden Zeitraum für das Thema ausgegangen wird, nimmt Frey die Jahre vor der Staatsgründung der DDR sowie die Wende- und Beitrittszeit hinzu, was, mit einigen Unschärfen, dann doch fast fünfzig Jahre sind.

Außerdem verzichtet der Homo politicus Frey nicht darauf, neben den literarischen auch die gesellschaftlichen Aspekte in seine Betrachtungen einer vom Staat wenig geachteten und misstrauisch beäugten, von den Leser*innen aber heiß geliebten Genreliteratur aufzunehmen.

So finden sich auf den gut 400 Seiten von VISION UND VERFALL nicht nur kurze Beschreibungen der wichtigsten Werke der DDR-SF, sondern auch Biografien der (überwiegend männlichen) Autoren und Herausgeber, Zahlen und Daten zu den Verlagen, Blicke über den (ost-)deutschen Tellerrand hinaus, Hinweise auf die dortige Fan-Szene und ihre Publikationen, die Inaugenscheinnahme der nichtliterarischen Medien (Film, Fernsehen, Radio, Comic usw.) und am Ende die Aufzählung einer erstaunlichen Zahl an Ähnlichkeiten mit dem konkurrierenden Bruderstaat – ohne dabei jedoch die tatsächlich vorhandene Eigenständigkeit dieses utopisch-phantastischen „Laborversuchs“ zu übergehen.

Die „DDR“ und ihre „Science Fiction“ waren und sind ein spannendes Thema – und Hans Freys Buch ist ein überaus lesens- und empfehlenswerter Führer hin zu einem besseren Verständnis dieser Literatur.

Horst Illmer

Hans Frey
VISION UND VERFALL.
Deutsche Science Fiction in der DDR. Von der sowjetischen Besatzungszone bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik 1945–1990.
Berlin, Memoranda, 2023, 380 Seiten
ISBN 978-3-948616-82-3 / 26,90 Euro
Klappenbroschur

Wer glaubt, die Themen „DDR“ und „Science Fiction“ seien entweder nicht kompatibel oder bereits über Gebühr abgehandelt, befindet sich in beiden Fällen im Irrtum.

Beglaubigt wird dieser Satz durch das Erscheinen von Hans Freys viertem Band seiner fortlaufenden „Geschichte der deutschen Science Fiction“ im Frühsommer 2023,

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Der Skandal

von am 9. August 2023 Kommentare deaktiviert für Der Skandal

T. S. Orgel
DER SKANDAL. Ökothriller.
München, Heyne, 2023, 444 Seiten
ISBN 978-3-453-32210-3 / 16,00 Euro
Klappenbroschur

Die Zahl der Menschen auf diesem Planeten steigt immer noch um mehr als 180.000 – täglich! Alle diese Menschen benötigen Nahrung, und mit herkömmlichen Mitteln ist es überaus schwierig, diese Mengen zu erzeugen. Als es der Firma Light Foods gelingt, auf umweltschonende und preiswerte Weise Nahrung im Labor zu erzeugen, scheint das nicht nur ein Lichtstreif am Hunger-Horizont zu sein, sondern auch eine fast unerschöpfliche Möglichkeit zum Geldverdienen. Doch bereits kurz nach der Markteinführung des In-vitro-Fleisches tauchen erste Gerüchte über gefährliche Nebenwirkungen auf. Als es einer Gruppe von Umweltaktivisten gelingt, an geheime Daten von Light Foods zu gelangen, geraten die Dinge außer Kontrolle: Peter, ein Mitglied der Aktivistengruppe wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, der Konzern gerät wegen diverser Internet-Attacken ins Schlingern, der Erfinder des Kunst-Fleisches und Chef von Light Food, Daniel Lichter (aka Dan Light), gerät ins Visier der Polizei – und als er sich mit Anna, Peters Schwester trifft, wird auf die beiden ein Mordanschlag verübt …

Dieses Szenario stammt nicht aus dem (geheimen) Drehbuch des nächsten James Bond- oder Mission Impossible-Blockbusters, sondern bildet das Rückgrat des neuesten Romans von T. S. Orgel, einem Biothriller mit dem knackigen Titel DER SKANDAL.

In ihrem bisher wohl ambitioniertesten Werk zeigen sich die Brüder Tom und Stephan Orgel als engagierte und überaus informierte Kritiker des nahrungsmitteltechnischen Raubtierkapitalismus. Zugleich packen sie ihre Rechercheergebnisse in eine überaus spannende und packende Handlung, geben ihren Protagonist*innen biografische Tiefe und psychologische Glaubwürdigkeit und vermeiden es dabei gekonnt, in die Falle des „wir-wissen-wie-alles-sofort-besser-wird“ zu tappen.

Spannende Lektüre auf internationalem Niveau.

Horst Illmer

T. S. Orgel
DER SKANDAL. Ökothriller.
München, Heyne, 2023, 444 Seiten
ISBN 978-3-453-32210-3 / 16,00 Euro
Klappenbroschur

Die Zahl der Menschen auf diesem Planeten steigt immer noch um mehr als 180.000 – täglich! Alle diese Menschen benötigen Nahrung, und mit herkömmlichen Mitteln ist es überaus schwierig, diese Mengen zu erzeugen. Als es der Firma Light Foods gelingt, auf umweltschonende und preiswerte Weise Nahrung im Labor zu erzeugen, scheint das nicht nur ein Lichtstreif am Hunger-Horizont zu sein,

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Die Gelehrtenrepublik

von am 10. Juli 2023 Kommentare deaktiviert für Die Gelehrtenrepublik

Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK. Kurzroman aus den Roßbreiten.
Berlin & Bargfeld, Suhrkamp, 2023, 176 S.
Suhrkamp Taschenbuch st5333
ISBN 978-3-518-47333-7 / 16,- Euro

Nachdem ich zu Weihnachten 2022 die „Luxus“-Version dieses Buches als Geschenk für „Leute, die schon alles haben“ empfohlen habe, hat sich jetzt Suhrkamp erbarmt und den Text in einer sehr gut lesbaren (und viel preiswerteren) Ausgabe zugänglich gemacht. Deshalb soll das lustigste und wohl am einfachsten zugängliche Science-Fiction-Buch Schmidts hier ausdrücklich nochmals vorgestellt und angepriesen werden.

Arno Schmidts bereits 1957 geschriebener Kurzroman DIE GELEHRTENREPUBLIK spielt in einer glücklicherweise fiktiv gebliebenen Zukunft, nach einem Atomkrieg, der weite Teile der Welt unbewohnbar gemacht hat, und erzählt aus der Sicht des Journalisten Charles Henry Winer von dessen Weg zur und seinen Erfahrungen auf der IRAS – der „International Republic for Artists and Scientists“ –, einem riesigen, inselförmigen Kreuzfahrt-Schiff, dass die von Schmidt weitergesponnene politische Weltlage des Jahres 2008 im Kleinen spiegelt.

Nach dem verheerenden Krieg hat sich die überlebende Menschheit, unter der Führung der USA und Russlands, darauf geeinigt, ein „neutrales“ Refugium für Kunst und Wissenschaften zu errichten, um weitere kriegsbedingte Verluste von Kunstwerken und Wissen zu vermeiden. Diese „Gelehrtenrepublik“, ein gigantisches Schiff von mehr als fünf Kilometern Länge (eine „Risszeichnung“ des Autors ist im Buch enthalten), kreuzt in den windstillen Bereichen der Weltmeere und dient einer (von ihren jeweiligen Regierungen) ausgewählten internationalen Schar von Künstlern und Wissenschaftlern als Heimat. Winer wurde aus Gründen der Propaganda ausgewählt, die sonst für die Öffentlichkeit unzugängliche IRAS zu besuchen und quasi eine „Homestory“ darüber zu schreiben.

Winers Abenteuer beginnen schon während der Anreise, die offensichtlich sabotiert werden soll. Nur durch Zufall und die tätige Mithilfe von zu Zentauren mutierten Mischwesen überlebt er den Marsch durch eine von gefährlichen Mutanten bewohnten Landschaft inmitten der zweigeteilten USA. Glücklich auf dem Schiff angelangt, gerät Winer erneut zwischen die Fronten der Machtblöcke, die sich dort auf der Steuerbord- und Backbordseite gebildet haben. Er soll als Vermittler fungieren, erhält dadurch Zugang zu geheimen Bereichen der jeweiligen Schiffs-Hälften und erkennt schnell, dass hier nicht Kunst und Wissenschaft, sondern die Politiker und Geheimdienste das Sagen haben. Trotz seines aufopferungsvollen Einsatzes (auch in diversen Betten auf beiden Seiten) scheitert seine Mission.

Schmidts Schlussbild einer immer schneller um die eigene Achse kreiselnden Insel ist sowohl eine Reminiszenz an Jules Verne (dessen Roman DIE PROPELLERINSEL von 1895 für viele Details Pate stand) als auch ein resigniertes Eingeständnis seines Unglaubens an die „Erkenntnisfähigkeit“ oder den Willen zur Veränderung beim „Homo Politicus“.

DIE GELEHRTENREPUBLIK gehört auch 65 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung immer noch zu den kompaktesten, originellsten und humorvollsten Science-Fiction-Texten der deutschsprachigen Literatur. Ein Buch, dessen Lektüre die Augen öffnet, den Geist bereichert und das Zwerchfell vibrieren lässt.

Horst Illmer

Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK. Kurzroman aus den Roßbreiten.
Berlin & Bargfeld, Suhrkamp, 2023, 176 S.
Suhrkamp Taschenbuch st5333
ISBN 978-3-518-47333-7 / 16,- Euro

Nachdem ich zu Weihnachten 2022 die „Luxus“-Version dieses Buches als Geschenk für „Leute, die schon alles haben“ empfohlen habe, hat sich jetzt Suhrkamp erbarmt und den Text in einer sehr gut lesbaren (und viel preiswerteren) Ausgabe zugänglich gemacht. Deshalb soll das lustigste und wohl am einfachsten zugängliche Science-Fiction-Buch Schmidts hier ausdrücklich nochmals vorgestellt und angepriesen werden.

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Die letzte Erzählerin

von am 5. Juli 2023 Kommentare deaktiviert für Die letzte Erzählerin

Donna Barba Higuera
DIE LETZTE ERZÄHLERIN.
Ü: Jennifer Michalski
(THE LAST CUENTISTA / 2021)
Hamburg, Dragonfly, 2023, 320 S.
ISBN 978-3-7488-0239-6 / 16,00 Euro
Hardcover

Immer wieder passiert es mir, dass ich ein Buch kaufe, dessen äußeres Erscheinungsbild für mich einfach unwiderstehlich ist – und sehr häufig steckt dann auch ein überaus lesenswerter Text in der schönen „Schale“. Gerade wieder geschehen bei: DIE LETZTE ERZÄHLERIN von Donna Barba Higuera.

Auf den ersten Blick wirkt es eher wie ein Märchenbuch oder ein All-Age-Fantasy-Titel; der Einband liebevoll illustriert in blau und orange, dreiseitiger Farbschnitt und Lesebändchen in passendem Orangeton, ein Vorsatzpapier zum Dahinschmelzen und, alles in allem, ein haptisches Meisterwerk. Und dann steckt da eine knallharte Science-Fiction-Story drin, ein geradezu klassischer Generationen-Raumschiff-Roman (und wie sollte gerade ich da nicht begeistert sein!).

Ein Komet rast auf die Erde zu, da trifft es sich prima, dass ein privater Konzern gerade drei interstellare Luxus-Raumschiffe in Betrieb stellen will. Die Regierung übernimmt, wählt aus, wer auf die Reise gehen soll, und schickt eine buntgemischte Gesellschaft los, die nach 380 Jahren Flug die menschliche Zivilisation auf einem fernen Planeten erneuern soll. Doch schon beim Start explodiert eines der Schiffe – alles ändert sich, alle Pläne sind hinfällig. Die Reisenden (unter ihnen die Ich-Erzählerin Petra, deren besondere Begabung dereinst noch eine letzte Chance eröffnen wird) müssen sich neu orientieren…

Higuera wuchs in der zentralkalifornischen Wüste auf, las viel und spitzte die Ohren, wann immer irgendwo Geschichten erzählt wurden. Sie ist verheiratet, hat Kinder und lebt mit ihrer Familie inzwischen im Nordwesten der USA. Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher und erhielt 2022 für THE LAST CUENTISTA die prestigeträchtige Newbery Medal sowie Lobpreisungen aus allen Richtungen. Die deutsche Ausgabe DIE LETZTE ERZÄHLERIN erschien in der Übersetzung von Jennifer Michalski bei Dragonfly – und es steckt tatsächlich ein märchenhafter All-Age-Science-Fiction-Roman in diesem wunderschönen Buch.

Horst Illmer

Donna Barba Higuera
DIE LETZTE ERZÄHLERIN.
Ü: Jennifer Michalski
(THE LAST CUENTISTA / 2021)
Hamburg, Dragonfly, 2023, 320 S.
ISBN 978-3-7488-0239-6 / 16,00 Euro
Hardcover

Immer wieder passiert es mir, dass ich ein Buch kaufe, dessen äußeres Erscheinungsbild für mich einfach unwiderstehlich ist – und sehr häufig steckt dann auch ein überaus lesenswerter Text in der schönen „Schale“. Gerade wieder geschehen bei: DIE LETZTE ERZÄHLERIN von Donna Barba Higuera.

Auf den ersten Blick wirkt es eher wie ein Märchenbuch oder ein All-Age-Fantasy-Titel;

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Noah schläft: Die Rückkehr der Arche

von am 26. Juni 2023 1 Kommentar

Noah schläft: Die Rückkehr der Arche
von Lutz Büge
Sparkys Edition Verlag, April 2023 22,50 Euro
ISBN 9783949768088

Wieder einmal eines von diesen Büchern, die ich eher durch Zufall entdeckt habe. Kleiner Verlag und versteckt zwischen wenig Phantastischem. Deswegen auch erst zwei Monate nach Erscheinen. Der Teaser hat mich angelacht und angemacht, also lag das Büchlein dann bei uns im Laden, bei den Neuheiten. Ich hatte mir bereits ein Exemplar auf den lesestapel gepackt, aber nicht allzuweit oben…

Und dann gibt es da diese Zufälle. Obwohl man in diesem Fall eher nicht von einem Zufall, sondern von einer gewissen Gesetzmäßigkeit ausgehen muss. Ein Freund und Kunde kommt in den Laden. Einer jener Buchmenschen, die über ein profundes und tiefes literarisches Wissen verfügen und selbst über ein gewaltiges Spektrum von persönlichen Erlebnissen mit Büchern und Autoren verfügt. Kleine Abschweifung, aber diesen Hut musste ich ziehen. Also jener Buchmensch kommt in den Laden und screent mit geübtem Auge die Neuheitenauslage. "Oh, dass der mal wieder was geschrieben hat?, den hab ich doch vor Jahren mal bei einer Lesung in Frankfurt im "Oscar Wilde"* getroffen. Hast du das schon gelesen?" Ich so. "Nein, liegt auf meinem Lesestapel. Bin ich zufällich darüber gestolpert. Aber ich habe noch nicht angefangen. Les ich aber auf jeden Fall." Der Buchmensch dann wieder: "Sag mir Bescheid, wie du es fandest."

Also gleich mal reingeschnuppert. War gerade eh nicht viel los. Schneller als gedacht waren die ersten 60 Seiten gefressen. Ganz und gar mein Lesestil. Unglaublich irre Situationen, schräge Charaktere und ein prägnanter, wohlformulierter Schreibstil, der nicht umsonst an Douglas Adams erinnert. Mehr geht jetzt im Laden aber nicht.

Unwillig lege ich das Buch beiseite.

Was soll ich sagen. Das immerhin 360 Seiten Büchlein hörft den Schlag nicht. Zwei Abende und es ist durch. Ein wunderbar skurriles Weltraum Abenteuer mit jeder Menge philosophischer Fragen und kluger Antworten. Gleichzeitig eine Reise in oder durch das Selbst. Ohne Zeigefinger oder Belehrung – wunderbar humoristisch verpackte Weisheit. Dass der Held schwul ist, könnte auf den ersten Blick fast ein wenig anbiedernd an Zeitgeist wirken, ist aber in keinster Weise generisch, sondern ein authentischer Teil des gesamten Werkes. Lutz Büge hängt sich nicht an irgendwelche Trends, sondern tut vielmehr das, was große Meister vor ihm getan haben. Große Fragen in humoristische Erzählungen verpacken und Science Fiction auf eine wunderbare Weise als Spielfeld für philosophische Gedankenexperimente und provokant kritische Denkmodelle verwenden. Und dabei muss ich sagen, ich habe laaaanggge nichts mehr so Rundes gelesen, das mich derart gefesselt hat.

Ich lehne mich aus dem Fenster und verleihe Lutz Büge den Douglas Adams Award, den es natürlich gar nicht gibt.

*das "Oscar Wilde" war eine echt sympatische "schwule" Buchhandlung in Frankfurt, die leider bereits in den 2010ern für immer die Türen geschlossen hat.

Noah schläft: Die Rückkehr der Arche
von Lutz Büge
Sparkys Edition Verlag, April 2023 22,50 Euro
ISBN 9783949768088

Wieder einmal eines von diesen Büchern, die ich eher durch Zufall entdeckt habe. Kleiner Verlag und versteckt zwischen wenig Phantastischem. Deswegen auch erst zwei Monate nach Erscheinen. Der Teaser hat mich angelacht und angemacht, also lag das Büchlein dann bei uns im Laden, bei den Neuheiten. Ich hatte mir bereits ein Exemplar auf den lesestapel gepackt,

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Straße nach überallhin

von am 12. Juni 2023 2 Kommentare

Roger Zelazny
STRASSE NACH ÜBERALLHIN. Roman.
Ü: Jakob Schmidt, Nachwort: Uwe Anton
(ROADMARKS / 1979)
München, Piper, 2023, 252 S.
ISBN 978-3-492-70636-0 / 22,00 Euro
Hardcover

Der Ausstoß an Science Fiction bei Piper ist, verglichen mit dem weit umfangreicheren Fantasy-Programm, sehr überschaubar. Allerdings: wenn dann mal ein Titel erscheint, ist es zumeist ein echter Klassiker oder auch ein richtiger Kracher (manchmal auch beides zugleich) wie im Fall von Roger Zelaznys Roman STRASSE NACH ÜBERALLHIN. Der US-Amerikaner Roger Zelazny (1937–1995) gehörte eine Zeitlang zu den profiliertesten und experimentierfreudigsten Autoren der New Wave, gleichermaßen versiert in Fantasy und Science Fiction, in Stories, Novellen und Romanen, und oftmals auch sehr am jeweiligen Zeitgeist orientiert. Erst langsam kristallisieren sich seine Hauptwerke heraus, Texte, die auch heute noch hervorragend zu lesen sind, interessante Ideen präsentieren und stilistisch immer weit über dem Genre-Durchschnitt liegen. Neben den AMBER-Romanen (die kürzlich bei Klett Cotta neu aufgelegt wurden) gehört eindeutig auch ROADMARKS (so der Originaltitel der 1979 erstmals erschienenen STRASSE NACH ÜBERALLHIN) in die Gattung „zeitloser Klassiker“.

Der Protagonist Red Dorakeen gehört zu den besonders begabten Menschen, die in der Lage sind, die „Straße“ zu benutzen. Dabei handelt es sich um einen Weg durch alle Zeiten und in Alternativwelten, die über die „Ausfahrten“ erreichbar sind (das amerikanische Highway-System ist eindeutig das Vorbild dieses Plots) und der sich – aufgrund von Veränderungen historischer Ereignisse durch die Besucher – in stetiger Veränderung befindet. Dorakeen ist zwar ein erfahrener Benutzer der Straße, hat sich aber auch Feinde gemacht und ist deshalb auf der Flucht vor einer ganzen Schar Auftragsmörder. Neben seiner eigenen Gewitztheit stehen ihm im Verlauf der Handlung (die aus einem linearen und einem „zusammengewürfelten“ Strang zusammengesetzt ist) allerdings auch einige Gefährten zur Seite – darunter einer der bemerkenswertesten Sidekicks der Literatur: eine mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Buchausgabe von LES FLEURS DU MAL (Charles Baudelaires skandalträchtiger Gedichtband DIE BLUMEN DES BÖSEN)!

Die von Jakob Schmidt neu aus dem amerikanischen Englisch übersetzte und von Uwe Anton mit einem informativen Nachwort versehene Neuausgabe der STRASSE NACH ÜBERALLHIN erweist sich als unbedingt lesenswerte Zeitreise-Science-Fiction – und niemand sollte sich wundern, wenn daraus in absehbarer Zeit eine echt geile TV-Serie wird.

Horst Illmer

Roger Zelazny
STRASSE NACH ÜBERALLHIN. Roman.
Ü: Jakob Schmidt, Nachwort: Uwe Anton
(ROADMARKS / 1979)
München, Piper, 2023, 252 S.
ISBN 978-3-492-70636-0 / 22,00 Euro
Hardcover

Der Ausstoß an Science Fiction bei Piper ist, verglichen mit dem weit umfangreicheren Fantasy-Programm, sehr überschaubar. Allerdings: wenn dann mal ein Titel erscheint, ist es zumeist ein echter Klassiker oder auch ein richtiger Kracher (manchmal auch beides zugleich) wie im Fall von Roger Zelaznys Roman STRASSE NACH ÜBERALLHIN.

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Meist beginnt es mit Ayn Rand

von am 5. Juni 2023 Kommentare deaktiviert für Meist beginnt es mit Ayn Rand

Jerome Tuccille
MEIST BEGINNT ES MIT AYN RAND. Libertäre Geschichte(n).
Überarbeitete und aktualisierte Ausgabe.
Ü: Cornelia Kähler
(It Usually Begins With Ayn Rand / 1971 & 2012)
Grevenbroich, Lichtschlag, 2016, 308 S.
ISBN 978-3-939562-53-5 / 18.90 Euro

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Titel dieses Buches ist ebenso falsch wie genial. Er dient offensichtlich einzig dem Zweck, Bücherwürmer wie mich anzulocken und auf den Haken zu spießen, von dem wir dann nicht mehr loskommen.

Es handelt sich bei MEIST BEGINNT ES MIT AYN RAND um ein Sachbuch, in dem der US-amerikanische Autor und libertäre Politiker Jerome Tuccille von seinem Leben als Zoon politikon berichtet – und der Anteil, den Ayn Rand daran hat, ist vergleichsweise bescheiden und überschaubar, obwohl sie (wie ein Stehaufteufelchen) an den unmöglichsten Stellen immer wieder kurz auftaucht.

Wer also nur etwas über die Erfinderin des Objektivismus und Autorin höchst einflussreicher Bücher erfahren will, kann an dieser Stelle aussteigen.

Für alle anderen lohnt es sich vielleicht, noch ein paar Zeilen weiterzulesen, denn Jerome Tuccille gehört zu einer sehr seltenen Spezies – er ist ein hochintelligent und unterhaltsam schreibender Mensch, der seinen Lebensweg mit viel Selbstironie betrachtet und dabei nicht nur Einblicke in das Innere der amerikanischen Politik gibt, sondern meinungsstarke Urteile über eine ganze Reihe von (linken wie rechten) Anhängern und Vertretern dieses Systems vertritt, in dem er über viele Jahrzehnte selbst mitgemischt hat.

Der 1937 geborene Tuccille kam als Student über Romane wie ATLAS SHRUGGED und THE FOUNTAINHEAD in Ayn Rands Bannkreis, lernte die Philosophin selbst kennen, gehörte kurz zu ihrem inneren Zirkel und verließ diesen dann wieder, abgestoßen von Rands absolutistischen Ansprüchen und ihrer Humorlosigkeit. Obwohl zeitlebens ein Libertärer, versuchte Tuccille immer wieder, die extremen Ränder der amerikanischen Rechten und Linken miteinander ins Gespräch zu bringen und über alles Trennende hinweg Gemeinsamkeiten zu finden. Dieses Ausgleichende, Vermittelnde, und dabei immer neugierig Suchende, brachte ihn dazu, sich 1974 als libertärer Kandidat für den New Yorker Gouverneursposten aufstellen zu lassen, was gründlich schief ging. Danach verdiente er sein Geld als Autor von Ratgebern, Sachbüchern und Romanen.

Neben dem hier vorliegenden autofiktionalen Bestseller MEIST BEGINNT ES MIT AYN RAND schrieb Tuccille eine Reihe von sehr erfolgreichen Biografien, unter anderem über die Texanische Hunt-Dynastie, den Notenbank-Chef Alan Greenspan (dessen Anhänglichkeit an Ayn Rands Ideale bereits im großartigen Titel ALAN SHRUGGED offenbart werden), den Zeitungsmogul Rupert Murdoch, über Ernest Hemingway und Martha Gelhorn, sowie, bereits 1985, über Donald Trump. Bis zu seinem Tod 2017 veröffentlichte Tuccille mehr als dreißig Titel, größtenteils Bestseller in den Vereinigten Staaten, von denen es jedoch nur die Biografien von Trump, Hunt und Murdoch schafften, ins Deutsche übersetzt zu werden.

Und nun also endlich MEIST BEGINNT ES MIT AYN RAND, dessen Lektüre mir, neben einigen erschütternden Einblicken in die Psyche US-amerikanischer Präsidenten, vor allem eine durchgehend vergnügliche Zeit mit einem wunderbaren Plauderer bescherte.
Ein Sachbuch mit sehr hohem Unterhaltungswert – ein „guter Fang“ für einen Bücherwurm.

Horst Illmer

Jerome Tuccille
MEIST BEGINNT ES MIT AYN RAND. Libertäre Geschichte(n).
Überarbeitete und aktualisierte Ausgabe.
Ü: Cornelia Kähler
(It Usually Begins With Ayn Rand / 1971 & 2012)
Grevenbroich, Lichtschlag, 2016, 308 S.
ISBN 978-3-939562-53-5 / 18.90 Euro

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Titel dieses Buches ist ebenso falsch wie genial. Er dient offensichtlich einzig dem Zweck, Bücherwürmer wie mich anzulocken und auf den Haken zu spießen, von dem wir dann nicht mehr loskommen.

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Der schlauste Mann der Welt

von am 29. Mai 2023 1 Kommentar

Andreas Eschbach
DER SCHLAUSTE MANN DER WELT. Roman
Köln, Lübbe, 2023, 222 S.
ISBN 978-3-7857-2849-9
Hardcover / 22,00 Euro

Jens Leunich, der „Held“ im neuen Buch von Andreas Eschbach, ist mit Sicherheit nicht „der Schlauste Mann der Welt“, aber in der Kategorie „Größtmöglicher Glückspilz“ gebührt ihm schon einer der Spitzenplätze. Am Ende allerdings …

Doch wir wollen ja nicht vorgreifen, gerade die Romane Eschbachs vertragen es oftmals gar nicht, wenn zu viel vom Inhalt bekannt ist. Darum hier nur eine oberflächliche Inhaltsangabe: Einem jungen Mann widerfahren in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einige bemerkenswerte Dinge, die ihn letztlich in die Lage versetzen, sein weiteres Leben ohne „Arbeit“ oder ähnliche Tätigkeiten zu verbringen, was er ausführlich und eloquent zu begründen weiß. Dabei keimt im Hintergrund allerdings immer mehr der Verdacht, dass es sich um einen sehr „unzuverlässigen Erzähler“ handelt, der in DER SCHLAUSTE MANN DER WELT das Sagen hat …

Für mich kam Eschbachs Roman zufällig genau in eine Phase, in der ich mich gerade wieder einmal mit Ayn Rand und ihrer Vision eines „egoistischen Kapitalismus“ (literarisch geformt in ihrem Opus Magnum ATLAS SHRUGGED) beschäftigt hatte. Kurz vor Eschbach hatte ich die Lektüre von Jerome Tuccilles Erinnerungsbuch MEIST BEGINNT ES MIT AYN RAND beendet – und da passte DER SCHLAUSTE MANN DER WELT wie die Faust aufs berühmte Auge.

(Erlaubt sei mir hier eine kleine Abschweifung – Harry Rowohlt möge es mir verzeihen – zu einigen anderen Büchern Eschbachs: Geld und der Umgang damit gehören zu den wiederkehrenden Themen des Autors, zuletzt in FREIHEITSGELD, wo das „bedingungslose Grundeinkommen“ unter die Lupe genommen wird, zuvor, 2004, in der Anthologie EINE TRILLION EURO und – natürlich – in EINE BILLION DOLLAR aus dem Jahr 2001. Und ich scheue mich nicht, dieses Werk als meine „Nemesis“ im Eschbach-Kanon zu bezeichnen, hat mir der gute Andreas doch durch ein unfassbar schlechtes Ende den Genuss der vorherigen 900 Seiten ordentlich verdorben. Was uns zurückbringt zum vorliegenden Buch.)

DER SCHLAUSTE MANN DER WELT entwickelte sich vor diesem Hintergrund für mich zum philosophischen Bindeglied zwischen Ayn Rands Ideen und den, wie immer bei Eschbach, herausragend recherchierten Ausführungen über den weltweiten Finanzkapitalismus und seine Schwachpunkte. Ich habe keine Ahnung, ob Eschbach Ayn Rand überhaupt kennt, bzw. ihre Bücher gelesen hat, aber Jens Leunich agiert durchgängig wie ein bewusst angelegter Gegenpart zu Rands sprichwörtlich gewordenem John Galt.
(Mehr dazu würde viele Seiten füllen, deshalb breche ich hier ab. Lest doch einfach selbst.)
Und das Ende hat Andreas Eschbach diesmal auch so hinbekommen, dass ich nix dran auszusetzen habe.

Horst Illmer

Andreas Eschbach
DER SCHLAUSTE MANN DER WELT. Roman
Köln, Lübbe, 2023, 222 S.
ISBN 978-3-7857-2849-9
Hardcover / 22,00 Euro

Jens Leunich, der „Held“ im neuen Buch von Andreas Eschbach, ist mit Sicherheit nicht „der Schlauste Mann der Welt“, aber in der Kategorie „Größtmöglicher Glückspilz“ gebührt ihm schon einer der Spitzenplätze. Am Ende allerdings …

Doch wir wollen ja nicht vorgreifen, gerade die Romane Eschbachs vertragen es oftmals gar nicht, wenn zu viel vom Inhalt bekannt ist.

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Gameshow – Der Preis der Gier

von am 15. Mai 2023 Kommentare deaktiviert für Gameshow – Der Preis der Gier

Franzi Kopka
GAMESHOW – DER PREIS DER GIER. Roman.
Frankfurt, Sauerländer, 2023, 440 S.
ISBN 978-3-7373-5947-4 / 18,00 Euro
Hardcover

Romane, in denen die Mitspieler einer weltweit ausgestrahlten TV-Show um ihr Leben kämpfen müssen, sind inzwischen ja schon fast ein eigenes Genre im Bereich der Science Fiction. Angefangen beim legendären MILLIONENSPIEL aus dem Jahr 1970 über den RUNNING MAN-Blockbuster bis hin zu den TRIBUTEN VON PANEM (2012–2015).

Und wie es bei solchen Dingen halt so ist: das Publikum will immer mehr. Am Leid der Anderen sieht sich einfach niemand satt.

Nach dem mit dem Kurd Laßwitz Preis prämierten Roman NEONGRAU von Aiki Mira aus dem letzten Jahr ist zum Jahresbeginn 2023 bei Sauerländer nun der Debütroman GAMESHOW – DER PREIS DER GIER der 1990 geborenen Rheinländerin Franzi Kopka erschienen. Einhundert Jahre in der Zukunft scheint sich das Leben der meisten Bewohner von New London nur noch um die „Gameshow“ zu drehen: entweder schaut man zu und fiebert mit (allerdings mehr um die eigenen Wetteinsätze als um das Überleben der Teilnehmer) – oder man versucht, es selbst in die Show zu schaffen. Denn ein Sieg dort gilt gleichzeitig als Ticket zum Aufstieg in die Welt der Reichen und Mächtigen. Auf über 400 Seiten zieht Kopka ihre Leser*innen immer tiefer in die Welt von Cass und Jax, die einen Pakt geschlossen haben, um die nächste „Gameshow“ als Siegerpärchen zu gewinnen. Allerdings: die Regeln werden von anderen gemacht – und für die Veranstalter zählt allein die Quote …

Da der Roman mit einem brutalen cliffhanger endet, erfreut es uns, dass die Fortsetzung GAMESHOW – DAS VERSPRECHEN VON GLÜCK bereits für den Herbst 2023 angekündigt ist.

Horst Illmer

Franzi Kopka
GAMESHOW – DER PREIS DER GIER. Roman.
Frankfurt, Sauerländer, 2023, 440 S.
ISBN 978-3-7373-5947-4 / 18,00 Euro
Hardcover

Romane, in denen die Mitspieler einer weltweit ausgestrahlten TV-Show um ihr Leben kämpfen müssen, sind inzwischen ja schon fast ein eigenes Genre im Bereich der Science Fiction. Angefangen beim legendären MILLIONENSPIEL aus dem Jahr 1970 über den RUNNING MAN-Blockbuster bis hin zu den TRIBUTEN VON PANEM (2012–2015).

Und wie es bei solchen Dingen halt so ist: das Publikum will immer mehr.

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Der freie Mensch

von am 8. Mai 2023 Kommentare deaktiviert für Der freie Mensch

GerdHorst schreibt viele Rezis für unsere Seite und trägt damit zur Vielfalt und Diversität bei. Wie jeder unserer Autoren hat er einen ganz eigenen und subjektiven Blick auf die Szene. Dieser einzigartige Blickwinkel steht ab und an ein wenig außerhalb meines eigenen Horizontes. Ich selbst bin natürlich außer Fanboy auch noch Verkäufer und Ladeninhaber. Deswegen gibt es ab und an auch Bücher, die mir weniger munden, weil Beispielsweise die Konditionen sehr schlecht sind, das Werk nicht mehr lieferbar oder im niedergelassenen Buchhandel nicht zu bestellen ist. Ich habe "Atlas Shrugged" in der letzten lieferbaren Version gelesen und erkenne den Stellenwert dieses Werkes an, auch wenn ich selbst eine komplett andere Perspektive habe. Man muss das Werk sicherlich im Kontext des Zeitgeschehens betrachten und die Vorgeschichte der Autorin in die Rezeption einbeziehen. Dass es bis heute vor allem in den Staaten zu den Standartwerken gezählt wird ist mir völlig unverständlich.

Bei der aktuellen, von Horst rezensierten Ausgabe muss ich unbedingt darauf hinweisen, dass die Beschaffung auf regulären Buchhandelswegen nicht möglich ist. Wenn ihr diese Version also käuflich erwerben wollt und das bei uns im Laden tun wollt, dann müsst ihr sehr lange Lieferfristen einplanen. Sorry, aber das ist leider so.

Ayn Rand
DER FREIE MENSCH.
(Atlas Shrugged / 1957)
Ü: Michael & Thomas Görden
Müncheberg, thinkum Verlag, 2021, 1487 S.
ISBN 978-3-949522-00-0 / 59,99 EURO

Frühere deutsche Titel:
ATLAS WIRFT DIE WELT AB / WER IST JOHN GALT? / DER STREIK

Die amerikanische Philosophin und Autorin Ayn Rand (1905–1982) gehört in den USA zu den einflussreichsten Gestalten im Geistesleben des 20. und 21. Jahrhunderts. Die meisten ihrer Werke erschienen auch in Deutschland, fanden hier jedoch nur wenig Zuspruch. Leider war auch ihr Hauptwerk, der utopische Roman ATLAS SHRUGGED, trotz mehrerer Auflagen und unterschiedlicher Ausgaben immer nur für kurze Zeit lieferbar. Zehn Jahre nachdem sich zuletzt ein norddeutscher Ayn Rand-Fan von seinen Ersparnissen getrennt und einen Verlag für die auch von ihm bezahlte Übersetzung gegründet hat, liegt jetzt seit August 2021 mit DER FREIE MENSCH eine weitere Neuübersetzung in dem ebenfalls neuen – und vermutlich auch extra für diese Veröffentlichung gegründeten – thinkum Verlag vor.

Eine Inhaltsangabe, die auch nur annähernd alles im Buch Vorkommende ansprechen würde, müsste den Rahmen dieser Besprechung bei weitem sprengen und könnte trotzdem das daran Faszinierende nicht wirklich erklären. Trotzdem ein ganz kurzer Überblick:

In einer Zeit, in der die sozialen und politisch-kulturellen Probleme in den USA groteske Ausmaße annehmen, versucht eine Koalition aus „Gleichmachern“ und „Volksfreunden“ mit immer größer werdender Unverschämtheit, die Macht an sich zu reißen und den freien Handel zu beschneiden.
Als Gegenreaktion verlassen viele angesehene Männer und Frauen ihre Posten, ihre Firmen, ja sogar ihre Familien und verschwinden einfach. Niemand kann sagen wohin und weshalb.
Mittels Notstandsgesetzgebung und Erpressung regiert von Washington aus eine Männerriege, die ihre Politik bei alkoholgeschwängerten Treffen in Clubs abspricht und alle Hemmungen fallen lässt, je mehr sich Intellektuelle, Wissenschaftler und habgierige Industrielle mit ihren Methoden abfinden bzw. sie sogar begrüßen und rechtfertigen.
Anhand zweier Einzelschicksale erzählt die Autorin vom letztlich vergeblichen Widerstand einer ebenso intelligenten wie kapitalstarken Elite, die der großen Masse der „Schmarotzer“ unterlegen ist. Diese ziehen sich in ein abgelegenes Tal in den Rocky Mountains zurück und brechen alle Brücken nach draußen ab. Es muss erst alles zusammenbrechen, bevor die dazu „Fähigen“ den Laden übernehmen und wieder aufbauen können – natürlich unter dem Zeichen des Dollars.

Stilistisch ist das Buch eine Mischung von Liebes-, Abenteuer- und Zukunftsroman, vermengt mit Theorie und Philosophie. Ayn Rand ist eine ausgezeichnete Erzählerin, die weiß, wann sie das Tempo anziehen muss, wann sie dem Leser Verschnaufpausen gönnen kann und wie viel theoretische Abhandlung ein Gespräch verträgt, bevor es langweilig wird. An einigen Stellen allerdings geht die Leidenschaft für ihre Idee mit ihr durch, und sie versprüht diese Begeisterung in einem die Leser erschöpfenden Ausmaß.
Diese Idee geht von einem elitären Standpunkt aus, der nur die persönliche Leistung anerkennt. Der Mensch muss zu seinen Taten und Gedanken stehen, keine Religion, keine Philosophie ist gestattet, welche Schwäche entschuldigt oder Verantwortung auf andere Schultern lädt. Es ist eine Idee, in der der Wohlfahrtsstaat nicht möglich ist und keine soziale Marktwirtschaft vorkommt. Kapitalismus und Egoismus pur – wobei Ayn Rand davon ausgeht, dass es positive Ergebnisse nach sich zieht, wenn jeder Mensch nach seinem „Wert“ behandelt wird.

Mit DER FREIE MENSCH liegt eine kapitalistische Utopie vor. Damit gehört das Buch zu einer äußerst seltenen literarischen Spezies, da solche Gedankengebäude zumeist „links“ stehen. In den Zeiten der täglichen Nachrichten über nicht mehr zu finanzierende Staatsleistungen und der politischen Verwerfungen in den USA, erscheint es dringend nötig, sich Gedanken über die Hintergründe dieser Entwicklungen zu machen.
Das Buch von Ayn Rand bietet zum Mindesten jede Menge Stoff für rege Diskussionen – und einen Einblick in das Innerste der amerikanischen Wirtschafts-Seele.

Horst Illmer

Horst schreibt viele Rezis für unsere Seite und trägt damit zur Vielfalt und Diversität bei. Wie jeder unserer Autoren hat er einen ganz eigenen und subjektiven Blick auf die Szene. Dieser einzigartige Blickwinkel steht ab und an ein wenig außerhalb meines eigenen Horizontes. Ich selbst bin natürlich außer Fanboy auch noch Verkäufer und Ladeninhaber. Deswegen gibt es ab und an auch Bücher, die mir weniger munden, weil Beispielsweise die Konditionen sehr schlecht sind, das Werk nicht mehr lieferbar oder im niedergelassenen Buchhandel nicht zu bestellen ist.

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Do not eat! Kevin Hearne anders aufgetischt…

von am 1. Mai 2023 Kommentare deaktiviert für Do not eat! Kevin Hearne anders aufgetischt…

DO NOT EAT! – Wie ein T-Shirt mich vor Aliens bewahrte
Autor: Kevin Hearne
Verlag: KNAUR
176 Seiten, Hardcover, 16,- €
ISBN 9783426227398

Wie scheiße kann ein Tag werden? Also wirklich ernsthaft scheiße? Wenn man z.B. dabei zusehen muß, wie der beste Freund von einem Alien verschlungen wird. Reicht nicht? Ok! Wenn man dazu noch – neben 50.000 anderen gefangenen Menschen – gekidnapped wird und das als REISEPROVIANT?! Instant sitzt man zusammen mit der Hauptcharaktere Clint im einem riesigen Alienraumschiff und überlegt mit ihm, was noch alles passieren könnte. Zudem sprechen wir auch noch mit einem der Aliens Namens Emily, bei der man schon gesehen hat, das sie mehrere (!) Zahnreihen besitzt.

Mich fasziniert wie schnell man beim Geschehen mitfiebert, welche Lösungen man mit Clint durchdenkt um sich und die anderen Opfer vor dem gefressen werden retten kann bzw. ob es überhaupt gelingt?! Erschreckend spannend und humorig erzählt Kevin Hearne, wie Menschen sich in so einer brennzlichen Situation verhalten könnten. Man kommt dann selbst ins grübeln und fragt sich, was zur Hölle würde ich in so einer überaus realen Situation tun?! Brutal komischer Science-fiction Spaß als Snack zwischendurch und erstaunlicherweiße das erste was ich von Hearne gelesen hatte, wo man ihn doch eher für die Chroniken des eisernen Druiden und anderes feiert!? Durch die außerirdische Kurzstory wird mir auch klar, wie abwechslungsreich Hearne schreibt und fesseln kann. Für mich defintiv ein Survialguide (falls ich endlich mal von diesem Planeten abgeholt werde und aber an die falschen Aliens gerate…) und klare Leseempfehlung!

Herrlich makaberes Odövre, denn "Diese Dreckskerle spielen einfach gerne mit Ihrem Essen!" Und wie es so schön auf dem Klappentext heißt: Es ist höchste Zeit, E.T. so richtig in den Arsch zu treten!

Habt´s fein(gehackt), bin T-shirt kaufen…
Euer Hellboygirl

DO NOT EAT! – Wie ein T-Shirt mich vor Aliens bewahrte
Autor: Kevin Hearne
Verlag: KNAUR
176 Seiten, Hardcover, 16,- €
ISBN 9783426227398

Wie scheiße kann ein Tag werden? Also wirklich ernsthaft scheiße? Wenn man z.B. dabei zusehen muß, wie der beste Freund von einem Alien verschlungen wird. Reicht nicht? Ok! Wenn man dazu noch – neben 50.000 anderen gefangenen Menschen – gekidnapped wird und das als REISEPROVIANT?! Instant sitzt man zusammen mit der Hauptcharaktere Clint im einem riesigen Alienraumschiff und überlegt mit ihm,

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Drei Phasen der Entwurzelung – Oder Die Liebe der Schildkröten

von am 5. April 2023 Kommentare deaktiviert für Drei Phasen der Entwurzelung – Oder Die Liebe der Schildkröten

Lisa Jenny Krieg
DREI PHASEN DER ENTWURZELUNG ODER DIE LIEBE DER SCHILDKRÖTEN.
Aachen, Wortschatten Verlag, 2022, 464 S.
ISBN 978-3 96964-028-9 / Kartoniert / 17,00 Euro

Manchen Büchern merkt man schon an ihren Titeln an, dass sie für ihre Autor*innen eine schwere Geburt waren. So lautet der etwa bei Lisa Jenny Kriegs Erstling DREI PHASEN DER ENTWURZELUNG ODER DIE LIEBE DER SCHILDKRÖTEN. Aufgeteilt in drei Großkapitel erzählt Krieg vom Leben dreier Frauen, die nicht nur, aber vor allem durch familiäre Bande zusammengehören, und die doch jede für sich gezwungen wird, ihr Schicksal ohne die jeweils anderen anzunehmen und neue, eigene Wege zu finden.

Mehr als 150 Jahre in der Zukunft versucht die Menschheit verzweifelt ihr Überleben in einer immer feindseligeren Umwelt zu sichern, indem sie auch die letzten Hemmungen fallen lässt und mittels der fortschrittlichsten Biotechnik Hybridwesen erschafft, deren genetischer Quellcode teilweise von Meerestieren stammt. Obwohl es erste Erfolge gibt, sind die gesellschaftlichen Widerstände zu groß und die Ergebnisse nicht wie gewünscht. Dass das Leben „immer einen Weg findet“, wissen wir ja nicht erst seit JURASSIC PARK – und was alles dabei schief geht, erzählen uns die Geschichten um Pandora und den Zauberlehrling.

Kriegs Neufassung dieser Schöpfungsmythen besticht durch gleich mehrere ungewöhnliche Ansätze. Da ist zum einen eine radikal-weibliche Sichtweise der Protagonistinnen, deren Handlungen und Überlegungen oftmals in einem sehr intimen Einblick in ihren Bewusstseinsstrom mitgeteilt werden. Die Handlungsorte sind in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel sowie den sie umgebenden Gewässern angesiedelt und spiegeln, ähnlich wie die Tätigkeiten und Interessen ihrer Figuren das Lebensumfeld der Autorin.

Und dann (als Wichtigstes) ist da noch die Tatsache, dass Lisa Jenny Krieg einfach eine herausragende Erzählerin ist. Ihre Geschichte entwickelt von Beginn an einen unwiderstehlichen Sog, ihre Sprache ist vollmundig, weltzugewandt und trotz aller technischen Präzession märchenhaft heimelig.

Als Beispiel möge die folgende Szene am Lagerfeuer zweier Forscherinnen dienen, die den sie umgebenden Wald kartieren: „Lokapi faltet Savannas Karte zusammen und steckt sie in die Tasche ihres Gewands, aber nicht, bevor sie nicht ein paar orangene Webervögel herausholt, die gerade dabei waren, ein Nest zu bauen. Entrüstet fliegen sie weg.“ (S. 417).

Horst Illmer

Lisa Jenny Krieg
DREI PHASEN DER ENTWURZELUNG ODER DIE LIEBE DER SCHILDKRÖTEN.
Aachen, Wortschatten Verlag, 2022, 464 S.
ISBN 978-3 96964-028-9 / Kartoniert / 17,00 Euro

Manchen Büchern merkt man schon an ihren Titeln an, dass sie für ihre Autor*innen eine schwere Geburt waren. So lautet der etwa bei Lisa Jenny Kriegs Erstling DREI PHASEN DER ENTWURZELUNG ODER DIE LIEBE DER SCHILDKRÖTEN. Aufgeteilt in drei Großkapitel erzählt Krieg vom Leben dreier Frauen, die nicht nur,

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TRISOLARIS – Die Trilogie

von am 22. Februar 2023 Kommentare deaktiviert für TRISOLARIS – Die Trilogie

Cixin Liu
TRISOLARIS – Die Trilogie
Ü: Karin Betz und Martina Hasse
München, Heyne, 2022, 1740 S.
ISBN 978-3-453-32245-5 / 40,00 Euro
Hardcover

Es ist ja eher selten, dass ein einzelnes Buch (oder in unserem Fall eine Trilogie) dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass gleichsam ein neuer Kontinent auf der literarischen Landkarte auftaucht, aber Cixin Liu ist dies mit DIE DREI SONNEN für die chinesische Science Fiction gelungen. Nachdem der Roman erfolgreich die USA erobert hatte, gelang ihm dieses Kunststück auch in Deutschland. Der Heyne Verlag krönt diesen Triumphzug nun mit einer wirklichen Monumental-Ausgabe, die unter dem Titel TRISOLARIS – Die Trilogie alle drei Bücher (also auch DER DUNKLE WALD und JENSEITS DER ZEIT) vereint und zugleich editorische und herstellungstechnische Maßstäbe setzt.

Neben den Romanen gibt es im Buch je ein Vor- und ein Nachwort des Autors, sowie Anmerkungen und Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache von den Übersetzerinnen Karin Betz und Martina Hasse. Der Weltbestseller aus China (Werbetext) steckt in einem kräftigen Pappband im Format 25 x 18 Zentimeter, ist fadengeheftet, hat ein Lesebändchen – und einen Umfang von 1740 Seiten! Und man mag es glauben oder nicht: sogar die Ökobilanz ist so positiv wie möglich, wurde das Werk doch komplett in Deutschland gedruckt und gebunden. Wenn man dann noch den Preis von vierzig Euro mit den Einzelpreisen der Taschenbücher vergleicht, kann man ob der Ersparnis nur staunen.

Mit TRISOLARIS – Die Trilogie liegt die »Bibel« der chinesischen Science Fiction jetzt in einer absolut empfehlenswerten Ausgabe vor.

Horst Illmer

PS
Wer mehr über die Inhalte der einzelnen Bände erfahren möchte, kann hier
Die drei Sonnen
Der dunkle Wald
Jenseits der Zeit
weiterlesen.

Cixin Liu
TRISOLARIS – Die Trilogie
Ü: Karin Betz und Martina Hasse
München, Heyne, 2022, 1740 S.
ISBN 978-3-453-32245-5 / 40,00 Euro
Hardcover

Es ist ja eher selten, dass ein einzelnes Buch (oder in unserem Fall eine Trilogie) dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass gleichsam ein neuer Kontinent auf der literarischen Landkarte auftaucht, aber Cixin Liu ist dies mit DIE DREI SONNEN für die chinesische Science Fiction gelungen. Nachdem der Roman erfolgreich die USA erobert hatte,

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Die linke Hand der Dunkelheit

von am 20. Februar 2023 Kommentare deaktiviert für Die linke Hand der Dunkelheit

Ursula K. Le Guin
DIE LINKE HAND DER DUNKELHEIT. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Karin Nölle
(The Left Hand of Darkness / 1969)
Frankfurt/M., Fischer/TOR, 2023, 350 S.
ISBN 978-3-596-70712-6 / 18,00 Euro
Klappenbroschur

„Ich werde meinen Bericht so abfassen, als erzählte ich eine Geschichte, denn man hat mich als Kind auf meiner Heimatwelt gelehrt, dass die Wahrheit eine Frage der Phantasie ist.“

Es gibt umfangreiche Sammlungen mit den „famous last words“ – den „berühmten letzten Worten“ – bekannter Persönlichkeiten aus Geschichte und öffentlichem Leben, desgleichen Anthologien mit Roman-Anfängen und -Enden, gezogen aus den Werken der Weltliteratur, aber in den wenigsten davon wird man einen Satz finden, der eine tiefere Weisheit und ein größeres Verständnis der Weltzusammenhänge ausdrückt, als der Anfang von Ursula K. Le Guins Roman DIE LINKE HAND DER DUNKELHEIT.

Die Handlung spielt auf einer fremden Welt und erzählt aus der Sicht eines Botschafters (oder Beobachters) von dessen Erlebnissen während der ersten Phase des Kennenlernens nach dem Erstkontakt. Dass ein solcher Prozess nicht ohne Komplikationen verläuft, ist normal, dennoch reichen die Schwierigkeiten in diesem Fall weit über das Erwartbare hinaus – ebenso wie die Lösungen, die sich im Verlauf der Geschichte ergeben …

Während der Lektüre steigert sich die Empfindung, hier weit mehr als nur eine spannende Abenteuerstory vorgesetzt zu bekommen, und führt am Ende zur Erkenntnis, dass wir einer außergewöhnlichen Erzählerin dabei lauschen durften, wie sie nicht nur eine ganze neue Welt aufgebaut, sondern dabei viele unserer Vorurteile zerschmettert und zugleich unsere Seele gestreichelt hat.
Le Guin ist die große Philosophin unter den Science-Fiction-Autorinnen, eine liebevoll und leichthändig Lehrende, und DIE LINKE HAND DER DUNKELHEIT ist unter ihren vielgestaltigen Meisterwerken eines der besten und wichtigsten. Umso schöner ist es da, dass dieser Klassiker jetzt in einer sehr gelungenen Neuübersetzung von Karen Nölle wieder vorliegt.

So findet auch der letzte Satz des Buches unsere wohlwollende Zustimmung und wir betteln gemeinsam mit den einheimischen Zuhörern am Herdfeuer: „Erzählst du uns von den anderen Welten in den Sternen – den anderen Menschen, den anderen Leben?“

Horst Illmer

Ursula K. Le Guin
DIE LINKE HAND DER DUNKELHEIT. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Karin Nölle
(The Left Hand of Darkness / 1969)
Frankfurt/M., Fischer/TOR, 2023, 350 S.
ISBN 978-3-596-70712-6 / 18,00 Euro
Klappenbroschur

„Ich werde meinen Bericht so abfassen, als erzählte ich eine Geschichte, denn man hat mich als Kind auf meiner Heimatwelt gelehrt, dass die Wahrheit eine Frage der Phantasie ist.“

Es gibt umfangreiche Sammlungen mit den „famous last words“ – den „berühmten letzten Worten“ – bekannter Persönlichkeiten aus Geschichte und öffentlichem Leben,

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Die Weltenschöpfer Band 3

von am 18. Januar 2023 Kommentare deaktiviert für Die Weltenschöpfer Band 3

Charles Platt
DIE WELTENSCHÖPFER. Band 3.
Kommentierte Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren.
Ü: Frank Böhmert, Horst Illmer, Matita Leng u.v.a.m.
(DREAM MAKERS II / 1983)
Berlin, Memoranda, 2022, 338 Seiten
ISBN 978-3-948616-74-8 / 21,90 Euro
Klappenbroschur

Es ist ja häufig so: Das Beste kommt zuletzt.

Auch die Reihe der WELTENSCHÖPFER-Bücher von Charles Platt, die von 2021 bis 2022 im Memoranda Verlag erschienen ist, macht da keine Ausnahme. Allerdings spielt hier wohl eher der Zufall eine Rolle, als bewusste Planung. Durch die Aufteilung der zwei Originalbücher der DREAM MAKERS in drei deutsche Ausgaben kam es jedenfalls zu einer Häufung der interessantesten Interviews, die Platt mit gut fünf Dutzend Schriftsteller*innen führte, in DIE WELTENSCHÖPFER. Band 3.

Erstmals kommen hier mit Andre Norton, Kit Reed, Joanna Russ, Alice Sheldon (aka James Tiptree jr.) Janet Morris und Joan D. Vinge gleich mehrere Autorinnen ausführlich zu Wort und rechtfertigen dadurch den Untertitel der „kommentierten Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren“. Hinzu kommen dann viele weitere interessante Künstler und Herausgeber wie Theodore Sturgeon, Fritz Leiber, Poul Anderson, Harry Harrison, Donald A. Wollheim, Joe Haldeman und Piers Anthony. Bei den Interviews mit den „Außenseitern“ Robert Anton Wilson und L. Ron Hubbard beweist Platt erneut, dass er den Blick über den Tellerrand nicht scheut und auch vor einem intensiven persönlichen Einsatz (wie im Fall des Scientology-Gründers Hubbard) nicht zurückscheut. Glanz- und Schlusspunkt ist das Doppelinterview, das Platt zusammen mit seinem Freund Douglas E. Winter mit dem 1982 zwar schon weltberühmten, aber eigentlich noch am Anfang seiner Karriere stehenden Stephen King führte. Der „Meister des Horrors“ erweist sich auch als „Meister der Inszenierung“ wie Platt in seinen Nachbemerkungen eindrücklich schildert.
Überhaupt muss nochmals darauf hingewiesen werden, dass alle drei WELTENSCHÖPFER-Bände Welterstveröffentlichungen darstellen. Die von Platt als „Historischer Kontext“ bezeichneten Anmerkungen und Erinnerungen sind zwar bei einigen der Interviewten recht kurz – dafür erreichen sie bei den wichtigen und spannenden Leuten zuweilen einen Umfang, der den Interviewtext verdoppelt. Die hier gewährten Einblicke in das „Allerheiligste“ der Science Fiction sind von unschätzbaren Wert für alle an diesem Genre Interessierten und zudem auch noch unterhaltsam zu lesen!

So muss gute Sekundärliteratur aussehen!!

Horst Illmer

Charles Platt
DIE WELTENSCHÖPFER. Band 3.
Kommentierte Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren.
Ü: Frank Böhmert, Horst Illmer, Matita Leng u.v.a.m.
(DREAM MAKERS II / 1983)
Berlin, Memoranda, 2022, 338 Seiten
ISBN 978-3-948616-74-8 / 21,90 Euro
Klappenbroschur

Es ist ja häufig so: Das Beste kommt zuletzt.

Auch die Reihe der WELTENSCHÖPFER-Bücher von Charles Platt, die von 2021 bis 2022 im Memoranda Verlag erschienen ist, macht da keine Ausnahme. Allerdings spielt hier wohl eher der Zufall eine Rolle,

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Heute, am vorletzten Tag der Jubiläumswoche

von am 13. Januar 2023 Kommentare deaktiviert für Heute, am vorletzten Tag der Jubiläumswoche

…komme ich zum ersten mal etwas eher dazu, die Bilder des Tages und meinen kleinen Text online zu stellen. Der heutige Tag war ein kleines Bisschen Athemholen. Nicht, weil nichts aufregendes passiert wäre, sondern weil unser Programm am Vorabend des letzten Tages einfach zeitlich etwas kompakter angelegt war, als in den vergangenen Tagen.

ABER. Der Nachmittag mit Aiki Mira war ebenfalls wieder ein echtes Erlebnis. Die Lesung und die anschließenden Ausführungen zu Hintergründen unter dem Motto "von der Science zur Fiction" waren spannend, plastisch und professionell. Keine Frage aus dem Publikum ist unbeantwortet geblieben und aus der Lesung und dem geführten Gespräch ist fast so etwas wie ein Austausch unter begeisterten Fans geworden. Danke Aiki für den tollen Nachmittag, die Lesung und die spannende Gesprächsrunde danach. Wer "Titans Kinder" noch nicht kennt, sollte unbedingt morgen die zweite Chance wahrnehmen, sich ein signiertes Exemplar zu sichern. Auch wenn Aiki morgen aus ihrem aktuellen Roman "Neongrau" lesen wird, und damit noch einmal ganz andere Themen anspricht, kann ich das Doppelpack nur jedem Science Fiction Fan nahelegen. Eine wirklich großartige Stimme der Science Fiction. Danke Aiki für den heutigen Nachmittag…

und natürlich neue Bilder…

…komme ich zum ersten mal etwas eher dazu, die Bilder des Tages und meinen kleinen Text online zu stellen. Der heutige Tag war ein kleines Bisschen Athemholen. Nicht, weil nichts aufregendes passiert wäre, sondern weil unser Programm am Vorabend des letzten Tages einfach zeitlich etwas kompakter angelegt war, als in den vergangenen Tagen.

ABER. Der Nachmittag mit Aiki Mira war ebenfalls wieder ein echtes Erlebnis. Die Lesung und die anschließenden Ausführungen zu Hintergründen unter dem Motto "von der Science zur Fiction"

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Das wichtigste Jubiläum im Universum: 42 Jahre Hermkes Romanboutique – Tag 5

von am 2. Januar 2023 Kommentare deaktiviert für Das wichtigste Jubiläum im Universum: 42 Jahre Hermkes Romanboutique – Tag 5

Freitag 13.01. Ist sozusagen das Warmup für den Haupttag. Trotzdem haben wir an diesem Tag einen Gast, auf den ich mich ganz besonders freue.

Aiki Mira…

…lebt in Hamburg und in der Science Fiction.

Drei Storys von Aiki wurden 2022 für den Deutschen Science Fiction Preis & für den Kurd Laßwitz Preis nominiert. Mit der Story "Utopie27" gewann Aiki beide Preise.

Zusammen mit den beiden Künstlern Uli Bendick und Mario Franke gab Aiki die Anthologie "Am Anfang war das Bild" heraus, die 2022 ebenfalls für den Kurd Laßwitz Preis nominiert war und den zweiten Platz erreichte.

Im Jahr 2022 erschienen neben Kurzgeschichten und Essays auch zwei Romane von Aiki: „Titans Kinder. Eine Space-Utopie" sowie „Neongrau. Game Over im Neurosubstrat".

Der Kontakt zu Aiki hat sich über Horst Illmer ergeben. Schon im Vorfeld gab es einen regen Gedankenaustausch und die Autorin erscheint mir als beeindruckend tief in der Thematik verwurzelt. In diesem Zusammenhang habe ich ihre Romane und einige Essays gelesen. Ihre fundierte Herangehensweise an fachliche Themen ist sicher nicht zuletzt Ergebnis ihrer Forschungsarbeit und ihrem Studium der Medienkommunikation geschuldet. Ich bin auf jeden Fall persönlich extrem gespannt auf die Lesung(en, denn Samstag wird sie einen zweiten Auftritt haben) und vor allem auf den Austausch danach.

Das für Freitag ab ca 16:00 Uhr geplante Thema ist mehr als spannend: Von der Science zur Fiction: Titans Kinder. Eine Space-Utopie – Methanseen gibt es wirklich! Aiki Mira liest und signiert aktuelle Space-Utopie. Im Anschluss Gespräch mit Bildmaterial

Freitag 13.01. Ist sozusagen das Warmup für den Haupttag. Trotzdem haben wir an diesem Tag einen Gast, auf den ich mich ganz besonders freue.

Aiki Mira…

…lebt in Hamburg und in der Science Fiction.

Drei Storys von Aiki wurden 2022 für den Deutschen Science Fiction Preis & für den Kurd Laßwitz Preis nominiert. Mit der Story "Utopie27" gewann Aiki beide Preise.

Zusammen mit den beiden Künstlern Uli Bendick und Mario Franke gab Aiki die Anthologie "Am Anfang war das Bild"

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Adventskalender 2022 T-02: "Neongrau"

von am 22. Dezember 2022 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2022 T-02: "Neongrau"

Aiki Mira
NEONGRAU – GAME OVER IM NEUROSUBSTRAT
Heidelberg, Polarise, 2023, 520 S.
ISBN 978-3-949345-28-9 / 16,95 Euro

Es ist nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass Hamburg in einhundert Jahren nicht mehr am Meer liegt, sondern im Meer. Um dennoch als Stadt, Besuchermagnet und Wirtschaftszone bestehen zu können, sind drastische Änderungen nötig. Schwimmende Wohnungen, Unterwasser-Touristenbusse für Besichtigungstouren in den versunkenen Stadtteilen und die Übergabe der Stadtschlüssel an einen E-Sport-und-Gaming-Konzern sind nur einige der Lösungsansätze wie sie Aiki Mira (die selbst begeisterte Hamburgerin ist) in ihrem neuen Roman NEONGRAU – GAME OVER IM NEUROSUBSTRAT anbietet.
Erleben lässt sie uns diese Zukunftswelt durch die (bioelektrisch veränderten) Augen von ELLL und Stuntboi , zwei Jugendlichen, die sich erstmals begegnen, als ELLL dafür sorgt, dass sich Stuntboi bei einer gewagten Stunt-Szene für ein VR-Video so schwer verletzt, dass die Karriere als Risiko-Double erst mal auf Eis liegt. Den Auftrag dazu erhielt ELLL von einer älteren Freundin, für die sie hin und wieder solche Jobs erledigt. Allerdings war es nicht eingeplant, dass sich die Beiden bei dieser Aktion ineinander verlieben …
Eingebettet ist deren immer komplizierter werdende Beziehung in eine Rahmenhandlung, in der in Hamburg ein VR-Gaming-Turnier der Superlative stattfindet, bei der sich sowohl für ELLL wie für Stuntboi ganz neue Wege zum Ruhm auftun, wo sich die immer „stärker“ werdenden Gaming-KIs überlegen, ob sie ihre Überlegenheit zeigen und „ausspielen“ sollen – und dann gibt es noch einen bösen alten Mann, der hektisch an einer Bombe bastelt, die er während des Turniers hochgehen lassen will.
Abstrakte Beschreibungen einer Zukunft in der abstrakte Protagonisten abstrakte Dinge tun gibt es zuhauf. Bei Aki Mira dagegen lässt sich miterleben was mit richtigen Personen in ihrem zukünftigen Dasein geschieht und wie sie darauf reagieren. Wenn Gamer im Neurosubstrat versinken und eintauchen in die virtuellen Realitäten ihrer Spiele, wenn Konzertbesucher sich den Beats ihrer Lieblingsbands hingeben, wenn zwei frisch Verliebte scheue Blicke miteinander tauschen, dann fühlt sich das beim Lesen so an als sei man dabei und spiele mit, fiebere mit, leide mit.
Nachdem Aiki Mira schon mehrfach bewiesen hat, dass sie stilistisch praktisch alle Sub-Genres der Science Fiction beherrscht (Space Opera, Utopie, Steampunk usw.), ist es keine allzu große Überraschung, dass sie genauso überzeugend im Jugendslang des Jahres 2112 erzählen kann.
NEONGRAU ist eine brillant geschriebene, fiebrig pulsierende, rasant sich entwickelnde Geschichte, deren Sog sich bis zur letzten Seite sogar noch steigert. Es bleibt keine Zeit zum Luft holen, Atmen wird total überschätzt, bestellen Sie einfach ein Reanimationsteam – und LOS!

Horst Illmer

Aiki Mira
NEONGRAU – GAME OVER IM NEUROSUBSTRAT
Heidelberg, Polarise, 2023, 520 S.
ISBN 978-3-949345-28-9 / 16,95 Euro

Es ist nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass Hamburg in einhundert Jahren nicht mehr am Meer liegt, sondern im Meer. Um dennoch als Stadt, Besuchermagnet und Wirtschaftszone bestehen zu können, sind drastische Änderungen nötig. Schwimmende Wohnungen, Unterwasser-Touristenbusse für Besichtigungstouren in den versunkenen Stadtteilen und die Übergabe der Stadtschlüssel an einen E-Sport-und-Gaming-Konzern sind nur einige der Lösungsansätze wie sie Aiki Mira (die selbst begeisterte Hamburgerin ist) in ihrem neuen Roman NEONGRAU – GAME OVER IM NEUROSUBSTRAT anbietet.

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Adventskalender 2022 T-17 "Fern vom Licht des Himmels"

von am 7. Dezember 2022 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2022 T-17 "Fern vom Licht des Himmels"

Tade Thompson
FERN VOM LICHT DES HIMMELS.
Ü: Jakob Schmidt
(Far from the Light of Heaven / 2021)
München, Golkonda, 2022, 381 S.
ISBN 978-3-96509-059-0 / 20,00 Euro
Klappenbroschur

Für die Anhänger der „Reinen Lehre“ ist es sicherlich immer wieder verstörend, wenn sie mit ansehen müssen, dass sich als gegensätzlich Empfundenes nicht abstößt, sondern anzieht, vermengt und in amalgamierter Form als ein „Mehr-als-seine-Einzelteile“ weiterexistiert.
Ein gutes Beispiel für dieses Kuddelmuddel ist die utopisch-phantastische Kriminalerzählung (der SF-Krimi), in der sich die Genres Krimi und Science Fiction vereinen und, im Idealfall, die Leserschaft in beiden Lagern begeistert. So wie das FERN VOM LICHT DES HIMMELS, dem neuen Roman von Tade Thompson gelingt.

Für den Rezensenten ergibt sich dabei ein kleines Problem: Was für die Science-Fiction-Fraktion normalerweise dazugehört, sind Erläuterungen des Was, Wo und vor allem Wie – während die Liebe zum Krimi normalerweise auch aus dem Verlangen herrührt, das Was, Wo und vor allem Wie selbst herauszufinden. Belassen wir es im Folgenden also bei einem quecksilbrigen Amalgam aus Expostion und Cliffhanger.

Wenn in der Zukunft Menschen zu weit entfernten Kolonialplaneten reisen, so geschieht dies in modular aufgebauten Raumschiffen, deren Steuerung eine starke KI übernimmt (und als deren „Back up“ ein einzelner Mensch mitgeschickt wird). Natürlich fällt eine solche KI niemals aus, deshalb fliegt auf der neugebauten „Ragtime“ die Raumfahrt-Novizin Michelle Campion, genannt „Shell“, mit. Ziel ist es, eintausend Passagiere zum Planeten Bloodroot zu befördern.

Shell ist die Tochter eines im Weltraum verschollenen (und deshalb berühmten) Astronauten und wird von dem für den Flug verantwortlichen Raumfahrtkonzern vor allem aus PR-Gründen engagiert. Ihr Anspruch ist es jedoch, durch eigene Leistungen den „Bonus“ einer Prominententochter hinter sich zu lassen. Als sie nach dem letzten Raumsprung am Zielort aus dem Traumschlaf geweckt wird, muss sie plötzlich zeigen, ob sie diesen Erwartungen gerecht werden kann.

Die KI hat sich abgeschaltet, das Schiff läuft im Notbetrieb, einige Passagiere sind auf nicht natürliche Weise ums Leben gekommen – und auf ihren Notruf hin schickt Bloodroot Shell mit dem psychisch labilen Rasheed Fin und seinem Androiden-Helfer Salvo ein Ermittlergespann zur Unterstützung, das ihr äußerst suspekt erscheint …

FERN VOM LICHT DES HIMMELS bedient also gleichermaßen die Anforderungen einer Space Opera wie des typischen Verbrechens hinter einer verschlossenen Tür. Da ist es nur gut, dass sich Tade Thompson ausdrücklich auf Edgar Allan Poe bezieht – der hat ja nicht nur die Detektivstory „erfunden“, sondern seine Helden auch mehrfach auf „Große Fahrt“ (u. a. sogar zum Mond) geschickt. Und um im oben begonnen alchemistischen Bild zu bleiben: FERN VOM LICHT DES HIMMELS erweist sich als ätherisch-leicht zu lesendes, inhaltlich aber gewichtiges „Goldstück“.

Horst Illmer

Tade Thompson
FERN VOM LICHT DES HIMMELS.
Ü: Jakob Schmidt
(Far from the Light of Heaven / 2021)
München, Golkonda, 2022, 381 S.
ISBN 978-3-96509-059-0 / 20,00 Euro
Klappenbroschur

Für die Anhänger der „Reinen Lehre“ ist es sicherlich immer wieder verstörend, wenn sie mit ansehen müssen, dass sich als gegensätzlich Empfundenes nicht abstößt, sondern anzieht, vermengt und in amalgamierter Form als ein „Mehr-als-seine-Einzelteile“ weiterexistiert.
Ein gutes Beispiel für dieses Kuddelmuddel ist die utopisch-phantastische Kriminalerzählung (der SF-Krimi),

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Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction 4: Die große Revolution

von am 16. November 2022 Kommentare deaktiviert für Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction 4: Die große Revolution

Paul Scheerbart
DIE GROSSE REVOLUTION – ein Mondroman.
LESABÉNDIO – ein Asteroiden-Roman.
Vorwort: Michael Marrak, Nachwort: Hans Frey
Berlin, Hirnkost, 2022, 408 S.
ISBN 978-3-949452-40-6 / 32,00 Euro (bzw. 28,00 Euro im Abonnement)
Hardcover mit Lesebändchen
Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction, Band 4

Der „aus Wut“ zum Humoristen gewordene Berliner Boheme-Künstler Paul Scheerbart (1863–1915) gehört zu den wenigen wirklich eigenständigen Figuren der phantastischen Literatur. Während H. G. Wells, Kurd Laßwitz und Jules Verne (von Vorläufern wie Julius von Voss einmal abgesehen) zwischen 1870 und 1910 fast den gesamten Themenkanon der Science Fiction festschrieben, gelang es Paul Scheerbart, unabhängig und unbeeinflusst von diesen Unterhaltungsströmungen, einen Großteil dieser Themen in einer völlig eigenen Art aufzugreifen und zu verwenden. Dabei schrieb er in einem eigentümlichen Stil, der gewollt Simplizität mit mystischen Ideen und krudestem Humor vereinigte.

Einen ersten Eindruck dieser Unabhängigkeit gibt Scheerbart im „Mondroman“ DIE GROSSE REVOLUTION, der 1902 erschien und der ihm den großen Durchbruch beim Publikum bringen sollte. Allerdings erzählt er hier eine so weit von allem Gängigen entfernte satirisch-philosophische Geschichte, dass auch hundert Jahre später das Kunstverständnis der Leserschaft immer noch aufs Äußerste beansprucht wird. Kurz gesagt gibt es auf dem Mond zwei Parteien von Mondbewohnern: die einen wollen die seit Jahrhunderten andauernde Beobachtung der Erdbewohner fortführen, die andere Fraktion ist vom ewig Krieg führenden Homo Sapiens so enttäuscht, dass sie lieber von der Mondrückseite aus in die Ferne des Weltraums schauen wollen. Das alles beschreibt der Autor in einem Stilgemisch, dass sich in einigen Passagen wie ein Vorläufer der „New Wave“ der 1960er Jahre liest, aber auch schon in Einzelstellen auf den aufkeimenden Expressionismus hinweist.

Gleiches gilt für den 1913 veröffentlichten „Asteroiden-Roman“ LESABÉNDIO. Scheerbarts Meisterwerk über die Bewohner des Asteroiden Pallas, deren Anführer (und Titel-Held) Lesabéndio es versteht, ihrer aller Streben nach einem gemeinsamen Ziel hin auszurichten (der Vereinigung mit einer Plasmawolke) und der am Ende selbst zu einem Himmelskörper wird, sprüht geradezu über von skurrilsten Einfällen. Die geneigten Leser*innen werden bombardiert mit wirklich „fremden“ Lebensformen, mit einem politischen und kulturellen System, welches ein provozierend unvermitteltes Gegenbild zum Erdenleben darstellt, und mit einem absolut gesetzten ästhetischen Modell, das Technik und Philosophie ganz anders betrachtet und wertet als die traditionelle Science-Fiction-Literatur.

Ähnlich wie bei Olaf Stapledon gelingt es hier einem Außenseiter, in den Kosmos der phantastischen Literatur einzubrechen, ihn aus­zuweiten und um zwei wundervolle Werke reicher zu machen.

Horst Illmer

Paul Scheerbart
DIE GROSSE REVOLUTION – ein Mondroman.
LESABÉNDIO – ein Asteroiden-Roman.
Vorwort: Michael Marrak, Nachwort: Hans Frey
Berlin, Hirnkost, 2022, 408 S.
ISBN 978-3-949452-40-6 / 32,00 Euro (bzw. 28,00 Euro im Abonnement)
Hardcover mit Lesebändchen
Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction, Band 4

Der „aus Wut“ zum Humoristen gewordene Berliner Boheme-Künstler Paul Scheerbart (1863–1915) gehört zu den wenigen wirklich eigenständigen Figuren der phantastischen Literatur. Während H. G. Wells, Kurd Laßwitz und Jules Verne (von Vorläufern wie Julius von Voss einmal abgesehen) zwischen 1870 und 1910 fast den gesamten Themenkanon der Science Fiction festschrieben,

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Laylayland

von am 14. November 2022 Kommentare deaktiviert für Laylayland

Judith und Christian Vogt
LAYLAYLAND – Science-Fiction Roman.
Hamburg, Plan 9, 2022, 330 S.
ISBN 978-3-948700-77-5 / 18,00 Euro

LAYLAYLAND ist mir auf dem wunderbaren BuCon 2022 im hessischen Dreieich am Stand des Hamburger Plan 9 Verlages sofort ins Auge gesprungen. Dafür war aber das angemessen dystopische Titelbild nur zum Teil verantwortlich. Es lag eher an etwas, das literaturwissenschaftlich eindeutig in den Bereich Readers Response Theory (im deutschsprachigen Raum Rezeptionsästhetik genannt) fällt. Menschen fügen beim Lesen immer eigene Erfahrungen und Assoziationen mit ein. In meinem Fall las ich zu „Laylay“ noch „Kay Kay“ hinzu. So rief ich jahrelang meine Jüngste. Ob diese Parallele auch nach der Lektüre noch Bestand hat?

Laylay ist mit ihrem todkranken Freund Zeeto, der unter anderem auch noch eine bipolare Störung hat, und Mtoto, einem virusresistenten Säugling, bei deren Rettung sich Zeeto mit dem Wasteland-Virus angesteckt hat, auf der Suche nach einem Heilmittel gegen das Virus, das gerade dabei ist, den Rest der bisher überlebenden Homo sapiens sapiens auszulöschen.

Der Handlungszeitraum erstreckt sich vom 22. März bis zum 10. April 2064 und genauso flott und Holter-di-polter, wie das klingt, ist der Roman auch geschrieben.

Erzählt wird die Handlung abwechselnd von Laylay, Zeeto und einer namenlosen Cyborg-Person, die sich den Titel Root 2.0 erkämpft hat. Sprachlich unterscheiden sich die verschiedenen Erzählstimmen aufs Feinste.

Der Roman besticht durch ein vertrautes Post-Apokalyptisches Szenario mit marodierenden Banden, (die die nach 40 Jahren noch vorhandenen Vorräte an Medikamenten, Nahrungsmitteln, Maschinen und anderen Schätzen plündern), nomadisierenden Familienverbänden, (die sich vor allem unauffällig verhalten) und kleinen Siedlungen (in denen die Leute versuchen, in Ruhe und Frieden zu leben). Und natürlich gibt es ein aufstrebendes Reich, das versucht, möglichst viel Gebiet zu beherrschen und möglichst viele Menschen zu versklaven.

Soweit nichts aufregend Neues. Spannend ist aber, dass die treibende Kraft in diesem Reich eine Königin ist, die sich ihren Platz durch direkte Ausübung brutaler körperlichen Gewalt erobert hat. Darüber hinaus spielen sich die Ereignisse auf dem Gebiet des ehemaligen Polen und der ehemaligen BRD ab. Die Kultur der Überlebenden ist ein bunter Schmelztiegel, in dem afrikanische, türkische, mitteleuropäische und anglo-amerikanische Einflüsse zusammengekommen sind. Auch das Spektrum der Einstellungen reicht von ultra-weltoffen über ultra-konservativ bis zu ultra-faschistisch.

LAYLAYLAND ist ein sehr spannendes, vielschichtiges Buch voller knallharter Kämpfe auf Leben und Tod, deren Autor*innen sogar mutig genug waren, eine zarte Liebesgeschichte zu spinnen. Sprachlich habe ich lange nichts mehr so Frisches auf Deutsch gelesen, das auch eine ganze Menge Slang und Wortneuschöpfungen bietet.

Interessant finde ich darüber hinaus auch, dass meine Kay Kay eine erstaunlich große Schnittmenge an Charakterzügen und Angewohnheiten mit Laylay teilt. Ist vielleicht auch nicht überraschend, schließlich ist an Wissenschaft immer etwas dran, auch wenn es in diesem Fall „nur“ die Literaturwissenschaft ist.

Matita Leng

PS
LAYLAYLAND ist die Fortsetzung von WASTELAND; der Roman ist allerdings bei Knaur erschienen. Es gibt eine Zusammenfassung am Anfang, sodass LAYLAYLAND auch einzeln lesbar ist.

Judith und Christian Vogt
LAYLAYLAND – Science-Fiction Roman.
Hamburg, Plan 9, 2022, 330 S.
ISBN 978-3-948700-77-5 / 18,00 Euro

LAYLAYLAND ist mir auf dem wunderbaren BuCon 2022 im hessischen Dreieich am Stand des Hamburger Plan 9 Verlages sofort ins Auge gesprungen. Dafür war aber das angemessen dystopische Titelbild nur zum Teil verantwortlich. Es lag eher an etwas, das literaturwissenschaftlich eindeutig in den Bereich Readers Response Theory (im deutschsprachigen Raum Rezeptionsästhetik genannt) fällt. Menschen fügen beim Lesen immer eigene Erfahrungen und Assoziationen mit ein.

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Die Gelehrtenrepublik – Kurzroman aus den Roßbreiten

von am 7. November 2022 Kommentare deaktiviert für Die Gelehrtenrepublik – Kurzroman aus den Roßbreiten

Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK. Kurzroman aus den Roßbreiten.
Mit 26 Holzstichcollagen von Thomas Franke, einer Kartenskizze der »Gelehrtenrepublik« von Arno Schmidt und einem editorischen Nachwort von Bernd Rauschenbach
Winnert, p.machinery Michael Haitel, 2022, 243 S.
ISBN 978-3-95765-302-4
Fulminant Fantastische Folianten, Band 1 / Großformat 26 x 18 cm
Hardcover / Normalausgabe 99,90 Euro / Vorzugsausgabe (111 Expl.) in Planung

Arno Schmidts „Kurzroman aus den Roßbreiten“, der 1957 unter dem Titel DIE GELEHRTENREPUBLIK veröffentlicht wurde, liest sich auf den ersten Blick wie ein klassischer Schelmenroman.

In der (damaligen) Zukunft des Jahres 2008 erhält der Journalist Charles H. Winer die (selten erteilte) Erlaubnis, eine schwimmende Insel (aus heutiger Sicht ist es ein überdimensionierter Kreuzfahrtdampfer), die „International Republic of Artists and Scientists“ (kurz auch IRAS oder eben „Gelehrtenrepublik“ genannt), zu besuchen und eine „Homestory“ über deren von der Weltgemeinschaft alimentierte „Bewohner“ (lauter berühmte Künstler und Forscher) zu machen.

Bereits die Anreise wird zum Abenteuer, erfolgt sie doch per Ballonflug über einen sogenannten „Hominidenstreifen“ hinweg, ein riesiges, atomverseuchtes Areal inmitten der USA, das von zwei gigantischen Mauern eingeschlossen ist und von Tier-Mensch-Mutanten bewohnt wird, mit denen jeder Umgang strengstens untersagt ist. Nachdem Winers Ballon dort notlanden muss, kommt er allerdings ungewollt in sehr direkten (und teileweise auch sehr intimen) Kontakt mit den dort lebenden Zentauren.

Endlich auf der IRAS angekommen, braucht Winer nicht allzu lange, um herauszufinden, dass auch in einer „Gelehrtenrepublik“, dieser scheinbar zivilisiertesten aller Gesellschaften, der Schein trügt. Die in zwei politische Lager geteilte Insel, auf der die IRAS-Bewohner durch die Weltmeere schippern, erweist sich als „Labor“, in dem zum Beispiel Sportler mittels Bioengineering zu Höchstleistungen gebracht und sogar die Gehirne der Genies von den jeweiligen Geheimdiensten „entführt“ werden.

Bei Schmidt liest sich das zuerst einmal sehr unterhaltsam, bis man dann merkt, welche Schrecken unter dieser obersten Erzählschicht liegen. Zutiefst pessimistisch ist Schmidts Erkenntnis, dass sich die alteingefahrenen Muster von Machtmissbrauch und Schwarz-Weiß-Denken, von skrupellosem Gewinnstreben und naivem Obrigkeitsglauben auch nach einem Atomkrieg nicht ändern werden.

Im Verlag p.machinery erschien nun Anfang Oktober eine außergewöhnliche und hochpreisige Neuausgabe der GELEHRTENREPUBLIK. Bei diesem Künstlerbuch im Überformat (26 x 18 cm) handelt es sich um den ersten Band der Reihe „Fulminant Fantastische Folianten“, die der Künstler Thomas Franke gemeinsam mit Verleger Michael Haitel ersonnen hat. Das Werk zieren 26 Holzstichcollagen Frankes (sowie ein Faksimile mit Schmidts Planskizze der schwimmenden Insel IRAS), viele davon als ausklappbare Doppelseiten angelegt. Nach dem Nachwort von Bernd Rauschenbach äußert sich auch Franke kurz zu seinen programmatischen Überlegungen. Zusätzlich zur (bereits vorliegenden) „Normalausgabe“ ist eine „Vorzugsausgabe“ von 111 Exemplaren in Planung, die eine zusätzliche, nummerierte und signierte Grafik enthalten soll. Beide Ausgaben sind in CABRA eingebunden, einem Material, das sich anfühlt als würde man(n) eine Zentaurin streicheln. Gefühlsecht!

Horst Illmer

Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK. Kurzroman aus den Roßbreiten.
Mit 26 Holzstichcollagen von Thomas Franke, einer Kartenskizze der »Gelehrtenrepublik« von Arno Schmidt und einem editorischen Nachwort von Bernd Rauschenbach
Winnert, p.machinery Michael Haitel, 2022, 243 S.
ISBN 978-3-95765-302-4
Fulminant Fantastische Folianten, Band 1 / Großformat 26 x 18 cm
Hardcover / Normalausgabe 99,90 Euro / Vorzugsausgabe (111 Expl.) in Planung

Arno Schmidts „Kurzroman aus den Roßbreiten“, der 1957 unter dem Titel DIE GELEHRTENREPUBLIK veröffentlicht wurde,

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Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction 3: Ini

von am 2. November 2022 Kommentare deaktiviert für Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction 3: Ini

Julius von Voss
INI.
Roman aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert.
Vorwort: Hans Frey, Nachwort: Hans Esselborn
Berlin, Hirnkost, 2022, 276 S.
ISBN 978-3-949452-34-5 / 32,00 Euro (bzw. 28,00 Euro im Abonnement)
Hardcover mit Lesebändchen
Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction, Band 3

Schon vor Jahren stieß ich bei Forschungen über die frühe deutsche Science Fiction in der Sekundärliteratur auf Julius von Voss und INI, seinen 1810 erstmals erschienenen Roman aus dem 21. Jahrhundert. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass es praktisch unmöglich war, dieses Buch aufzutreiben und zu lesen. Und das, obwohl es sich, nach den Beschreibungen, ganz offensichtlich um einen recht ansprechenden Text zu handeln schien. Im Hirnkost Verlag hat man sich jetzt meiner, der Genreforschung und der interessierten Leserschaft erbarmt und INI nach über zweihundert Jahren neu herausgegeben. Damit hat das lange Warten und Suchen ein Ende – und das Werk übertrifft tatsächlich noch die kühnsten Erwartungen.

Der Roman spielt am Ende des 21. Jahrhunderts und beschreibt anhand der Liebesgeschichte von Guido und Ini, das durch stetigen Fortschritt wesentlich weiter entwickelte Leben der Menschheit. Die sittlich-moralische Bildung seiner Hautpersonen begleitend, führt uns Julius von Voss durch diese Zeit und lässt uns die Wunder der von ihm erdachten Zukunft schauen.
Die beiden Königskinder Guido und Ini wachsen auf Sizilien in benachbarten Häusern auf, angeleitet von Mentoren, denen von den Eltern der Auftrag erteilt wurde, künftige Führungspersönlichkeiten mit idealen Charakterzügen heranzubilden. Natürlich verlieben sich die Beiden ineinander. Als Guido Ini seine Liebe gesteht, entwirft ihm diese ein Ideal-Bild, dem er sich durch stetiges geistiges und körperliches Streben annähren soll. Bis er dies erreicht hat, will auch Ini an sich arbeiten – und ihn dann erhören. Guido nimmt diese Herausforderung an.
Er reist in Begleitung seines Lehrers durch Europa, lernt die Geschichte und politische Entwicklung der »Vereinigten Staaten von Europa« kennen, dient im Heer, bei der Luftwaffe und in der Marine, um danach in den Metropolen der alten Welt auch noch das mondäne Leben der Schönen und Reichen kennen zu lernen.
Anschließend führt die Reise nach Amerika (mittels einer von Walen gezogenen »Reise-Insel«) und weiter zum Nordpol. Dort erleidet er Schiffbruch und muss ein ganzes Jahr am unwirtlichsten Punkt der Erde überleben. Als eine zweite Expedition ihn endlich findet und rettet, hat sich die weltpolitische Situation dramatisch zugespitzt. Die diversen Blöcke (Europa, Asien, Afrika) sind sich spinnefeind und beginnen einen Weltkrieg …

Bei INI handelt es sich zuforderst um einen klassischen Erziehungs- und Bildungsroman. Das von der geliebten Ini aufgestellte Ideal gilt es für Guido zu erreichen. Seine Ausbildung, seine Mühen und Kämpfe, seine Entsagungen und Erlebnisse führen ihn auf dieses Ziel hin.
Zugleich versucht sich Julius von Voss allerdings auch als Zukunftsdeuter und greift mit seinen utopischen und phantastischen Darstellungen weit voraus. Die Darstellung des politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kriegerischen Wesens der zukünftigen Gesellschaft zeugen von der regen Phantasie des Verfassers und seinem reichen Schatz an ironischen und humoristischen Ideen.
Interessant sind sowohl die politischen wie die technischen Veränderungen, die Voss für die nächsten Jahrhunderte antizipiert: Verbesserungen beim Luftverkehr, bei der Kommunikation und im häuslichen Bereich helfen, das Leben der Menschen zu vereinfachen. Die meisten näher ausgeführten Erfindungen sind waffentechnischer Art werden jedoch oftmals für den zivilen Gebrauch weiterentwickelt. Die politischen Verbesserungen, hin zu einem mittels Verfassung gesicherten Gesamteuropa, sind wohlüberlegt, aber immer noch utopisch.

Die Originalausgabe von 1810 wurde in einen Neusatz übertragen. Die Kommentare von Hans Frey und Professor Esselborn geben wertvolle Erläuterungen zu Leben und Werk des ehedem erfolgreichen und bekannten, inzwischen aber völlig vergessenen Autors sowie zur Textgestalt und einigen zeitgleich veröffentlichten Werken u. a. von Jean Paul.

Mit INI ist einer der wichtigsten frühen Science-Fiction-Texte in deutscher Sprache endlich zugänglich. Hier zeigt sich, dass auch in Deutschland bereits zur Goethe-Zeit hervorragende utopisch-phantastische Literatur geschrieben wurde. Dieses Buch ist eine echte Entdeckung und es zu lesen macht (trotz der manchmal für moderne Augen ein wenig ungewohnten Sprache) riesigen Spaß und bringt (vor allem wegen der teilweise immer noch nicht erreichten Wunschvorstellungen und manchmal auch wegen der zutreffenden Einsichten in die immer noch recht traurigen politischen Verhältnisse) zum Nachdenken – und Träumen.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das von der Liebhaberin der utopischen Literatur bis zum Fan historischer Romane alle anzusprechen vermag.

Horst Illmer

Julius von Voss
INI.
Roman aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert.
Vorwort: Hans Frey, Nachwort: Hans Esselborn
Berlin, Hirnkost, 2022, 276 S.
ISBN 978-3-949452-34-5 / 32,00 Euro (bzw. 28,00 Euro im Abonnement)
Hardcover mit Lesebändchen
Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction, Band 3

Schon vor Jahren stieß ich bei Forschungen über die frühe deutsche Science Fiction in der Sekundärliteratur auf Julius von Voss und INI, seinen 1810 erstmals erschienenen Roman aus dem 21. Jahrhundert.

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Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction 1: Der Tunnel

von am 17. Oktober 2022 1 Kommentar

Bernhard Kellermann
DER TUNNEL.
Vorwort: Andreas Eschbach, Nachwort: Hans Frey
Berlin, Hirnkost, 2022, 485 Seiten
ISBN 978-3-949452-28-4 / 32,00 Euro / 28,00 Euro im Abonnement
Hardcover mit Lesebändchen
Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction, Band 1

Egal ob technische Großprojekte wie Stuttgart 21 oder das Constellation-Raumfahrtprogramm der NASA, irgendwer zieht deren Realisierung, den Sinn des Ganzen, die Finanzierbarkeit oder unsere technischen Fähigkeiten dazu in Zweifel oder gibt die ethisch-moralischen Verwicklungen, die dabei entstehen könnten, zu Protokoll.
Wie einfach hatten es da die Erfinder, Ingenieure, Planer, Politiker, Wissenschaftler (und Kapitalisten) in der „guten alten Zeit“. Da spielten alle diese Punkte doch gar keine Rolle!?

Nun, ganz so war es dann doch wohl auch nicht. Jedenfalls nicht, wenn man in Bernhard Kellermanns technischer Zukunftsutopie DER TUNNEL einmal genau nachliest. Zwar schwappt in dem 1913 erstmals erschienen Roman zuerst eine fast grenzenlose Welle der Begeisterung von der amerikanischen Ostküste an die französische Atlantikküste (den beiden Endpunkten des geplanten Eisenbahntunnels zwischen den USA und Europa), doch als sich die ersten Schwierigkeiten zeigen, beginnt es auch für den Industriellen Mac Allan und sein „Atlantic-Tunnel-Syndikat“ eng zu werden. Dass und wie weitergebaut wird, gehört dann zu den Dingen, die uns Heutigen zeigen, dass sich so viel in den letzten hundert Jahren gar nicht geändert hat …

Das trifft es sich doch hervorragend, dass der Titel soeben wieder in einer vorbildlich editierten Neuauflage zugänglich ist. Versehen mit einem begeisterten Vorwort von Andreas Eschbach und einem klugen, ausführlichen Nachwort von Hans Frey, bildet der Roman den Auftakt einer neuen Buchreihe mit lange vergriffenen Meisterwerken aus einer Zeit, als bei uns Science Fiction noch „Erzählung aus der Zukunft“ hieß.

Horst Illmer

Bernhard Kellermann
DER TUNNEL.
Vorwort: Andreas Eschbach, Nachwort: Hans Frey
Berlin, Hirnkost, 2022, 485 Seiten
ISBN 978-3-949452-28-4 / 32,00 Euro / 28,00 Euro im Abonnement
Hardcover mit Lesebändchen
Wiederentdeckte Schätze der Science Fiction, Band 1

Egal ob technische Großprojekte wie Stuttgart 21 oder das Constellation-Raumfahrtprogramm der NASA, irgendwer zieht deren Realisierung, den Sinn des Ganzen, die Finanzierbarkeit oder unsere technischen Fähigkeiten dazu in Zweifel oder gibt die ethisch-moralischen Verwicklungen, die dabei entstehen könnten,

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Das Science Fiction Jahr 2022

von am 12. Oktober 2022 Kommentare deaktiviert für Das Science Fiction Jahr 2022

Hardy Kettlitz & Melanie Wylutzki (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2022.
Berlin, Hirnkost, 2022, 570 Seiten
ISBN 978-3-949452-69-7 / 28,00 Euro
Klappenbroschur

„Zunächst muss jedoch festgestellt werden, dass es offenbar leichter ist, sich ein Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Während der Postkolonia­lismus bereits als Thema in der neuen Space Opera angekommen ist, bleibt der Postkapitalismus noch nicht denkbar. Und was nicht vorstellbar ist, kann auch nicht Zukunft werden.“
Soweit Aiki Mira in ihrem überaus lesenswerten Essay „Die neue Space Opera im Zeitalter der kommerziellen Raumfahrt“, veröffentlicht im soeben erschienenen Jahrbuch DAS SCIENCE FICTION JAHR 2022.
Die fleißigen Herausgeber Hardy Kettlitz und Melanie Wylutzki haben es mal wieder geschafft und erneut ein SCIENCE FICTION JAHR zusammengetragen, lektoriert, gesetzt und veröffentlicht. Der Schwerpunkt im SCIENCE FICTION JAHR 2022 liegt diesmal auf der privat finanzierten Raumfahrt und den ökonomischen Interessen und Versuchungen, die dadurch entstehen.
Die Betrachtungen, Essays und Übersichts- Artikel dazu stammen u. a. von Judith Vogt (über die Science-Fiction-Autorinnen Octavia E. Butler und Mary R. Kowal), Bernd Flessner (über superreiche Raumfahrtpioniere), Hartmut Kasper (über Kolonien im Weltraum) und Wolfgang Neuhaus (über John Brunners Meisterwerk MORGENWELT).
Dazu gibt es wie gewohnt jede Menge Besprechungen und Informationen zu Allem was die Science-Fiction-Gemeinde im letzten Jahr beschäftigt hat.
Mehr als dreißig Beiträger*innen widmeten ihre Zeit und Arbeitskraft diesem nach wie vor unverzichtbaren (und immerhin schon zum 37. Mal erscheinenden) Jahrbuch – also unbedingt kaufen!

Horst Illmer

Hardy Kettlitz & Melanie Wylutzki (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2022.
Berlin, Hirnkost, 2022, 570 Seiten
ISBN 978-3-949452-69-7 / 28,00 Euro
Klappenbroschur

„Zunächst muss jedoch festgestellt werden, dass es offenbar leichter ist, sich ein Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Während der Postkolonia­lismus bereits als Thema in der neuen Space Opera angekommen ist, bleibt der Postkapitalismus noch nicht denkbar. Und was nicht vorstellbar ist, kann auch nicht Zukunft werden.“
Soweit Aiki Mira in ihrem überaus lesenswerten Essay „Die neue Space Opera im Zeitalter der kommerziellen Raumfahrt“,

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Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt

von am 28. September 2022 Kommentare deaktiviert für Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt

Erika, Swyler
Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt
Originaltitel: Light from other Stars
Übersetzung: Astrid, Finke
Blanvalet Taschenbuchverlag 445 Seiten 2022 € 11,00
ISBN: 9783734111242

Dünnes Eis, auf das ich mich begebe. Das Buch ist definitiv bei unserer Kundschaft relativ schlecht angekommen (Die gebundene Version ist bereits 21 erschienen). Zu zäh, zu verwirrend technisch, zu emotional, zu ungreifbar, zu…

Und ja, ich kann vieles davon nachvollziehen. Auch mir ist das Lesen nicht immer flüssig von der Hand gegangen. Ich habe immer wieder einzelne Absätze nachgelesen. Trotzdem hat mich das Buch auf eine seltsame Weise absolut fasziniert. Der SF Aspekt ist trotz des relativ anspruchsvollen technischen und physikalischen Anteils im Grunde nur ein erzählerischer Kniff. Denn im Grunde dreht sich die komplette Geschichte um zwischenmenschliche Beziehungen, Eltern Kind Ängste und Gefühlswelten. Entsprechend habe ich große Teile des Buches auch eher gefühlsmäßig als mit dem Verstand aufgenommen. Erika Swyler schreibt den Roman mit den zwei Zeitebenen einer Jugend in den 80ern und einer Reise zu fremden Welten in einer nicht näher definierten Zukunft fast eher wie eine Anthologie. Die Stränge sind teilweise stilistisch und handlungsbezogen derart weit entfernt, dass es fast wie ein Bruch wirkt. Ich war lange Zeit nicht sicher, ob ich den Stil einfach nur unfertig finden soll, oder ob mich genau das als bewusst gesetztes Mittel fasziniert.

Nedda ist Teil der Crew des Raumschiffes "Chawla". Auf dem Weg zu einem fernen Planeten. Die, vor allem zu Anfang, über weite Strecken in Neddas Erinnerung an ihre Kindheit spielende Handlung ist gefühlvoll und sprachlich wunderbar an eine kindliche Sicht angepasst. Die Verknüpfung der Geschehnisse damals und der in der zukünftigen Handlungsebene zu bewältigenden Probleme ist physikalisch und emotional verknüpft. Es fällt mir schwer das in Worte zu fassen, ohne Spoiler, der ohnehin stark durch meine persönliche Wahrnehmung gefärbt wäre.

Deswegen belasse ich es dabei, euch einfach das Buch nahezulegen. All denen, die zwischen den Zeilen und mit dem Herzen lesen. Ähnlich wie "Gewitter über Pluto" von Herrn Steinfest ist auch das vorliegende Werk von Erika Swyler ein SF Roman, ohne einer zu sein. Wenn ihr also diese Erwartungshaltung ausschalten könnt, euch an gewagten Gedankenspielen und einfühlsamer Sprache erfreuen könnt: Lesen.

Erika, Swyler
Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt
Originaltitel: Light from other Stars
Übersetzung: Astrid, Finke
Blanvalet Taschenbuchverlag 445 Seiten 2022 € 11,00
ISBN: 9783734111242

Dünnes Eis, auf das ich mich begebe. Das Buch ist definitiv bei unserer Kundschaft relativ schlecht angekommen (Die gebundene Version ist bereits 21 erschienen). Zu zäh, zu verwirrend technisch, zu emotional, zu ungreifbar, zu…

Und ja, ich kann vieles davon nachvollziehen. Auch mir ist das Lesen nicht immer flüssig von der Hand gegangen.

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Freiheitsgeld von Andreas Eschbach

von am 5. September 2022 Kommentare deaktiviert für Freiheitsgeld von Andreas Eschbach

Eschbach, Andreas
Freiheitsgeld
Lübbe Hardcover 26.08.2022
526 Seiten 25,- €
ISBN 9783785728123

Noch ganz frisch, der neue Roman von Andreas Eschbach. Bereits der zweite nach "Eines Menschen Flügel". Ihr wisst, wie ich das Buch gefeiert habe und immer noch fällt es mir schwer, nicht jedes weitere seiner Bücher an diesem Werk zu bemessen. Ist vielleicht ein wenig ungerecht von mir, aber so ist das eben.

Dabei lese ich von Anfang an jedes Buch von Herrn Eschbach und bin selten wirklich enttäuscht gewesen. Man muss sich wohl damit abfinden, dass der explizite Phantastik Leser nicht die direkte Zielgruppe ist. So gut die Ideen eigentlich immer sind, bleibt die letztendliche Auflösung dann doch fast immer harmloser und netter, als die oft explosiven Themen hoffen lassen. Dem Mainstream geschuldet. Kann ich verstehen, schließlich will Herr Eschbach weiterhin auf den Bestsellerlisten ganz oben angesiedelt sein. Verdient ja seine Brötchen damit. Da muss man den ein oder anderen bitteren Drop dann doch vorher rundlutschen. Warum ich doch immer wieder dabei bleibe? Weil die Ideen wirklich gut, die Erzählweise spannend und auch die Sprache "angenehm passend" ist.

Auch "Freiheitsgeld" reißt Themen an, die mir wichtig sind und die in meinen persönlichen utopischen oder dystopischen Tabernakel gehören. Wie gewohnt ist der Aufbau spannend und der Leser erfährt in kurzen schlaglichtartigen (Aktion)Szenen gleich zu Beginn, wann die Geschichte spielt, nämlich in einer nicht allzu fernen Zukunft, basierend auf Entscheidungen, die in einem denkbaren Heute getroffen wurden und was die großen Themen sind. Leider waren mir die Unterschiede zwischen dem Hier und Jetzt und dieser erdachten Zukunftswelt noch ein wenig "harmlos". Und die "angenehm passende" Sprache wirkt diesmal tatsächlich viel zu schwach oder gar unpassend. Begrifflichkeiten und auch Gegenstände des täglichen Bedarfs, die schon heute aus der Mode gekommen sind, werden fleißig weiterbenutzt. Vielleicht sind diesmal die Zugeständnisse an ein Bestsellerlisten Publikum einfach zu deutlich. Trotzdem hat mich Andreas Eschbach sofort gepackt und so konnte ich das Buch nur selten aus der Hand legen.

Die Geschichte mit dem bedingungslosem Grundeinkommen, dem Überwachungsstaat, soziale Apartheid, der opportunistischen Denkweise der Individuen und die letztendlichen Konsequenzen habe ich schon härter und glaubwürdiger gelesen, aber selten so leicht verpackt. Entsprechend lässt sich das Buch fast in einem Rutsch durchlesen, hält den Leser auf Trapp und bei Laune und am Ende verzeit man die der Massenkompatibilität geschuldete Harmlosigkeit. Immerhin lässt Herr Eschbach ausreichend Platz für die eigene Phantasie.

Wie bei (fast) jedem seiner Bücher hätte ich mir am Ende mehr Härte und Konsequenz gewünscht. Andererseits ist vielleicht gerade die in der eigenen Vorstellungskraft ablaufende, innere Diskussion dann doch mehr wert, als man zuerst wahrnimmt. Deswegen von meiner Seite eine Empfehlung für Leser, die dem Genre nicht so treu und mit ihm nicht so vertraut sind, wie ich. Und immer noch ein sehr unterhaltsamer Tipp, für alle, die eben das Mainstream Auge zudrücken können und sich einfach gerne von Herrn Eschbach unterhalten lassen.

Eschbach, Andreas
Freiheitsgeld
Lübbe Hardcover 26.08.2022
526 Seiten 25,- €
ISBN 9783785728123

Noch ganz frisch, der neue Roman von Andreas Eschbach. Bereits der zweite nach "Eines Menschen Flügel". Ihr wisst, wie ich das Buch gefeiert habe und immer noch fällt es mir schwer, nicht jedes weitere seiner Bücher an diesem Werk zu bemessen. Ist vielleicht ein wenig ungerecht von mir, aber so ist das eben.

Dabei lese ich von Anfang an jedes Buch von Herrn Eschbach und bin selten wirklich enttäuscht gewesen.

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GRM oder GRiMe

von am 22. August 2022 Kommentare deaktiviert für GRM oder GRiMe

GRM – Brainfuck
Berg, Sibylle
Kiepenheuer & Witsch 2019
Hardcover 9783462051438 € 25,00
Paperback 9783462000207 € 14

Die ENTSCHULDIGUNG: Ich gestehe es. Ich bin relativ unbedarft an diesen Roman von Sibylle Berg herangegangen. Diese Naivität war bereits nach wenigen Seiten vaporisiert. Irgendwie zwischen Faszination, Fassungslosigkeit und Impertinenz.

Ich bin wegen der Fortsetzung "RCE – #RemoteCodeExecution" zufällig im Kundengespräch über das Buch gestolpert. Wie so oft schamvoll versteckt im Verlagsprogramm ohne Hinweis auf Science Fiction oder Dystopie. Im Nachhinein war das wohl wieder ein peinlicher blinder Fleck in meiner unzureichenden, maskulinen Wahrnehmung. Ich sag nur Spiegel-Bestsellerliste, eigener Wikipedia-Eintrag (für das Buch!), riesige Fangemeinde. Wie gesagt, ich gestehe es.

Und dann habe ich dieses Buch auch noch als geeignetes, unterhaltsames Hörbuch für eine Autofahrt in einen Kurzurlaub mit einem befreundeten Pärchen gewählt. Ich höre da immer gerne um die Fahrtzeit zu verkürzen und eben nebenbei zu lesen, ohne zu lesen. Mir war nicht klar, dass ich Pandoras Büchse in den MP3 Player gepackt habe.

Das ERGEBNIS: Wir sind nicht ganz fertig geworden. Alle wollten unbedingt weiterlesen und ich habe das Buch jeweils bestellt.

Das BUCH: Ganz ehrlich, ich habe noch nie einen so wütenden, bösen und gleichzeitig faszinierend realen Roman über unsere Welt und unsere Zukunft gelesen. "Die Straße" von Cormac McCarthy wirkt dagegen wie eine romantische Erzählung. Dazu tragen die entlarvend direkte Sprache, die plakativen Charaktere und die absolute Nähe zur Realität bei.  Erst spät im Buch wird aus dem hässlichen Zerrbild der Gegenwart eine  noch viel hässlichere Zukunft. Abscheu und eine sieche Akklamation fesseln den Leser oder in unserem Fall den Hörer. Ich habe das Buch am Ende dann noch fertig gehört UND gelesen. Es hält, was es verspricht. Bitter bis zum Ende. Selbst der aufglimmende Funke von Hoffnung erlischt. Als wäre es den Protagonisten nicht mehr möglich, eigene Entscheidungen zu treffen.

"Wenn ein Mensch nicht wählen kann, hört er auf, Mensch zu sein" (Anthony Burgess in Clockwork Orange)

Der TITEL: Der den Titel gebende Musikstil Grime ist tatsächlich im Londoner Eastend entstanden. Kaputte, aggressive No Future Jugendbewegung. Punk von heute.

Die AUTORIN: (oder "an die Autorin") Das Buch hat die Wucht eines Dampfhammers. Dabei wird mit dessen Hilfe ein virtuos gefaltetes Stück Stahl geschmiedet. Glühend die Sprache, hitzig die Sicht der Dinge, scharf die Zunge und tödlich die Sense.

Ich würde dieses Buch gerne vollständig verehren und lieben können. Ich bin seit den ersten paar Minuten des Zuhörens und später des Lesens fasziniert. Ich hätte diesem Buch gerne den (zeitgemäßen) Stellenwert eines "Der Report der Magd" von Margaret Atwood und die treffsichere Kühle eines "Unterleuten" von Juli Zeh attestiert. Immer wieder zwischendrin war ich auch davon überzeugt, dass ich am Ende genau an diesem Punkt stehen würde. So wie ich es sehe gibt es eine gewaltige Gruppe Fans, die das wohl auch so sehen. Nichts für ungut. Ich liebe das Buch (und mittlerweile auch weitere), aber manchmal ist mir die eskalierende Frustration zu Y lastig, der Fokus zu zentriert, die exemplarischen Lebenswege zu plakativ. Für den Olymp reicht es mir nicht ganz. Aber vermutlich soll dieses Buch ja gar nicht meinen persönlichen Gerd Award bekommen, sondern einfach nur Luft machen, aufrütteln und schreien. Und das kann es hervorragend. Ich gebe nur zu bedenken, dass man mit extremer Provokation selten Erkenntnis oder Sympathie für die Sache erzeugt. Und der reale Bezug braucht mehr als nur zustimmendes Nicken aus den eigenen Reihen.

Manchmal muss man sich halt einfach Luft machen. Und bei derart eloquenter Stimme kommt dann ein Buch heraus, dessen Lektüre ich (mit Verspätung) einfach nur empfehlen muss.

RCE – #RemoteCodeExecution
Berg, Sibylle
Kiepenheuer & Witsch 2022
Hardcover 9783462001648 € 26,00

GRM – Brainfuck
Berg, Sibylle
Kiepenheuer & Witsch 2019
Hardcover 9783462051438 € 25,00
Paperback 9783462000207 € 14

Die ENTSCHULDIGUNG: Ich gestehe es. Ich bin relativ unbedarft an diesen Roman von Sibylle Berg herangegangen. Diese Naivität war bereits nach wenigen Seiten vaporisiert. Irgendwie zwischen Faszination, Fassungslosigkeit und Impertinenz.

Ich bin wegen der Fortsetzung "RCE – #RemoteCodeExecution" zufällig im Kundengespräch über das Buch gestolpert. Wie so oft schamvoll versteckt im Verlagsprogramm ohne Hinweis auf Science Fiction oder Dystopie.

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Unter den Sternen von Tha

von am 17. August 2022 Kommentare deaktiviert für Unter den Sternen von Tha

Heribert Kurth
UNTER DEN STERNEN VON THA.
Die Niederschriften zum Fonpo-Rätsel.
Winnert, p.machinery, 2020, 227 S.
ISBN 978-3-95765-169-3 / 15,90 Euro

Es passiert mir nur noch äußerst selten, dass ich das Buch eines deutschen Autors lese (gar ein Erstlingswerk) und mir schon über dessen „Einsortierung“ (Roman oder Geschichtensammlung) nicht klar werden kann, geschweige denn darüber, was ich davon halten soll. Deshalb ist diese Besprechung unter anderem auch ein Klärungsprozess für das Gemüt des Rezensenten.
Was zuerst (auch optisch) auffällt, ist die extreme „Kleinteiligkeit“ des Textes. Es handelt sich um hunderte von Ideen-Keimen, oftmals nur wenige Sätze lang, manchmal ein paar Seiten, nur selten ganze Kapitel. Aneinandergelegt (wenn auch erst nach einer Sortierung durch das Leserhirn) ergeben diese Puzzleteile ein stimmiges Gesamtbild – aber die einzelnen „Keime“ enthaltenen oftmals ganz eigenständige Bilder, aus denen sich dutzende exzellenter Kurzgeschichten machen ließen.
Den Inhalt dieser (laut Untertitel) „Niederschriften zum Fonpo-Rätsel“ könnte man gleichermaßen als Zukunfts-Historie (unsere nächsten 500.000 Jahre!) wie als originellen Weltschöpfungs-Mythos (wo und wann begann das alles?) beschreiben, allerdings braucht Kurth für seine Ausarbeitung kaum mehr als 200 Seiten.
Und während ich noch über Vorläufer wie Olaf Stapledon oder J. R. R. Tolkien nachsinnen wollte, legte mir der Zufall die kaum vier Seiten umfassende Kurzgeschichte „Und so weiter, und so weiter“ von James Tiptree Jr. in die Hände – es gereicht beiden zur Ehre: Tiptree dafür, Jahrzehnte vorher Kurths Vorstellungen bereits auf ein Atom konzentriert zu haben, und Kurth dafür, bei diesem Vergleich durchaus bestehen zu können.
UNTER DEN STERNEN VON THA versucht sich daran, eine Gesamtschau menschlicher Politik, Kultur und Religion zu entwerfen, ohne dabei allzu sehr ins Metaphysische und Schwammig-Religiöse abzudriften. Einer meiner Lieblings-Ideen-Keime ist Kurths ganz pragmatischer Entwurf für ein „Valutaregister“ – (s)eine Form eines galaxisweiten Grundeinkommens!
Ein befreundeter Buchhändler pflegte, wenn er einem seiner eifrigen Adepten ein Buch mit besonderem Nachdruck ans Herz legen wollte, zu sagen, dass man ebenjenen Titel „nicht Jedem“ empfehlen könne. Das machte aus Buch und Leser ein magisches Amalgam und beförderte gleichermaßen Leselust und Aufmerksamkeit.
In diesem Sinne ist UNTER DEN STERNEN VON THA definitiv ein Buch, das ich „nicht Jedem“ empfehlen kann.

Horst Illmer

Heribert Kurth
UNTER DEN STERNEN VON THA.
Die Niederschriften zum Fonpo-Rätsel.
Winnert, p.machinery, 2020, 227 S.
ISBN 978-3-95765-169-3 / 15,90 Euro

Es passiert mir nur noch äußerst selten, dass ich das Buch eines deutschen Autors lese (gar ein Erstlingswerk) und mir schon über dessen „Einsortierung“ (Roman oder Geschichtensammlung) nicht klar werden kann, geschweige denn darüber, was ich davon halten soll. Deshalb ist diese Besprechung unter anderem auch ein Klärungsprozess für das Gemüt des Rezensenten.

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Titans Kinder

von am 8. August 2022 Kommentare deaktiviert für Titans Kinder

Aiki Mira
TITANS KINDER. Eine Space-Utopie.
Winnert, p.machinery, 2022, 194 Seiten
ISBN 978-3-95765- 294-2
Kartoniert / 14,90 Euro

Dieses Jahr scheint das Jahr des literarischen Durchbruchs für Aiki Mira zu sein: Nicht nur, dass sie für ihre Geschichte „Utopie 27“ (aus der Hirnkost-Anthologie AM ANFANG WAR DAS BILD) sowohl den Kurd Laßwitz Preis als auch den Deutschen Science Fiction Preis abräumen konnte, bei p.machinery erschien mit TITANS KINDER auch ihr erster Roman.

Als der ESA-Astronaut Marlon kurz vor Erreichen des Mars erfährt, dass er mit seinen zwei Kolleginnen auf einer Geheimmission und ihr eigentliches Ziel der Saturn-Mond Titan ist, braucht er einige Zeit, um das zu verarbeiten und akzeptieren zu können. Als die ESP3 Titan schließlich erreicht und Marlon endlich mehr über die Hintergründe erfährt, vor allem aber, als er die inzwischen auf dem Titan etablierte Mensch-Alien-Kolonie näher kennen lernt, ist er mit seinem Schicksal, nie wieder zur Erde zurückkehren zu können, versöhnt.

Auf nicht einmal 200 Seiten entwickelt Mira „eine Space-Utopie“, die gleichermaßen auf großen Genre-Klassikern wie Arthur C. Clarke und Robert A. Heinlein aufbaut und doch erzähltechnisch absolut auf der Höhe der Zeit ist. In TITANS KINDER gibt es Raumschiffe und KIs, Aliens und Genderprobleme, internationale Verwicklungen und hilfreiche NGOs.

Wenn es nicht so abgedroschen klänge, würde ich sagen: Ich habe die Zukunft der deutschen Science Fiction gesehen!

Horst Illmer

Aiki Mira
TITANS KINDER. Eine Space-Utopie.
Winnert, p.machinery, 2022, 194 Seiten
ISBN 978-3-95765- 294-2
Kartoniert / 14,90 Euro

Dieses Jahr scheint das Jahr des literarischen Durchbruchs für Aiki Mira zu sein: Nicht nur, dass sie für ihre Geschichte „Utopie 27“ (aus der Hirnkost-Anthologie AM ANFANG WAR DAS BILD) sowohl den Kurd Laßwitz Preis als auch den Deutschen Science Fiction Preis abräumen konnte, bei p.machinery erschien mit TITANS KINDER auch ihr erster Roman.

Als der ESA-Astronaut Marlon kurz vor Erreichen des Mars erfährt,

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Nachruf auf H. W. Franke (1927 – 2022)

von am 20. Juli 2022 Kommentare deaktiviert für Nachruf auf H. W. Franke (1927 – 2022)

Herbert W. Franke ist im Alter von 95 Jahren gestorben!
Wie jetzt? War das nicht erst gestern, dass ich ihm in der EXODUS zu seinem 90. Geburtstag gratuliert habe – und kurz vorher in der phantastisch! die Frage stellte: „Was macht eigentlich … Herbert W. Franke?“ So war es eigentlich immer mit diesem Wiener Tausendsassa – wenn man ihn irgendwo dingfest machen wollte, war er schon wieder weiter. Rastlos verfolgte er mehr als ein halbes Dutzend Karrieren, von denen jede Einzelne für einen „Normalmenschen“ ausgereicht hätte. Egal ob als Schriftsteller, Herausgeber, Dichter, Dramatiker, Höhlenforscher, Computer-Künstler, Philosoph, Philologe, Futurologe, immer gab er sein Bestes und immer stellte er sein Publikum zufrieden. Experimentierfreudig, innovativ, unabhängig – all dies traf auf Herbert W. Franke zu wie auf kaum einen anderen deutschsprachigen Künstler, der sich in die vermeintlichen Niederungen der Genreliteratur begeben hat. Unbedingt hinzufügen muss ich an dieser Stelle noch ein „großzügig“! In den Genuss dieser Großzügigkeit kamen 1980 eine Handvoll junger Science-Fiction-Fans aus Würzburg, die, ohne große Ahnung und eigentlich recht naiv und respektlos, den arrivierten Professor Doktor Franke anschrieben, ob er nicht „irgendwas“ hätte, das sie in ihrem, noch in Planung befindlichen, neuen „Magazin für Science-Fiction“ veröffentlichen könnten? Unfassbar freundlich und eben auch großzügig stellte Herbert W. Franke uns das Drehbuch für sein soeben fertiggestelltes Fernsehspiel „Die Stimmen der Sylphiden“ (Produziert vom ZDF) zur Verfügung, das dann auch das Herzstück des ersten COSMONAUT wurde. (Für meine Illustrationen wage ich mich bis heute nicht zu entschuldigen – ich war jung und wollte den Ruhm.) Als „Bezahlung“ (natürlich hatte Franke von uns keinerlei Entlohnung verlangt) sandten wir ihm damals zwei „Bocksbeutel“ – und unseren tief empfundenen Dank.
Prof. Dr. phil. Herbert W. Franke wurde am 14. Mai 1927 in Wien geboren. An der dortigen Universität studierte er Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie. 1950 Dissertation zum Doktor der Philosophie. Von 1973 bis 1997 hatte er einem Lehrauftrag für »Kybernetische Ästhetik und Computerkunst« an der Universität München. Weitere Lehraufträge u. a. für Computergrafik an der Akademie der Bildenden Künste München und für eine »Einführung in die Science-Fiction-Literatur« an der Hochschule für Gestaltung in Bielefeld. 1979 war er Mitbegründer des ARS ELECTRONICA-Festivals in Linz, Österreich. 1980 wurde Herbert W. Franke zum Mitglied des deutschen PEN-Clubs gewählt; im selben Jahr wurde ihm der Berufstitel Professor verliehen. Seit 1957 veröffentlichte Franke Sachbücher und erzählende Texte, darunter etwa 20 SF-Romane, mehrere Story-Sammlungen und Dutzende Anthologien. Er war jahrelang für die SF-Programme der Verlage Goldmann und Heyne verantwortlich, gab bei Ullstein 1984 die Reihe „Ozeanische Bibliothek“ heraus, und erhielt für sein Schaffen mehrfach den Deutschen Science Fiction Preis und den Kurd Laßwitz Preis. Seit 2015 sind in der von p.machinery veranstalteten Herbert W. Franke-Werkausgabe bereits 18 Bände erschienen.
Am 16. Juli 2022 informierte seine Frau Susanne Päch die Öffentlichkeit über das Ableben ihres „geliebten Dinosauriers“ (Päch).

Horst Illmer

Herbert W. Franke ist im Alter von 95 Jahren gestorben!
Wie jetzt? War das nicht erst gestern, dass ich ihm in der EXODUS zu seinem 90. Geburtstag gratuliert habe – und kurz vorher in der phantastisch! die Frage stellte: „Was macht eigentlich … Herbert W. Franke?“ So war es eigentlich immer mit diesem Wiener Tausendsassa – wenn man ihn irgendwo dingfest machen wollte, war er schon wieder weiter. Rastlos verfolgte er mehr als ein halbes Dutzend Karrieren, von denen jede Einzelne für einen „Normalmenschen“ ausgereicht hätte.

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Zerbrechliche Dinge: Geschichten und Wunder

von am 15. Juni 2022 Kommentare deaktiviert für Zerbrechliche Dinge: Geschichten und Wunder

Neil Gaiman
ZERBRECHLICHE DINGE: Geschichten und Wunder
Eichborn; 1. Aufl. 2019 Edition (29. März 2019)
Taschenbuch: ‎ 416 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3847906551

Die Sammlung von Erzählungen in ZERBRECHLICHE DINGE habe ich mir gekauft, weil Neil Gaiman freilich als Garant für gute Stories gilt und weil die Geschichtensammlung den Titel "Eine Studie in Smaragdgrün" enthält, in der mein guter Freund Sherlock Holmes ermittelt.

ZERBRECHLICHE DINGE (im Original: "Fragile Things – Short Fictions & Wonders") erschien bereits 2006. Die hier von Eichborn 2019 veröffentlichte Kurzgeschichtensammlung enthält Prosa und Lyrik aus mehr als 10 Jahren Gaiman (1995 bis 2006). Im Gegensatz zur deutschen Erstveröffentlichung bei Klett-Cotta im Jahre 2010 sind alle 23 Geschichten, acht Gedichte und auch das längere Vorwort der englischen Originalausgabe enthalten.

Neil Richard Gaiman (am 10. November 1960 in Portchester geboren) ist ein recht bekannter britischer Autor zahlreicher Science-Fiction- und Fantasygeschichten, Comics und Drehbücher. Zu seinen bekanntesten Werken dürften das Jugendbuch Coraline, die Serie Sandman und mehrfach ausgezeichnete Bücher wie American Gods (2002), Anansi Boys (2006), The Graveyard Book (2008) und der Roman Der Ozean am Ende der Straße (2013) zählen. Im Jahr 2019 wurde Neil Gaiman für sein Lebenswerk sogar in die Science Fiction and Fantasy Hall of Fame aufgenommen.

Der Umfang seiner Geschichten in ZERBRECHLICHE DINGE bewegt sich zwischen einer Seite und knapp 60 Seiten, die Stories lassen sich daher allesamt gut am Abend vor dem Einschlafen lesen. Die Erzählungen und Gedichte machen wieder einmal deutlich, dass Gaiman ein ausgesprochen guter Stilist ist, der recht wunderbar schreiben kann, was Dank der sehr guten Leistung der Übersetzer unterstrichen wird.

Aber Achtung: Zu sehen ist bei ZERBRECHLICHE DINGE, dass der Inhalt Gaimans Erzählungen mit dem stilistischen Niveau des Autors mitunter nicht immer mitzieht. Gaiman besticht zwar auch hier meist durch brillanten Stil und traumhaft skurrile Atmosphäre (a la Sandman), die er für den Leser in ZERBRECHLICHE DINGE "herbeizaubert", jedoch sind andererseits der Plot und das Ende der Geschichten (jedenfalls für mich) oft nicht so herausragend, wie es Gaimans Stil eigentlich fordern müsste.

In ZERBRECHLICHE DINGE passen das Niveau von Plot einerseits (oft mittelmäßig) und Stil andererseits (meist grandios) nicht immer zusammen. Freilich gibt es hier auch richtig gute Geschichten, wie die Story “Eine Studie in Smaragdgrün”, welche den Meisterdetektiv Holmes bei seinen Ermittlungen in einer Parallelwelt a la Lovecraft zeigt.

Unter dem Strich kann ich (mit Abstrichen) ZERBRECHLICHE DINGE durchaus empfehlen, es ist kein Meisterwerk, jedoch gute Unterhaltung, vor allem Fans von Sprache und Stil (für die auch ein "unrunder" Plot kein Problem ist) kommen hier auf ihre Kosten.

MITCH

Neil Gaiman
ZERBRECHLICHE DINGE: Geschichten und Wunder
Eichborn; 1. Aufl. 2019 Edition (29. März 2019)
Taschenbuch: ‎ 416 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3847906551

Die Sammlung von Erzählungen in ZERBRECHLICHE DINGE habe ich mir gekauft, weil Neil Gaiman freilich als Garant für gute Stories gilt und weil die Geschichtensammlung den Titel "Eine Studie in Smaragdgrün" enthält, in der mein guter Freund Sherlock Holmes ermittelt.

ZERBRECHLICHE DINGE (im Original: "Fragile Things – Short Fictions &

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Pantopia

von am 13. Juni 2022 Kommentare deaktiviert für Pantopia

Theresa Hannig
PANTOPIA. Roman.
Frankfurt, Fischer TOR, 2022, 460 Seiten
ISBN 978-3-596-70640-2 / 16,99 Euro
Klappenbroschur

Die 1984 geborene Theresa Hannig entwickelt sich nach ihrem überraschend erfolgreichen Erstlings-Duo DIE OPTIMIERER / DIE UNVOLLKOMMENEN (Bastei Lübbe) zu einer der interessantesten Autorinnen im Bereich der deutschen Science Fiction.

Wenn PANTOPIA ein Kriminalroman wäre, würde er auf Seite 10 enden. Denn dort „verrät“ die Autorin bereits, wie die Geschichte ausgeht. Glücklicherweise handelt es sich hier jedoch um einen Science-Fiction-Roman und in diesem Fall gilt immer noch: Das Wichtigste ist „die Idee“ und „Der Weg ist das Ziel“.
Wenn ich einen gewöhnlichen Roman besprechen würde, wäre meine Rezension hier zu Ende, denn eigentlich habe ich schon zu viel „verraten“. Glücklicherweise handelt es sich hier jedoch um eine Utopie von Theresa Hannig – und wenn es irgendwo „unzuverlässige“ Erzähler*innen gibt, dann in utopischen Geschichten.
Es könnte also alles auch ganz anders gewesen sein.

Bei Fischer TOR ist soeben Hannigs neuer Roman PANTOPIA erschienen, in dem sie es tatsächlich wagt, eine Utopie nicht nur anzudenken, sondern als erfolgversprechende Möglichkeit durchzudeklinieren. Im Gegensatz zu den meisten mir bekannten Büchern ihrer Kollegen, sieht Hannig in der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz eine Chance (wenngleich auch nur eine kleine) für das Überleben der menschlichen Zivilisation.
Allein dafür gebührt ihr schon jede Menge Respekt; unabhängig von solchen Vorschusslorbeeren zeigt sich dann zudem noch, dass Hannig eine glänzende Erzählerin ist, sodass schon in diesem Frühjahr einer der wichtigsten Romane des Jahres 2022 vorliegt.
Unbedingt lesenswert.

Horst Illmer

Theresa Hannig
PANTOPIA. Roman.
Frankfurt, Fischer TOR, 2022, 460 Seiten
ISBN 978-3-596-70640-2 / 16,99 Euro
Klappenbroschur

Die 1984 geborene Theresa Hannig entwickelt sich nach ihrem überraschend erfolgreichen Erstlings-Duo DIE OPTIMIERER / DIE UNVOLLKOMMENEN (Bastei Lübbe) zu einer der interessantesten Autorinnen im Bereich der deutschen Science Fiction.

Wenn PANTOPIA ein Kriminalroman wäre, würde er auf Seite 10 enden. Denn dort „verrät“ die Autorin bereits, wie die Geschichte ausgeht. Glücklicherweise handelt es sich hier jedoch um einen Science-Fiction-Roman und in diesem Fall gilt immer noch: Das Wichtigste ist „die Idee“ und „Der Weg ist das Ziel“.

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Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug: Ein Pflichttanz mit dem Tode

von am 8. Juni 2022 Kommentare deaktiviert für Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug: Ein Pflichttanz mit dem Tode

Kurt Vonnegut mit Ryan North (Text) & Albert Monteys (Bilder)
SCHLACHTHOF 5 ODER DER KINDERKREUZZUG: EIN PFLICHTTANZ MIT DEM TODE.
Ü: Matthias Wieland
(SLAUGHTERHOUSE-FIVE / 2020)
Ludwigsburg, Cross Cult, 2022, 192 S.
ISBN 978-3-96658-504-0 / 35,00 Euro
Hardcover-Album

Ich kenne und liebe Vonneguts Roman SLAUGHTERHOUSE-FIVE/SCHLACHTHOF 5 seit vielen Jahrzehnten, habe ihn immer mal wieder zur Hand genommen (auch mehrfach rezensiert) und betrachtete den Hinweis auf eine Visualisierung via Bildergeschichte mit etwas zwiespältigen Gefühlen.

Nun, nach der Lektüre der Graphic Novel SCHLACHTHOF 5 ODER DER KINDERKREUZZUG, für deren Skript der Kanadier Ryan North verantwortlich zeichnet und deren Bilder vom Spanier Albert Monteys stammen, überwiegt die Erleichterung: Dieses Buch war ein Monument seit es 1969 erschienen ist – und es ist ein monumentaler Comic daraus geworden!

Autor und Zeichner nehmen sich viel Raum (fast 200 Seiten) und „übersetzen“ Vonneguts Text gekonnt und respektvoll ins Medium Comic. Beachtlich ist dabei, dass sie nicht nur die, auch bei Vonnegut schon vorhandenen, plakativen Szenen von Sex, Gewalt und Alien-Exotik in den Vordergrund stellen und so billige Effekthascherei betreiben, sondern ihren Protagonisten Billy Pilgrim ebenso geduldig wie liebevoll auch dann begleiten, wenn er sinnend im Bett liegt, Patienten in seiner Praxis untersucht, mit Geschäftsfreunden langweilige Partys feiert oder geduldig die besorgten Vorwürfe seiner Tochter über sich ergehen lässt.

SCHLACHTHOF 5 ODER DER KINDERKREUZZUG war schon immer mehr als „nur“ ein Anti-Kriegsbuch oder ein Science-Fiction-Roman oder eine satirische Zustandsbeschreibung der menschlichen Rasse: Vonneguts Text ist ein erzählerisches Meisterwerk, ein Jahrhundertbuch – und die Graphic Novel von North und Monteys wird dem absolut gerecht.

Die Transformation in ein anderes Medium ist geglückt und so wird SCHLACHTHOF 5 ODER DER KINDERKREUZZUG nicht nur Menschen erfreuen, die das Original noch nicht kennen, sondern auch allen anderen Vergnügen beim „Wieder-Lesen“ bereiten.

Horst Illmer

Kurt Vonnegut mit Ryan North (Text) & Albert Monteys (Bilder)
SCHLACHTHOF 5 ODER DER KINDERKREUZZUG: EIN PFLICHTTANZ MIT DEM TODE.
Ü: Matthias Wieland
(SLAUGHTERHOUSE-FIVE / 2020)
Ludwigsburg, Cross Cult, 2022, 192 S.
ISBN 978-3-96658-504-0 / 35,00 Euro
Hardcover-Album

Ich kenne und liebe Vonneguts Roman SLAUGHTERHOUSE-FIVE/SCHLACHTHOF 5 seit vielen Jahrzehnten, habe ihn immer mal wieder zur Hand genommen (auch mehrfach rezensiert) und betrachtete den Hinweis auf eine Visualisierung via Bildergeschichte mit etwas zwiespältigen Gefühlen.

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Supernova

von am 30. Mai 2022 Kommentare deaktiviert für Supernova

Cixin Liu
SUPERNOVA
Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (13. Dezember 2021)
Broschiert: ‎ 512 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3453320314

Liu präsentiert mit SUPERNOVA einen doch recht bemerkenswerten Roman, der ursprünglich aus dem Jahr 2003 stammt und quasi als sein Debüt gilt.

Die titelgebende Strahlenwolke ("Supernova") aus dem All löst auf Erden eine schleichende Katastrophe aus. Alle Menschen mit dem Alter über 13 Jahre erkranken und werden bald sterben, da ihre genetische Regenerationsrate zum Überleben zu niedrig ist. Der Menschheit bliebt nicht viel Zeit, um die immunen Kinder dieser Erde auf das "Überleben", d.h. das Leben ohne Erwachsene auf dem Planeten, vorzubereiten. Ausgangspunkt ist zunächst der Blickwinkel einer Gruppe chinesischer Kinder, die später ab dem Tag X als Regierungseinheit fungieren und das Land regieren sollen. Später im Buch werden auch die Sichtweisen von weiteren Kindern anderer Nationen und Gruppen erzählt.

Der gefühlte erste (kürzere) Teil von SUPERNOVA (der die weltweiten Vorbereitungen auf den Todestag der erwachsenen Menschheit beschreibt) hat mich echt gepackt und ich war gespannt auf den Fortgang der Geschichte.

Als dann ab dem Tag X (quasi der zweite Teil des Buches) die Kinder die Macht auf dem Planeten inne hatten, da entfaltete sich eine teilweise recht skurrile und manchmal eher unglaubwürdige Geschichte, welche vor allem der kindlichen Unvernunft und dem infantilen Streben nach Spass und Lustgewinn der Überlebenden geschuldet ist. Liu bringt in der Geschichte einerseits ein doch recht "krasses" Kinderbild zu Tage, andererseits fragte ich mich häufig, ob die innere Natur von Kindern tatsächlich so spassorientiert, so wert- und moralfrei, sowie so sadistisch und grausam sein kann, wie von Liu beschrieben.

Lius halbwegs voluminöser Roman SUPERNOVA ist trotz seiner Schrägheit im Großen und Ganzen schlüssig, der Inhalt war für mich neu und erfrischend, sowie mitunter durchaus rasant, das Buch kommt polarisierend und diskussionswürdig daher. Ich würde das Werk zwar nicht als grandios bezeichnen, jedoch als soliden, neuartigen und guten SF-Roman, der mit außergewöhnlichen Ideen und Bildern aufwartet und sich mit der beim Lesen immer weiter wachsenden Neugier sehr gut weglesen lässt.

MITCH

PS: Nachtrag: 26.02.2022: Ohne Zuviel verraten zu wollen, muss noch erwähnt werden, dass im Buch auch das Thema Weltkrieg eine große Rolle spielt und die Geschichte daher mit Blick auf die aktuelle Russlandkrise und den Krieg in der Ukraine für den ein oder anderen Leser womöglich "bitter aufstoßen" könnte.

Cixin Liu
SUPERNOVA
Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (13. Dezember 2021)
Broschiert: ‎ 512 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3453320314

Liu präsentiert mit SUPERNOVA einen doch recht bemerkenswerten Roman, der ursprünglich aus dem Jahr 2003 stammt und quasi als sein Debüt gilt.

Die titelgebende Strahlenwolke ("Supernova") aus dem All löst auf Erden eine schleichende Katastrophe aus. Alle Menschen mit dem Alter über 13 Jahre erkranken und werden bald sterben, da ihre genetische Regenerationsrate zum Überleben zu niedrig ist.

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Die wandernde Erde: Erzählungen

von am 23. Mai 2022 Kommentare deaktiviert für Die wandernde Erde: Erzählungen

Cixin Liu
DIE WANDERNDE ERDE: ERZÄHLUNGEN
Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (14. Januar 2019)
Broschiert: ‎ 688 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3453319240

DIE WANDERNDE ERDE ist ein sehr lesenswertes Buch mit 11 ausgesprochen gut durchdachten und phantasievollen Science-Fiction-Novellen. Ich bin durch ein tolles Video auf dem Phantastik-Rezensionskanal creepy creatures review (dort stellt Florian Jung schon seit vielen Jahren authentisch und kompetent Bücher vor allem aus den Genre Horror, Science-Fiction und Fantasy vor) auf den Band gestoßen und habe es mir dann gleich gekauft und gelesen.

Vom Inhalt möchte ich gar nicht so viel verraten. Bereits die erste namensgebende Geschichte "Die wandernde Erde" trieft nur vor neuen Ideen und grandiosem Plot. Die Erde steht kurz vor ihrem Ende, weil die Sonne angeblich erlöschen soll und dabei den Planeten zerstören würde. Die Menschen haben einen furiosen und durchaus umstrittenen Plan zur Rettung, der sich bereits in Umsetzung befindet: Auf der ganzen Welt werden atomare Raketenantriebe installiert, um die Erde (quasi wie ein Raumschiff) aus ihrer Umlaufbahn bringen zu können. Denn die Erde braucht ein neues Sonnensystem, und auf jenen Weg dorthin muss sich der Planet begeben. Liu schildert eindrücklich die Folgen einer solchen Szenerie, vor allem im Miteinander der Menschen … mehr wird nicht verraten.

Liu dürfte vielen bereits ein Begriff sein, denn er ist momentan einer der erfolgreichsten chinesischen Science-Fiction-Autoren überhaupt. 1988 absolvierte Liu, dessen Eltern Minenarbeiter waren, in Zhengzhou eine Technikerausbildung. Anschließend arbeitete er als Computertechniker in einem abgelegenen Kraftwerk in seiner Heimatprovinz Shanxi. Seine Erfahrungen und sein technisches Wissen aus dieser Zeit hat Liu auch in DIE WANDERNDE ERDE verarbeitet. Seine Romane und Erzählungen sind also "von wissenschaftlichem Feeling" durchdrungen, seine Werke wurden bereits viele Male mit dem Galaxy Award prämiert. Cixin Lius Roman »Die drei Sonnen« wurde 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird als ein Meilenstein der Science-Fiction bezeichnet.

DIE WANDERNDE ERDE bietet ein tolles Sammelsurium von einmaligen Kurzgeschichten, die das Leser- und Science-Fiction-Herz höher schlagen lassen. Also ein Buch, welches ich sehr gerne empfehle!

MITCH

Cixin Liu
DIE WANDERNDE ERDE: ERZÄHLUNGEN
Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (14. Januar 2019)
Broschiert: ‎ 688 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3453319240

DIE WANDERNDE ERDE ist ein sehr lesenswertes Buch mit 11 ausgesprochen gut durchdachten und phantasievollen Science-Fiction-Novellen. Ich bin durch ein tolles Video auf dem Phantastik-Rezensionskanal creepy creatures review (dort stellt Florian Jung schon seit vielen Jahren authentisch und kompetent Bücher vor allem aus den Genre Horror, Science-Fiction und Fantasy vor) auf den Band gestoßen und habe es mir dann gleich gekauft und gelesen.

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